Lkw-Fahrer

Benzin-Mangel in Großbritannien: „Versorgungskollaps“ auch in Deutschland möglich?

Großbritannien hat mit einer direkten Folge des Brexit zu kämpfen: es fehlen Lkw-Fahrer. Doch auch in Deutschland wird vor einem solchen Szenario gewarnt.

Kassel – Großbritannien fehlen Schätzungen des Branchenverbandes Road Haulage zufolge rund 100.000 Lkw-Fahrer. Infolge des Austritts aus der Europäischen Union sind Zehntausende in ihre Heimatländer, vor allem nach Osteuropa, zurückgekehrt. Die Effekte sind bereits zu spüren. Sowohl in Supermärkten als auch an Tankstellen bleibt die Versorgung zunehmend auf der Strecke. An Treibstoff an sich fehlt es nicht, dafür an Lkw-Fahrern, die ihn zügig verteilen können.

Trotz eines Appells von Premierminister Boris Johnson, angesichts der Benzin-Not nicht in Panikkäufe zu verfallen, bildeten sich landesweit lange Schlangen. Dabei kam es sogar zu Prügeleien. Nun droht es auch Weihnachten Engpässe zu geben. Doch sind diese Probleme auf Großbritannien beschränkt? Auch in Deutschland ist das Szenario denkbar, warnen Experten und Branchenverbände.

Lkw stehen vor dem Hafen von Dover im Stau (Dezember 2020).

Immer weniger Lkw-Fahrer – auch in Deutschland

Vor allem durch die Arbeitnehmer-Freizügigkeit als Teil der EU ist Deutschland keinem so großen Risiko ausgesetzt wie Großbritannien nach dem Brexit. Doch auch hier zeichnen sich Probleme ab: „Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen“, so Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung gegenüber der Tagesschau. Zwischen 60.000 und 80.000 Lkw-Fahrer fehlen Deutschland demnach – Tendenz steigend. 30.000 Fahrer gingen jährlich in Rente und nur rund 15.000 Nachwuchskräfte kämen nach. „Es gibt eine weltweite Not an Fahrern“, meint Engelhardt.

Doch gleichzeitig steigt in Sachen Gütertransport der Bedarf. Im Jahr 2030 werden laut Zeit Online 20 Prozent mehr Verkehrsleistung nötig sein als noch 2017. Der Bericht beruft sich auf Zahlen des Bundesverkehrsministeriums. Deren wissenschaftlicher Beirat empfiehlt nun unter anderem an Schulen für den Beruf des Lkw-Fahrers zu werben, den entsprechenden Führerschein schon mit 17 Jahren möglich zu machen oder eine schnellere Ausbildung anzubieten.

Benzin-Krise in Großbritannien: Szenario auch in Deutschland denkbar?

Der Mangel an Fahrern hänge auch damit zusammen, dass der Beruf des Lastkraftwagenfahrers kaum als attraktiv wahrgenommen wird – auch aufgrund der schwer zu realisierenden Vereinbarung von Familie und Beruf sowie einer schlechten Bezahlung. Auch, dass Lkw als umweltschädlich und störende Verkehrsteilnehmer gelten, verstärkt das Problem. „Das schlechte Image treibt die Fahrer um. Wir brauchen eine neue Wahrnehmung des Berufs“, sagt Engelhardt.

Neben dem Brexit hat in Großbritannien auch Corona für einen Rückgang an Lkw-Fahrern gesorgt. Viele von ihnen sind zu Kurier-Unternehmen gewechselt und liefern nun Online-Einkäufe aus, die im Zuge der Pandemie immer beliebter geworden waren. Auch haben das Königreich, aber auch Deutschland, einen Teil ihrer Anziehungskraft für Lkw-Fahrer aus dem Ausland verloren, da die Gehälter anderenorts gestiegen sind.

Sollte sich der Negativ-Trend bei der Menge an Lkw-Fahrern fortsetzen, könnten Hamsterkäufe auch in Deutschland zur Realität werden, warnt die Branche. Die Probleme sind bereits identifiziert – nun, so sind sich Verbände und Politik einig, müssen Lösungen her. (lrg)

Nach der Bundestagswahl könnte der Preis für Benzin und Diesel deutlich ansteigen – auf bis zu 2,47 Euro für einen Liter Super.

Rubriklistenbild: © Gareth Fuller/dpa

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