Späte Impf-Empfehlung

Corona-Booster-Impfung: „Das war total falsch“ – Stiko-Chef gesteht Fehler

Stiko-Chef Thomas Mertens äußerte sich im ARD zu den Vorwürfen gegen die verspätete Zulassung der Corona-Booster-Impfungen. (Archivbild)
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Stiko-Chef Thomas Mertens äußerte sich im ARD zu den Vorwürfen gegen die verspätete Zulassung der Corona-Booster-Impfungen. (Archivbild)

Die Booster-Impfung für Personen ab 18 Jahre wurde in Deutschland erst sehr spät zugelassen. Die Stiko äußerte sich nun zu der bestehenden Kritik.

Hamburg – Die Corona-Pandemie in Deutschland spitzt sich immer weiter zu. Eine bundesweite Inzidenz von über 400, tägliche mehr als 70.000 Neuinfektionen – mittlerweile wird sogar über einen erneuten Lockdown diskutiert. Vor kurzem hat der voraussichtliche Neukanzler Olaf Scholz (SPD) verkündet, noch in diesem Jahr die nötigen Papiere vorzubereiten, um im Bundestag über ein allgmeine Impfpflicht abzustimmen.

Die Frage ist: Wie konnte es so weit kommen? Viele Fachleute schieben es auf die laschen Corona-Regeln, die zu spät verschärft wurden. Andererseits könnte es auch an der Impfbereitschaft liegen, denn die Zahl der Neuinfektionen bei Ungeimpften* ist deutlich höher, als bei geimpften Personen. Bereits vor der vierten Welle stagnierte die deutschlandweite Impfquote quasi wochenlang. Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) wurde für die verspätete Booster-Impfung kritisiert. Der Vorsitzende Thomas Mertens hat nun einige Fehler aus der Vergangenheit eingeräumt.

Corona Booster-Impfung: Stiko-Chef gesteht Versäumnisse ein – und wehrt sich gegen Vorwürfe

Hauptkritikpunkt ist die später Empfehlung für Auffrischungsimpfungen. Erst am 18. November 2021 gab die Stiko grünes Licht für Booster-Impfungen mit mRNA-Impfstoffen für Personen ab 18 Jahren. Zuvor galt die Empfehlung nur für Männer und Frauen über 70. „Aus der heutigen Perspektive“ sei diese Entscheidung zu spät gewesen, erklärt Stiko-Chef Mertens im Fernsehinterview in der ARD. Eine zügigere Empfehlung wäre „wahrscheinlich günstiger gewesen.“

Das Problem sei die Datenlage gewesen. Für eine Empfehlung benötige es eine ausreichend fundierte, wissenschaftliche Grundlage. „Wenn das festgelegt ist, dann müssen diese Daten erhoben, erarbeitet werden. Und wenn diese Daten vorliegen, dann fängt die Stiko an, diese Daten zu diskutieren“, so Mertens.

Die ganze Schuld will der Stiko-Vorsitzende aber nicht auf sich nehmen. Schuld an der jetzigen Situation sei auch die deutsche Infrastruktur der Impfzentren. Es sei nicht die Aufgabe der Kommission, über die „Umsetzung der Impfung“ zu entscheiden oder zu organisieren, „wie die Impfstoffe beschafft werden, wie die Impfstoffe verteilt werden. Das sind alles Dinge, die die Stiko überhaupt nicht betreffen.“ Demnach habe man sich auch aufgrund der schlechten Impf-Infrastruktur zugunsten der 70-Jährigen entschieden.

Corona: Israel kritisiert deutsche Impfpolitik – „Das war total falsch“

Doch nicht nur deutsche Stimmen wettern gegen die späte Impf-Empfehlung der Stiko. Auch das Vorreiterland Israel kritisiert die Impfpolitik in Deutschland. „Wir hatten klare Beweise, wir haben die Daten. Es gab keine wissenschaftliche Basis dafür zu sagen, die Auffrischungsimpfung bringe nur den über 65- oder über 70-Jährigen etwas. Wir haben gesehen, dass die Zahl der Antikörper auch bei 40-Jährigen zurückgeht“, erklärte Ronnie Gamzu, ehemaliger Leiter des israelischen Impfprogramms, in der ARD. „Das war einfach total falsch. [...] Was für Beweise braucht man denn noch?“

Israel ist weltweit eines der führenden Länder in Sachen Booster-Impfung. Bereits mehr als 50 Prozent der Menschen wurden dort mit einer Auffrischungsimpfung versorgt. Mertens wehrt sich gegen die Anschuldigungen aus dem Nahen Osten. Der Vergleich mit Israel sei in vielen Punkten nicht möglich, die Evidenz aus anderen Ländern nicht einfach übertragbar. Auch hier verweist der Stiko-Chef auf die mangelnden Impf-Möglichkeiten in Deutschland: „Da nicht absehbar war, dass wir in unserer Bevölkerung so schnell wie in Israel eine Durchimpfung vornehmen können, musste man auf jeden Fall zunächst die Menschen schützen, die auch ein hohes Risiko für schwere Erkrankung haben. Und das war der Hauptgrund für diese Empfehlung.“ Für Gamzu weiterhin eine unverständliche Entscheidung.

Vonseiten der Politik habe die Impfkommission stellenweise auch zu wenig Unterstützung erfahren, klagt Mertens: „In der Situation einer Pandemie hätte man eine bessere Personalausstattung sicher gut gebrauchen können.“ Mehr Fachleute wie Epidemiologen oder Modellierer wären „sicher hilfreich“ gewesen.

Corona-Gipfel: Wie geht es mit der Impfung weiter?

Die späte Impf-Empfehlung wurde auch von Hausärzten stark kritisiert, denn was viele nicht wissen: Erst nach der offiziellen Stiko-Empfehlung werden die Impfungen von der Krankenkasse erstattet. Auch bei der Entscheidung über die Impfung bei Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren ließ sich die Stiko Zeit. Für Hausarzt Christian Kröner sind die Entscheidungen der Kommission nach wie vor unverständlich: „Meiner Meinung nach hätte die Stiko schneller in den Pandemiemodus schalten müssen, was sie bis heute nicht getan haben.“

Und wie geht es nun weiter? Mittlerweile dürfen sich auch Kinder ab fünf Jahre impfen lassen, Booster-Impfungen sind ab 18 Jahren zulässig. In den regelmäßigen Corona-Gipfeln wird neben flächendeckenden 2G- und 2G plus-Regeln auch über eine Impfpflicht nachgedacht. „Was jetzt gilt, ist nicht ausreichend“, warnte Noch-Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Ende November. Nachdem im Sommer die Impfzentren kaum besucht waren, fehlt es nun deutschlandweit an Impfstoff.

Wie die Planung der deutschen Impf-Politik aussieht, wissen nur wenige. Einer davon ist Jens Spahn (CDU). Der steht auch in enger Verbindung mit der Stiko: „Bundesminister Spahn steht mit dem Vorsitzenden der STIKO regelmäßig im Austausch [...]. Die Gespräche sind vertraulich. [...] Über künftige Haushaltsfragen entscheidet die sich bildende Bundesregierung“, erklärt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in der ARD. (aa/dpa)

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