Das beliebte Regal im Laufe der Zeit

„Krank durch Billy“: Wie das „tödliche Bücherregal“ zum Ikea-Liebling wurde

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Das Billy-Regal durch die Jahre: Mithilfe leichter Anpassungen traf der Ikea-Schlager immer wieder den Nerv der jeweiligen Zeit. 

Billy wird 40 Jahre alt - und ist noch immer das meistverkaufte Regal von Ikea. Dabei war es einmal als „tödliches Bücherregal“ verschrien. Warum wir so verrückt danach sind.

Alle fünf Sekunden kauft irgendjemand auf der Welt ein Billy-Regal, sagt Ikea. Das klingt beachtlich: Bis sich auf Parship gerade mal ein einziger Single verliebt, gingen bei Ikea schon 132 Billy-Regale über die Verkaufstheken. In den Wohnzimmern der Welt gibt es viel Stauraum für Flirtratgeber und Liebesromane, aber auch für Schallplatten, Ü-Eierfiguren oder Gewürzgurken. 

Vor 40 Jahren wurde das erste Billy-Regal entworfen – und bis heute ist es nicht nur das meistverkaufte Ikea-Regal, es ist wohl auch das beliebteste Bücherregal der Welt. Und das, obwohl es in den 90er-Jahren auch mal als „tödlich“ verschrien war. Wie konnte das denn passieren? Ein Blick auf den Ikea-Liebling im Laufe der Zeit.

Das Regal des Volks

Billy ist ein demokratisch gewählter Klassiker – so drückt es zumindest der Kasseler Innenarchitekt Claus Zimmermann aus. „Und es ist vom Volk zu finanzieren“, sagt er. Diese Kombination sei es, die Billy so beliebt mache. „Es ist schlicht, praktisch und preiswert.“ Ein Konzept, das schon seit Jahrzehnten aufgeht – obwohl sich die Zeiten immer wieder geändert haben.

Als Billy 1978 von Gillis Lundgren, dem Erfinder von Do-it-Yourself-Möbeln, entworfen wurde, traf das Regal den Nerv der späten 70er-Jahre: Im Zuge der Studentenrevolte hatten sich neue Ideale entwickelt, wiePetra Eisele, Professorin für Designgeschichte, Designtheorie und Medientheorie erklärt. 

Do-it-Yourself für die Kommune

Die Kommunen stellten die traditionelle Kleinfamilie in Frage. Statt alter Schrankwände, schwerer Tische und oft vererbter Vitrinen suchte man nun leichte, praktische Möbelstücke. Ikea übte eine große Anziehungskraft aus: Es bot Do-it-Yourself-Möbel aus einfachen Materialien an. 

Klassisch, einfach und unauffällig: Das Billy-Regal im Jahr 1995.

Gerade Billy, das 1979 erstmals auf den Markt kam, passte perfekt zum Zeitgeist: Es war leicht, bestand aus Pressholz, das mit einem Kunststoff furniert war, und konnte einfach selbst aufgebaut werden. Schnell schraubte man es in Kommunen zusammen, es stand unauffällig in Studenten-WGs. „Das Regal trat optisch bescheiden hinter das aufregende Leben seiner Benutzer zurück“, fasst es Eisele zusammen.

Erst Jahre später geriet Billy in eine Krise: 1992 untersuchte das Magazin „Stern“ als eines von 18 verschiedenen Regalen auch den Ikea-Schlager auf Formaldehyd, einen allergieauslösenden und giftigen Stoff. Und wurde fündig. 

"Krank durch Billy"

Die Zeitschrift veröffentlichte den Artikel: „Krank durch Billy“ und Ikea strich das Regal aus dem Sortiment. Es galt als „tödliches Bücherregal“, bis sich Ex-Kanzler Helmut Schmidt an die Geschäftsleitung wandte. Erst danach wurde das Regal vom Vorwurf der Giftschleuder befreit und wieder ins Sortiment aufgenommen. Ikea ließ anschließend die Worte „Danke Helmut“ auf Plakate drucken.

So konnte das Regal 2010 aussehen: In Billy wurden auch CD-Teile integriert.

Dankbar dürften Helmut viele Ikea-Kunden bis heute sein. Mittlerweile wurde Billy weit über 77 Millionen Mal verkauft. Von dem eigenwillig einfachen Regal der 70er-Jahre hat es sich weiterentwickelt. 

Es ist laut dem Magazin Ökotest mittlerweile schadstofffrei, Kunden können unterschiedliche Farben wählen, es gibt Aufsätze, Beleuchtungssysteme und Türen, jeder kann sich sein eigenes Billy-Regal zusammenstellen, ganz nach dem Motto: Zeig mir dein Billy und ich sag dir, wer du bist.

Das neue Billy-Regal

Billy im Jahr 2018: Heute gibt es das Regal auch mit Glastüren.

Billy hat sich dem gegenwärtigen Wunsch nach Individualität und Repräsentation, den Eisele attestiert, angepasst. Gleichzeitig ist es bescheiden geblieben – auch in der neuen Version, die es seit 2011 gibt. Seitdem hat es laut Kim Steuerwald von Ikea nun unter anderem „stärkere Böden, weniger sichtbare Bohrlöcher, abgerundete Kanten für mehr Kindersicherheit und ein helleres Weiß für einen modernen Look“ bekommen.

Bis dato waren die Regalbretter 28 Zentimeter tief und damit auf Bücher angepasst. Als die Regaltiefe nach dem Relaunch um elf Zentimeter anwuchs, ging ein Aufschrei durch die Buchwelt: Die britische Zeitung Economist schrieb: „Die Firma rechnet damit, dass Kunden ihre Regale zunehmend für Dekoelemente, Nippes und ausgefallene Kaffeetisch-Prachtbände nutzen“, statt für Bücher. Und die Zeitung Welt mutmaßte, Ikea bereite seinen Regalklassiker schon mal auf eine Welt ohne gedruckte Literatur vor.

Ikea selbst äußerte sich dazu nicht. Auch wenn alles Mögliche in den Billys dieser Welt steht, wird es bis heute als Bücherregal verkauft – und das ungebrochen erfolgreich.

Billy ist ein bisschen langweilig

Längst stehen nicht mehr nur Bücher in Billy-Regalen: Auch für Schuhe eignet sich der Ikea-Klassiker.

„Billy ist fast die reine Funktion“, erklärt Zimmermann. Es ordnet sich dem übrigen Raum und den anderen Möbelstücken unter. Der einzige Nachteil, den der Kasseler Innenarchitekt sieht: Es ist nicht transparent. Ein Billy-Regal kann man nicht als Raumteiler in die Mitte eines Zimmers stellen. Und: „Es ist ein bisschen langweilig.“ Aber das soll es wohl auch sein: Billy steht nicht selbst im Mittelpunkt, stattdessen rückt es die Dinge in den Mittelpunkt, die man hineinstellt. Ganz egal, ob es Bücher, Teekannen oder Pumps sind.

Vielleicht legt sich ja auch das ein oder andere Paar, das sich auf Parship gefunden hat, irgendwann ein Billy-Regal zu. Und egal, ob es Billy für Beziehungsratgeber nutzt oder darin Hochzeitsfotos in einem elektronischen Bilderrahmen präsentiert: Wir sagen beiden – Käufer und Regal: herzlichen Glückwunsch.

Das Billy-Regal von Ikea im Laufe der Jahrzehnte

Klassisch, einfach und unauffällig: Das Billy-Regal im Jahr 1995.
Klassisch, einfach und unauffällig: Das Billy-Regal im Jahr 1995. © Ikea
Auch im Jahr 2000 fand man Billy im privaten Wohnzimmer genauso wie im Büro.
Auch im Jahr 2000 fand man Billy im privaten Wohnzimmer genauso wie im Büro. © Ikea
Im Jahr 2005 war es auch möglich, ganze Schrankwände mit Billys zu kreieren.
Im Jahr 2005 war es auch möglich, ganze Schrankwände mit Billys zu kreieren. © Ikea
Mit oder ohne Türen erhältlich: Billy im Jahr 2010.
Mit oder ohne Türen erhältlich: Billy im Jahr 2010. © Ikea
So konnte das Regal 2010 aussehen: In Billy wurden auch CD-Teile integriert.
So konnte das Regal 2010 aussehen: In Billy wurden auch CD-Teile integriert. © Ikea
Heute kann Billy ganz unterschiedlich aussehen: Das Regal im Jahr 2018.
Heute kann Billy ganz unterschiedlich aussehen: Das Regal im Jahr 2018. © Ikea
Billy im Jahr 2018: Heute gibt es das Regal auch mit Glastüren.
Billy im Jahr 2018: Heute gibt es das Regal auch mit Glastüren. © Ikea

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