Es ging wohl um viel Geld

Bluttat in Marburg: Tödlicher Streit unter Geschäftspartnern

Marburg. Was führte zur blutigen Auseinandersetzung in Marburg, die mit dem Tod von zwei Medizinern endete? Recherchen zeigen, dass es wohl vor allem ums Geld ging. Um viel Geld.

Er galt als engagierter Radiologe, als umgänglicher Mensch. Einer, der mit Leib und Seele Arzt war und sich weit über Marburg hinaus Renommee erarbeitet hatte. Und dann wurde eben dieser 67-jährige Arzt am Donnerstag in seiner eigenen Praxis erschossen. Von einem 53-jährigen Arzt und Mit-Gesellschafter, der sich anschließend selbst erschoss. Seitdem blickt die Stadt fassungslos auf die Vorkommnisse und fragt sich, wie es so weit kommen konnte.

Die Tragödie unter den zwei Medizinern ereignete sich in einem radiologischen Diagnostikzentrum nahe dem Bahnhof, das den beiden und einem Dritten gehörte. Nach Informationen unserer Zeitung gab es zwischen den beiden Ärzten seit längerem Diskussionen um das geplante Ausscheiden des 67-Jährigen und die Abwicklung. „Es ging am Ende nicht um Persönliches, nicht um Frauen- oder Räubergeschichten, sondern ums Lebenswerk. Und um viel Geld“, sagt einer, der nahe an den beiden dran war.

Das spätere Opfer hatte offenbar seit längerem versucht, einen Nachfolger als Arzt und Gesellschafter zu finden. Als dies nicht gelang, kündigte er seinen Gesellschaftervertrag zum Jahresende und wollte regulär ausscheiden. Gleichzeitig gründete er in Stadtallendorf eine neue Radiologie-Praxis, die schon zu Jahresbeginn ihre Arbeit aufnehmen sollte.

In der Radiologie geht es um viel Geld: Röntgen, Computertomografie (CT) und Kernspintomografie (MRT) sind unverzichtbar, kosten bei Anschaffung und Unterhalt sechsstellige Beträge. Der 67-Jährige galt nach Recherchen unserer Zeitung als derjenige im Versorgungszentrum, der den Hut auf hatte, der sich mit Expertenwissen um Patienten und die Abläufe kümmerte. Sein Weggang hätte für die anderen Mitarbeiter und Gesellschafter fachlich und finanziell eine enorme Herausforderung bedeutet. Dies könnte eine entscheidende Rolle in dem Streit, der tödlich endete, gespielt haben. Näheres dazu gab es aber gestern auch von der Staatsanwaltschaft nicht mehr. So bleiben vorerst Fragen. Etwa die, wie es mit der Praxis in Stadtallendorf und dem Diagnosezentrum in Marburg weitergeht. Und die Patienten müssen vorerst auf andere Einrichtungen ausweichen.

Was aber vor allem bleibt, ist das große Entsetzen über eine Bluttat unter engen Geschäftspartnern. Über den Täter ist wenig bekannt - außer, dass er als Sportschütze die Tatwaffe legal besaß. Doch vom Opfer weiß man, dass er noch voll im Leben stand, dass er eine Familie hinterlässt.

Bilder: Schießerei in Marburger Arztpraxis

Hintergrund: Gemeinschaftspraxen

Weil sie die oft sechs- oder siebenstelligen Investitionskosten nicht alleine stemmen können oder wollen, gründen Ärzte Gemeinschaftspraxen. Gleichzeitig erleichtert es diese Konstruktion, die bürokratischen und medizinischen Hürden zu meistern. Seit 2003 gibt es Medizinische Versorgungszentren (MVZ) wie die in Marburg, die - anders als bei Gemeinschaftspraxen - etwa auch das beliebige Anstellen von Ärzten ermöglichen. In beiden Fällen binden sich die Gesellschafter finanziell oft extrem eng aneinander - was manchmal zu erbittertem Streit führt. (rpp)

Rubriklistenbild: © dpa

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