Gegen Gewalt und Unterdrückung

Aufklärung für geflüchtete Frauen

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Den bebilderten, neunsprachigen Flyer zum Thema Gleichberechtigung und Schutz vor Gewalt erstellte Naila Chikhi zusammen mit Flüchtlingen. Foto: Gregor Fischer

Viele Frauen unter den Flüchtlingen in Deutschland leiden weiter unter den patriarchalen Strukturen ihrer heimatlichen Gesellschaften. Sie müssen erst lernen, dass sie hier viel mehr Rechte gegenüber Männern haben.

Berlin (dpa) - Die gebürtige Algerierin Naïla Chikhi arbeitet in Berlin für die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Zusammen mit Flüchtlingen erstellte sie einen bebilderten, neunsprachigen Flyer zum Thema Gleichberechtigung und Schutz vor Gewalt.

Wie stehen Frauen aus arabischen Ländern dem Thema Gleichberechtigung und Frauenrechte in Deutschland gegenüber?

Es ist ein sensibles Thema, aber es hat sehr geholfen, dass wir bei den Gesprächen nur unter Frauen waren. Die meisten fanden es sehr gut, dass wir mit ihnen darüber sprachen und sie bei der Entwicklung des Flyers einbezogen haben. Manche Frauen waren aber verunsichert, schüchtern und wollten nicht ihre Meinung sagen. Das galt besonders für Frauen aus Pakistan und Afghanistan. Für zwei junge Syrerinnen mit Hochschulabschluss hatten wiederum ganz andere Themen Vorrang. Die wollten eine Wohnung und eine Arbeit finden. Vieles hängt vom Herkunftsland und der Bildung ab.

Was haben geflüchtete Frauen mit Männern und Gewalt erlebt?

Von den Frauen aus bestimmten Ländern, etwa Pakistan und Afghanistan, haben die meisten Gewalterfahrungen. Manche wurden schon früh zwangsverheiratet. Eine Frau deutete an, dass sie von ihrem Mann geschlagen werde. Das Thema Zwangsprostitution ist auch ein großes Problem in Afghanistan.

Können sich diese Frauen denn vorstellen, deutsche Behörden um Hilfe gegen gewalttätige Männer und Zwangsehen zu bitten?

Die Möglichkeit finden sie schon gut. In ihren Heimatländern gibt es das selten oder gar nicht. Dass sie allerdings in Deutschland zu Hilfsorganisationen oder zur Polizei gehen, wenn sie geschlagen werden, das braucht noch viel Zeit. Den Mut müssen sie erst finden. Jüngere Frauen, die tough und fit wirken, schaffen das vielleicht. Viele ältere Frauen würden das wohl nicht machen. Wenn man so lange unterdrückt gelebt hat, ist es schwierig, das schnell abzulegen.

Wovor haben die Frauen Angst?

Die Familie spielt eine große Rolle. Die Frauen denken: Wie wird mein Mann reagieren, wie die anderen Verwandten? Die Familie könnte so etwas als Verrat sehen. Dazu kommt die Sorge um die Aufenthaltserlaubnis. Sie denken, dass ihr Mann den Aufenthaltsstatus verliert, wenn sie ihn anzeigen, und dass sie dann auch zurück müssen. Viele haben schlechte Erfahrungen mit der Polizei und den männlichen Polizisten in ihrer Heimat gemacht. Ich erzähle ihnen dann: In Deutschland ist die Polizei dazu da, die Menschen zu beschützen, und es gibt viele Polizistinnen, an die sie sich wenden können.

Sie haben auch mit Männern gesprochen. Wie haben die reagiert?

Antwort: Auch sehr unterschiedlich. Manche fanden das gut, dass Frauen gleiche Rechte haben. Andere haben gesagt: Nein, das ist für unsere Frauen nicht gut, das wollen wir für unsere Frauen nicht. Das ist etwas für deutsche Frauen. Unsere Frauen sollen nach unserer Kultur leben. Da gab es in einer Männergruppe heftige Diskussionen.

Welche Rolle spielt der Islam?

Bei der Frage, ob ein Mann seine Frau schlagen darf, wurde der Koran angeführt. Da habe ich auf verschiedene Auslegungen von Religion hingewiesen, und den Mann gefragt, wie er sich fühlen würde, wenn er geschlagen wird. Man diskutiert da besser über persönliche Gefühle als über Religion und Tradition. Man sollte sich nicht auf religiöse Debatten einlassen, sondern die Menschen individuell ansprechen.

ZUR PERSON: Naïla Chikhi wurde 1980 in Algier geboren. Sie wuchs zweisprachig mit Französisch und Arabisch auf. Mit 15 Jahren verließ sie wegen des politischen Engagements ihrer Eltern das Land. Sie machte ihr Abitur in Frankreich. 1999 wanderte sie nach Deutschland aus. Sie studierte Sprach- und Kulturwissenschaft in Mainz. 2009 zog sie nach Berlin und unterrichtete Deutsch als Fremdsprache. Seit 2016 ist sie Referentin für Flucht und Frauenrechte bei der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes.

Flyer von Terre des Femmes

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