Böhmermann: Von Kassel-Wilhelmshöhe nach Berchtesgaden

Böhmermann bringt IC zum Halten: Sechs Gründe, warum die Bahn besser ist als ihr Ruf

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Nicht jeder Zug sieht so cool aus, aber wer Bahn fährt, erlebt meist was. Da muss man nicht immer schimpfen.

Eine unglaubliche Geschichte von Jan Böhmermann sorgt für Diskussionen: Ist die Bahn besser als ihr Ruf? Unsere Autoren erzählen ihre besten Anekdoten aus dem Zug.

Jan Böhmermann hat gerade etwas getwittert, was sich bislang noch niemand zu sagen wagte. Die Deutsche Bahn, schrieb der ZDF-Satiriker, sei "kundenfreundlich, modern, dein Freund in der Not, verblüffend günstig, für alle da und ein Spitzenunternehmen". Mehrheitsfähig ist diese These bislang nicht. Es gibt kaum etwas, das die Deutschen lieber machen, als auf die Bahn zu schimpfen. Seit Sonntag schimpfen viele noch mehr auf das ehemalige Staatsunternehmen. Da erzählte Böhmermann in seinem Podcast "Fest & Flauschig", dass er aus Versehen in einen falschen IC stieg und der Schaffner den Zug auf freier Strecke anhielt, damit der Komiker es noch zu seinem Auftritt schaffen konnte. 

Die Kritik an der Sonderbehandlung eines Prominenten konterte Böhmermann mit einem Verweis auf Kassel. "Wer was gegen die Deutsche Bahn hat, kann ja zu Fuß von Kassel-Wilhelmshöhe nach Berchtesgaden laufen", twitterte er. Wir haben meistens auch nichts gegen die Bahn, wie diese sechs Geschichten beweisen.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

ICE, ICE, Baby

Fährt man auch dann schwarz, wenn man nie in den Zug eingestiegen ist, sondern dort geboren wurde? Diese Frage wurde auf einer Bahnfahrt von Kassel zum Frankfurter Flughafen beinahe beantwortet. Es war ein kalter Frühlingsmorgen, ich hatte mich bereits darauf eingestellt, bis Frankfurt im Zug stehen zu müssen; der volle ICE sollte ohne Halt nach Südhessen durchfahren – eigentlich. Zwanzig Minuten nach dem Start ließ jedoch eine ungewöhnliche Durchsage aufhorchen: „Sollte sich in diesem Zug ein Arzt befinden, melden Sie sich bitte in Wagen 5.“ Das Rätseln, um was für einen medizinischen Notfall es sich wohl handelt, dauerte nur bis zur nächsten Durchsage fünf Minuten später: „Sollte sich in diesem Zug eine Hebamme befinden, melden Sie sich bitte in Wagen 5“, sagte der Schaffner in einem unaufgeregten Ton, als würden in seinem ICE mehr Kinder geboren als im Kasseler Klinikum.

Sofort ging unter den Mitreisenden das Gerede los: „Braucht das Kind eine Fahrkarte?“, „Steht in seinem Pass als Geburtsort Wagen 5?“. Beide Fragen sollten jedoch nie beantwortet werden, da der Zug wenig später irgendwo bei Fulda hielt. Ein Notarzt sollte zum Gleis kommen und die werdende Mutter in ein Krankenhaus bringen. Die wurde dann auch – unter den neugierigen Augen aller Reisenden – auf einer Trage den Bahnsteig entlang geschoben. „Wir sind leider keine Eltern geworden“, sagte der Schaffner fast schon betrübt, als der ICE seine Reise fortsetzte. Für das Kind ist das aber wohl besser so – wer weiß, ob die Deutsche Bahn bei der Namensgebung des Bahn-Babys ähnlich vorgehen würde wie bei der Benennung ihrer Züge und das Kind diesen Pass hätte:

Name: Herr Ford (Westfalen)

Geburtsort: ICE 573, Wagen 5.

Von Michael Jochimsen

Die Bahn ist so schön wie das Leben

Was wäre die Welt ärmer an Geschichten, wenn es die Deutsche Bahn nicht gäbe? Bahnfahren ist besser als das Programm der Öffentlich-Rechtlichen. Kürzlich: eine Fahrt von Dortmund nach Köln. Vor Wuppertal teilt die automatisierte Ansage mit, die Fahrt ende dort, was für Verwirrung sorgt. Das Personal beruhigt die Fahrgäste und stellt fest: Der Zug fährt selbstverständlich bis nach Köln. Bis nach Köln. Bis nach Köln. Und natürlich fährt er nicht bis nach Köln - Endstation Wuppertal, ganz zur Verwunderung auch des Personals vor Ort. Das alles ist im ersten Moment natürlich ärgerlich, aber später im Freundeskreis die Geschichte des Tages. Und eine Portion Mitleid gibt es sogar gratis.

Außerdem: Wer kann schon behaupten, mal in Petershausen gestrandet zu sein, weil der Zug nicht nach München einfahren kann? Wer kommt schon in den Genuss einer Lautsprecherdurchsage, die verkündet, dass sich der ICE verfahren hat? Wer kann schon darauf verweisen, den Termin nicht wahrnehmen zu können, weil der Lokführer mal wieder vergessen hat, in Wolfsburg zu halten? Genau: der Bahnfahrer.

Wer nur über die Unvollkommenheit der Deutschen Bahn meckert, der verkennt das eigentliche Wesen des Bahnfahrens: Es spiegelt in erster Linie das wahre Leben wider - und das bezieht sich nicht nur auf den Nebenmann im Großraumwagen, der so laut schnarcht, dass von einem Ruheabteil keine Rede mehr sein kann. Das bezieht sich auf das Ganze: auf den Schaffner, der so nett ist, über Handy der Frau des Fahrgastes zu erklären, dass der Ehemann nur deshalb später nach Hause kommt, weil die Bahn nicht vorankommt. Das bezieht sich auf die Bedienung im Bordbistro, die mitteilt, dass mal wieder fast alles aus ist und deshalb nur noch die sechs Rostbratwürstchen zu haben sind. Und das bezieht sich auf den Mitarbeiter, der die Türen verriegelt, kurz bevor noch die Reisegruppe vom Nachbargleis zusteigen will. So ist das Leben.

Es gilt: Wer Bahnfahren mit Humor nimmt, hat richtig Spaß. Und das ist als großes Kompliment gemeint.

Von Florian Hagemann

Gestrandet im Niemandsland

Ein Schlag, dann steht der Zug. Oberleitungsschaden. Immerhin an einem Bahnsteig, wir dürfen raus. Ein lauer Sommerabend, es ist noch hell in Schwanheide, irgendwo im Niemandsland zwischen dem Bahn-Knotenpunkt Büchen und Pritzier. Allein auf weiter Flur: ein abgeranzter, halb zerfallener, graffiti-besprayter Plattenbau aus DDR-Zeiten. Endloses Land im Wilden Osten. Wir vertreten uns die Beine, viele junge Leute saßen im Zug, Freitagabend unterwegs zu einem Hippie-Festival. Sie beschallen den Bahnhof mit Musik. Nach Stunden fahren mehrere Busse vor, in der Schwärze der Nacht bringen sie uns nach Schwerin. Ein Besoffener krakeelt schwankend, aggressiv, nervtötend. Ankunft 2 Uhr morgens statt 22.30 Uhr. Vielen Dank, Deutsche Bahn, für einen unvergesslichen Start ins Wochenende.

Von Mark-Christian von Busse

Sorry an den Zugführer

In meiner Zeit als Studentin pendelte ich jede Woche zwischen meiner Heimat, dem Odenwald, und meiner WG in Gießen. Montags hin, donnerstagabends zurück. Dabei dauerten die Fahrten mal zwei, aber auch mal fünf Stunden - je nachdem, welchen Zug ich erwischte. Eine Fahrt ist mir deutlich in Erinnerung geblieben, in sehr guter. Es war ein ziemlich kalter Tag im November, an dem es nieselte. Nach der letzten Vorlesung stieg ich in Gießen in den Zug nach Frankfurt. Leider war die Taktung mit meinem Anschlusszug nicht sehr vorteilhaft: Sie betrug lediglich eine Minute, die ich Zeit hatte, um sechs Gleise zu überbrücken. Aus diesem Grund schaffte ich es selten, meinen Zug zu erwischen und musste mich zwei Stunden am Hauptbahnhof aufhalten, bis der nächste Zug in Richtung Erbach fuhr. 

An diesem Tag im November hatte mein Zug Verspätung, meine Chancen sanken also gen Null, meinen Zug nach Hause pünktlich zu erreichen. Als der Regioexpress endlich im Frankfurter Bahnhof seine Türen geöffnet hatte, sprintete ich los. Dass der Anschlusszug noch am Gleis des Kopfbahnhofes stand, hatte ich aus dem Fenster schon gesehen. Ich rannte und rannte bis zum Zug, vorbei an der ersten Tür, die laut einem Schild defekt war, bis zur zweiten und drückte auf dem Öffner. Anstatt, dass diese sich aber öffnete, fuhr der Zug plötzlich los. In meiner Wut, wieder zwei Stunden Zeit verbrennen zu müssen, brachte ich mit meinen Armen meinen Unmut zum Ausdruck. Völlig verdattert war ich allerdings, als jene defekte Tür direkt vor meiner Nase wieder zum Stehen kam und sich öffnete. Voller Dankbarkeit stieg ich in den Zug. Noch heute tut es mir leid, dass ich den tollen Lokführer beleidigt habe. Falls Sie das lesen: Danke fürs trotzdem Mitnehmen!

Von Leona Lammel

Dieser Zug fährt fast immer

Humor ist bei der Bahn, wenn man trotzdem lacht. Zum Beispiel dann, wenn der eigene Zug unfreiwillig zum schleichenden Vorauskommando nach einem Sturm wird. Und der Zugbegleiter die Passagiere mit reichlich Wortwitz und Galgenhumor bei Laune hält. So geschehen vor wenigen Monaten zwischen Göttingen und Kassel. Irgendwo sollte die Oberleitung einen Schaden haben. Doch niemand bei der Bahn wusste, wo eigentlich genau. Also wurde ausgerechnet unser InterCity zur Spürfahrt auserkoren, was unseren Schaffner per Durchsage zu sprachlichen Höchstleistungen antrieb. "Die schlechte Nachricht: Wir dürfen nur in Schrittgeschwindigkeit fahren. Die gute Nachricht: Anders als alle anderen Züge auf dieser Strecke FAHREN wir".

So tuckerten wir gemächlich durch die südniedersächsischen Lande. Mal stellte uns der Bahn-Mitarbeiter redegewandt Sehenswürdigkeiten und Baumformationen in der Umgebung vor. Mal ließ er verlauten, dass wir rasante drei Minuten wieder gut gemacht hätten. Oder er wies frohgemut darauf hin, dass sich jeder mit Kaffee oder Saft den Abend im Bord-Bistro versüßen dürfe. Und es gebe ja auch Alkohol, raunte er. Als es schließlich auf der Fahrt in ewig lange Tunnel ging, kommentierte er dann sachkundig dessen Bauweise. "Meine Damen und Herren, dies ist hier nicht irgendein Tunnel!" Mit zweistündiger Verspätung kamen wir am Ende in Kassel an. Den Sturmschaden hatte es am Ende dann doch nicht gegeben. Aber egal: diese Bahnfahrt war ungleich informativer und unterhaltsamer als manch ein Netflix-Abend. 

Von Philipp David Pries

Selbst im Chaos läuft es

An einem der heißesten Tage des Sommers 2017 war ich mit meinen Kindern im Regionalexpress von Kassel nach Frankfurt unterwegs, wobei unterwegs nicht das richtige Wort ist: Die meiste Zeit standen wir - wegen Gleisarbeiten zwischen Treysa und Neustadt, sehr vollen Ersatzbussen und einem Defekt im nächsten Zug. Viele der Fahrgäste schimpften auf die Bahn, aber streng genommen konnte das ehemalige Staatsunternehmen nichts dazu. Manchmal muss halt gebaut werden, und manchmal bleibt ein Zug eben liegen. Steht man mit dem Auto wegen einer Baustelle auf der A7 im Stau oder hat einen Platten, kommt niemand und bietet einem Kaffee oder Wasser an. Und fast jede Autofahrt ist wesentlich teurer als das Schöne-Wochenendticket, das praktisch geschenkt ist. 

Die Bahn-Mitarbeiter waren jedenfalls sehr freundlich an diesem Tag, obwohl sie noch mehr schwitzten als wir und jede Menge Schimpfwörter von Passagieren hörten, die nicht jugendfrei waren. Meine Kinder, die sich auch sonst jedes Mal freuen, wenn ihnen ein Schaffner Rätselhefte oder Spielzeug-ICEs schenkt, sagten: "Im Zug ist immer was los." Sie nehmen die Weisheit von Hollywood-Star Clint Eastwood mit auf den Weg, der einst sagte: „Exakt dann am Bahnhof sein, wenn der Zug einfährt. Das ist die Kunst.“ Um den Rest muss man sich nicht sorgen. Die Bahn kommt.

Von Matthias Lohr

Zum Thema: Deutsche Bahn sperrt monatelang Hauptstrecken: Kassel und Göttingen betroffen

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