Wachstumskritiker Niko Paech: "Es gibt keine nachhaltigen Produkte"

Statt Black Friday: Am "Buy Nothing Day" wird nicht eingekauft

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Mit dieser Grafik wirbt die kanadische Agentur Adbusters für den "Buy Nothing Day" oder Kauf-nix-Tag.

Rund um den Black Friday erwartet der Online-Handel Rekordumsätze. Kritiker aber warnen vor zu viel Konsum. Darum ruft der "Buy Nothing Day" zum Verzicht auf. Können wir so die Welt retten?

Glaubt man Niko Paech, müsste jeder Tag ein "Buy Nothing Day" sein. Der Kauf-nix-Tag ist die Antwort auf den Black Friday, an dem Online-Händler die Kunden mit Rabatten locken, was auch dieses Jahr für Rekordumsätze sorgen könnte. Der "Buy Nothing Day" ruft dagegen zu einem 24-stündigen Konsumverzicht auf, damit wir unseren Lebensstil überdenken. Und keiner denkt häufiger darüber nach als Paech.

Der Volkswirt von der Uni Siegen ist Deutschlands bekanntester Wachstumskritiker und sagt, dass wir weniger konsumieren sollen, denn: "Wenn wir uns nicht ändern wollen, dann werden wir geändert." Der 57-Jährige geht mit gutem Beispiel voran. Paech wurde schon Ende der 70er zum Vegetarier, er besitzt weder Handy noch Auto oder Fernseher, seine Klamotten flickt er, und natürlich reist er mit der Bahn.

Wie Black Friday nach Thanksgiving

Früher wurde er für seinen Lebensstil schief angeguckt, heute gilt er vielen als Vorbild. Mittlerweile entdecken die Deutschen auch den "Buy Nothing Day", der 1992 vom kanadischen Künstler Ted Dave und der alternativen Agentur Adbusters erfunden wurde, um "ausbeuterische Produktions- und Handelsstrategien internationaler Konzerne und Finanzgruppen" anzuprangern. In Nordamerika findet er wie der Black Friday einen Tag nach Thanksgiving statt, an dem viele Menschen frei haben. In Deutschland ist der Kauf-nix-Tag offiziell erst am Samstag.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Auch wenn wir nicht nur an diesen Tagen wie die Weltmeister einkaufen, dämmert vielen doch, dass es so nicht weitergehen kann. Für die Herstellung einer Jeans werden etwa 8000 Liter Wasser verbraucht, für ein Kilo Rindfleisch braucht man sogar mehr als 15.000 Liter. Wäre die Welt gerecht, rechnet Paech vor, stünde jedem nur ein Siebenkommadreimilliardstel aller Ressourcen zur Verfügung.

Um unsere Konsumgesellschaft nachhaltiger zu machen, reiche jedoch nicht ein bisschen Greenwashing durch "ökologisch korrekte Symbole", warnt der Wachstumskritiker: "Es gibt vegane Vielflieger und den SUV-Fahrer, der im Bio-Supermarkt einkauft. Aber es gibt keine nachhaltigen Produkte - es gibt nur nachhaltige Lebensstile." Die fetten Jahre sind für ihn vorbei.

Sein Schlagwort der Postwachstumsökonomie beschreibt ein Wirtschaftssystem, das nicht mehr auf Wachstum angelegt ist. Andere Ökonomen warnen jedoch davor, weil dann ein Viertel der Menschheit extrem arm bliebe, wie der aus Serbien stammende US-Ökonom Branko Milanovic ausgerechnet hat. Und würde man die Wirtschaftsleistung global gerecht verteilen, müsste der reiche Westen zwei Drittel seines Wohlstands verlieren.

"Buy Nothing Day" übt Konsumkritik

Unabhängig von dieser ökonomischen Frage ist Konsum bei immer mehr Menschen umstritten, wie der Kulturanthropologe Markus Tauschek von der Uni Freiburg festgestellt hat: "Offensichtlich sehen immer mehr Menschen im Konsum von Dingen nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein ethisches Problem." Wie problematisch etwa die Textilproduktion in Bangladesch ist, hat sich längst herumgesprochen. Trotzdem produzieren nachhaltig arbeitende Designer wie die Kasselerin Sophia Schneider-Esleben immer noch für eine überschaubare Zahl an Konsumenten.

Paech empfiehlt derweil, sein Leben zu entrümpeln, um maßvoller zu verbrauchen. Besitzt wird dann nur noch, was man wirklich braucht. Dafür wird getauscht, geteilt und repariert - etwa in Repair-Cafés. Und man muss laut Paech nicht mehr in die entlegensten Winkel der Welt reisen: "Der größte Umweltzerstörer ist nicht mehr der Konsum, sondern die Mobilität. 20-jährige Globetrotter haben heute bereits oft den ökologischen Fußabdruck, den früher ein hochbetagter Rentner hatte." Er selbst ist übrigens nur ein einziges Mal in seinem Leben geflogen - und zwar zu seinem Doktorvater nach New York. Der hatte gedroht, andernfalls nach Deutschland zu kommen, was für die Welt auch nicht besser gewesen wäre.

Nachhaltiger Konsum: Tipps

  • Die Waberner Firma Shiftphone entwickelt nachhaltige Smartphones, die so gut sein sollen wie ein iPhone.
  • In Repair Cafés werden Geräte repariert. So profitiert jeder vom Können des Anderen.
  • Ein großes Umweltproblem ist Plastik. Wir haben getestet, wie man ohne Plastikverpackungen einkaufen kann.

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