Über Schäden nichts bekannt

Bericht: Contergan an kranken Kindern getestet

Die rheinische Firma Grünenthal hatte 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. Foto: Frank Leonhardt/dpa
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Die rheinische Firma Grünenthal hatte 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. Foto: Frank Leonhardt/dpa

Contergan steht für einen der größten Skandale in der Arzneimittel-Industrie. Erst jetzt wird bekannt, dass in einer Caritas-Heilanstalt das Schlafmittel an Hunterten kranken Kindern getestet wurde.

Mainz (dpa) - Das Medikament Contergan, das vor rund 60 Jahren zu schweren Missbildungen bei vielen Neugeborenen geführt hat, ist nach einem Bericht des ARD-Magazins "Report Mainz" damals auch an lungenkranken Kindern in Rheinland-Pfalz getestet worden.

Es sei nicht bekannt, ob Kinder dadurch geschädigt worden seien, berichtete das Magazin. Der Einfluss des Schlafmittels sei an über 300 tuberkulosekranken Kindern in der Caritas-Lungenheilanstalt in Wittlich (Kreis Bernkastel-Wittlich) untersucht worden. Die Jungen und Mädchen zwischen 2 und 14 Jahren hätten teils auch Überdosen erhalten. Ergebnisse einer entsprechenden Studie wurden dem Bericht zufolge bereits Ende 1960 veröffentlicht.

Die rheinische Firma Grünenthal hatte 1957 das Schlafmittel Contergan auf den Markt gebracht. Viele werdende Mütter nahmen es ein, auch weil es gegen Schwangerschaftsübelkeit half. Doch bald kamen weltweit etwa 10.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. In Deutschland allein waren es ungefähr 5000. 1961 zog Grünenthal das Medikament zurück.

Der Vorsitzende des Caritasverbandes der Diözese Trier, Weihbischof Franz Josef Gebert, zeigte sich in einer Stellungnahme "tief erschüttert, dass in der damals in unserer Trägerschaft befindlichen Einrichtung zu klinischen Erfahrungen mit Contergan experimentiert wurde". Und er fügte hinzu: "Uns war bis heute nichts über diesen Vorgang bekannt."

Der Verband könne derzeit nicht sagen, ob die Tests mit Einwilligung der Eltern erfolgt seien und welche Vereinbarungen es möglicherweise gegeben habe. Es solle nun versucht werden, die damaligen Vorgänge in Abstimmung mit dem jetzigen Träger der Einrichtung und dem damals für die Pflege der Kinder verantwortlichen Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi die Vorgänge aufzuklären.

Der Contergan-Hersteller Grünenthal sagte "Report Mainz", Medikamentenstudien an Kindern seien zur damaligen Zeit nicht unüblich gewesen. Aus heutiger Sicht seien sie aber nicht nachzuvollziehen. Die Contergan-Tragödie werde immer Teil der Firmengeschichte von Grünenthal bleiben. Die weitreichenden Folgen für die betroffenen Menschen bedauere man zutiefst.

© dpa-infocom, dpa:200818-99-212337/3

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