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Öko im Discounter? So passen Bio-Ideale mit Billigpreisen zusammen

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Von: Martina Hummel

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Lust an Bio-Lebensmitteln wächst: Inzwischen haben auch Discounter Öko-Produkte im Regal.
Lust an Bio-Lebensmitteln wächst: Inzwischen haben auch Discounter Öko-Produkte im Regal. © Daniel Karmann/dpa

Vertragen sich die Bio-Ideale mit der Billigpreis-Strategie von Discountern? Wir haben mit einer Expertin gesprochen und stellen ausgewählte Bio-Siegel vor.

Silke Schwartau leitet den Bereich Ernährung der Verbraucherzentrale Hamburg.

Passen Discounterhandel und Bio-Lebensmittel überhaupt zusammen?

Ich denke schon. Die Discounter haben zwar nicht die Bio-Lebensmittel erfunden, aber es gibt heute schon Bio-Supermärkte. Aus Ökologie-, Nachhaltigkeit- und Klimaschutzgründen ist es nicht nur aus Verbrauchersicht umso besser, je mehr Bio-Lebensmittel gekauft werden.

Ist Bio gleich Bio?

Wir haben das europäische Biosiegel, aber es gibt auch schärfere, etwa Demeter, Bioland und Naturland. Bioland findet man bereits beim Discounter im Milchregal. Nicht in der Menge und auch die Produkte sind nicht so breit gefächert, aber es gibt sie. Für viele Kunden wird allerdings regionale Bioware wichtiger. Discounter können da oft nicht richtig mithalten, da sie größere Mengen einkaufen.

Also führt der Discounter Ware mit 1B-Siegel, während die anderen Läden 1A-Bioqualität verkaufen?

Pauschal lässt sich das nicht sagen, die Unterschiede der Siegel bestehen beispielsweise durch den Einsatz von Aromastoffen in Milchprodukten, bei den Futtermitteln vom eigenen Hof oder beim Platzbedarf für Tiere im Stall. Demeter, Bioland oder Naturland sind oft strenger und teurer. Bio gibt es nicht zum Nulltarif. Zunehmend wichtiger wird auch die Herkunft der Bioprodukte. Viele Kunden wollen kein Bio aus China.

Wieso?

Das hat nichts mehr mit Nachhaltigkeit zu tun, wenn diese Produkte Tausende von Kilometern nach Deutschland transportiert werden. Gefragt wird von den Kunden auch verstärkt danach, ob die Kontrollen dort tatsächlich eingehalten werden, zumal es viel Korruption gibt. Oder wie es mit der dortigen Umweltverschmutzung aussieht, die vor dem Bio-Anbau nicht halt macht. Ähnlich ist die Kritik am EU-Siegel, das Vertrauen in regionales Obst und Gemüse ist größer.

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Wo kommen diese Mengen an Bio-Lebensmitteln her? Man hat den Eindruck, das einstige Nischenprodukt wurde zur Massenware.

Soweit sind wir noch lange nicht. Die Anbauflächen in Deutschland wurden ausgeweitet, der europäische Raum ist Mitanbieter. Das macht Sinn, wenn saisonales Gemüse aus dem Land kommt, wo es schon früher als bei uns reif ist. Etwa die Tomaten aus Spanien. Andererseits sprechen die vielen Plastikabdeckungen auf den Feldern, die es dort gibt, und der Wassermangel dagegen.

Ist der Begriff Bio durch Regulierungsbehörden auf nationaler und europäischer Ebene sowie durch Lobby-Organisationen der Industrie nicht längst aufgeweicht?

Es gibt klare gesetzliche Vorgaben für die Siegel, welches Futter für die Tiere, wie viel Platz, wie viel Prozent des Produktes vom eigenen Hof kommen muss. Das wird EU-weit kontrolliert. In den letzten Jahren sind uns relativ wenig Verstöße bekannt geworden.

Wird es für die Produzenten durch das Mitmischen der Discounter leichter?

Ja, ich habe es noch erlebt, dass wir Biolebensmittel gesammelt und über Lebensmittelkooperativen verteilt haben. Später folgten die Bioläden, die Supermärkte und nun die Discounter. Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Und sie ist erfreulich, weil unter dem Strich mehr Bio gegessen wird, hinter dem letztlich mehr Naturschutz steht.

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Das mag für den deutschen Markt überprüfbar sein, aber wie sinnvoll ist die Bio-Kartoffel aus Ägypten oder der Bio-Apfel aus Neuseeland?

Natürlich fragt man sich: Müssen Transportwege über Tausende von Kilometern sein? Aber wenn dort Sommer und bei uns Winter ist, genug Sonne und Wasser im Süden vorhanden sind, warum nicht? Es ist nicht immer alles schlecht, wenn es nicht aus Deutschland oder Europa kommt, aber man muss kritischer hinschauen.

Was könnte dem Verbraucher dabei helfen?

Etwa beim Einkauf stärker auf die Siegel achten. Wir fordern eine Herkunftskennzeichnung von allen Rohstoffen, zumindest aber von den ersten dreien eines Produkts. Bei den Verbrauchern gibt es einen großen Informationsbedarf. Vereinzelt gibt es bereits Rückverfolgungssysteme, aber sie sind noch die Ausnahmen. Die Digitalisierung schreitet voran, bitte auch bei den Herkunftsangaben.

Bio und Discounter heißt das auch: Es kann nur billiger werden, zum Nachteil der Produzenten?

Die Niedrigpreispolitik der Discounter kann hier kontraproduktiv sein. Die Preise dürfen nicht so ausgehandelt werden, dass die ökologische Landwirtschaft darunter leidet. Denn der Anbau ist teurer und es wird mehr Personal gebraucht.

Wo ist die Grenze zu den regionalen Produkten auf dem Wochenmarkt?

Die Transportwege sind kurz, zur Saison des jeweiligen Gemüses ist der Unterschied zu Bio nicht allzu groß. Aber im Biobereich ist der Einsatz von vielen synthetischen Pestiziden verboten. Das ist im konventionellen Anbau meistens noch die Regel, zum Beispiel chemische Unkrautbekämpfungsmittel, Mittel gegen Schädlinge oder leichtlösliche Mineraldünger.

Silke Schwartau
Silke Schwartau © privat/nh

Silke Schwartau (61), studierte Ökotrophologie. Bei der Verbraucherzentrale in Hamburg leitet sie die Abteilung Ernährung. Seit über 40 Jahren arbeitet sie in diesem Fachbereich. Schwartau, die nichts mit dem Marmeladenkonzern zu tun hat, ist verheiratet, hat fünf Kinder und sechs Enkelkinder.

Schon gewusst?

Quelle: BUND/Ökologische Lebensmittelwirtschaft

Ausgewählte Bio-Siegel im Überblick

EU-Biosiegel

Das EU-Biosiegel
Das EU-Biosiegel © EU/nh

Biokreis

Der Biokreis
Der Biokreis © Biokreis/nh

Demeter

Das Demeter-Siegel
Das Demeter-Siegel © David Ebener/dpa

Naturland

Das Naturland-Siegel
Das Naturland-Siegel © Naturland/nh

Bioland

Das Bioland-Siegel
Das Bioland-Siegel © Bioland/nh

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