Olympia-Sportlerin aus dem Landkreis Kassel

Corona bedroht Olympia - Dutkiewicz im Interview: „Schwebezustand ist das Schlimmste“

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Bild mit Symbolcharakter: Sportlerin Pamela Dutkiewicz blickt mit bangen Blicken auf die Olympischen Spiele.

Corona bedroht auch die Olympischen Sommerspiele. Die aus dem Landkreis Kassel stammende Weltklasse-Sportlerin Pamela Dutkiewicz spricht mit uns über das Olympia-Chaos.

  • Wegen des Coronavirus ist noch offen, ob die olympischen Sommerspiele 2020 stattfinden
  • Olympia-Sportlerin Pamela Dutkiewicz im Interview
  • Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Kassel im News-Ticker

Kassel - Während weltweit gerade Meisterschaften ausgesetzt, verschoben oder abgesagt werden, und die Sportler Klarheit bekommen, ist eine Frage immer noch ungeklärt: Was geschieht mit den Olympischen Sommerspielen, die vom 24. Juli bis 9. August in Tokio stattfinden sollen?

Zwar bekräftigte das Internationale Olympische Komitee am Dienstag erneut, es wolle an der Austragung festhalten. Doch die wird gerade angesichts der Corona-Pandemie immer fragwürdiger. Was die Hängepartie bedeutet, und wie das Coronavirus den Alltag verändert hat – darüber spricht die aus Baunatal stammende Weltklasse-Hürdensprinterin Pamela Dutkiewicz im Interview.

Ist Ihr Olympiatraum geplatzt?

Das ist er noch nicht. Stand heute finden die Olympischen Spiele ja statt. Das Schlimmste ist derzeit der Schwebezustand. Den mögen wir Sportler überhaupt nicht. Nach und nach werden Qualifikationswettkämpfe abgesagt. Die Olympiastützpunkte sind geschlossen, Trainingslager abgesagt. Aber wir können nicht einfach zwei Wochen lang die Beine hochlegen. Und wir sind weit entfernt von einer leistungssportgerechten oder gar olympiaspezifischen Vorbereitung. Letztlich trainieren wir zwar, aber wissen nicht, wofür.

Corona - Olympia-Sportlerin aus dem Landkreis Kassel fordert konkrete Aussagen

Was für ein Szenario erwarten Sie: Absage, Verschiebung in den Sommer 2022 oder Geisterkulisse?

An das Internationale Olympische Komitee habe ich eine Bitte: Liebe Leute, handelt. Es bedarf eines klaren Signals in Richtung der Sportler: Wir verstehen euch, haltet durch. Spätestens Mitte April sagen wir euch: Olympia findet statt oder nicht. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat sogar von einer Deadline Ende Mai gesprochen. Das wäre viel zu spät.

Warum?

Man kann uns nicht so lange warten lassen und uns zeitgleich die Trainingsmöglichkeiten nehmen. Die Verantwortlichen erwarten, dass wir uns fit halten für die Olympischen Spiele. Doch aktuell können wir eben nicht so trainieren, wie es für Olympia nötig wäre. Und wie sollen wir eine Form aufbauen, ohne zu wissen, wofür?

Realistisch betrachtet wäre das Schlimmste, wenn es eine komische Qualifikationsphase für Olympia gäbe, man beispielsweise die Top 40 der Weltrangliste teilnehmen lassen würde, ganz ohne vorherigen Wettkampf. Das würden sicher nicht alle Nationen mitmachen. Schlimm wäre auch, die Sommerspiele in einem leeren Stadion auszutragen. Das wäre nicht olympiawürdig. Wir brauchen zügig ein konkretes Datum. Denn es hängen ja auch wirtschaftliche Aspekte für uns daran.

Olympia durch Corona bedroht - Angst um Existenz hat Olympionikin aus dem Landkreis Kassel nicht

Haben Sie angesichts der Entwicklungen derzeit Existenzängste?

Nein. Aktuell laufen meine Einnahmequellen weiter. Wobei man ja nie weiß, ob und wie sich wirtschaftliche Veränderungen bei den Sponsoren auch auf mich auswirken können. Meetings bringen gutes Geld. Startgeld und Prämien fallen größtenteils weg. Das ist schon ein Batzen.

Andere Verträge basieren auf der Olympiateilnahme. Die Förderungen der Deutschen Sporthilfe und des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) fußen auf dem Kaderstatus und der Frage, was hast du in der Saison erreicht. Da sind im Moment viele Fragen offen, aber ich gehe davon aus, dass wir eine faire Lösung finden.

Wie sieht die Unterstützung vom DLV in diesen Tagen aus?

Es ist viel Bewegung drin, aber der Verband kann vieles gar nicht allein entscheiden, sondern ist abhängig von Politik und Behörden. Wir denken derzeit kleiner und arbeiten mit den Fachleuten vor Ort. Ich bin dankbar für dieses Team, das funktioniert gut.

Olympia-Sportlerin aus dem Landkreis Kassel zu Auswirkungen von Corona: „krasse Entschleunigung“

Wie hat Corona ganz praktisch Ihr Leben verändert?

Am 5. April wäre ich ins Trainingslager nach Florida gestartet. Das ist gestrichen. Ganz konkret hatte ich einen Termin mit einem möglichen Sponsor in Köln, der auf den Zug in Richtung Olympia aufspringen wollte. Das Gespräch haben wir verschoben. Erst einmal müssen jetzt alle für sich gucken. Insgesamt sind die Tage eine krasse Entschleunigung mit viel Ruhe und viel Verzicht.

Wir haben aber eine Gesamtverantwortung als Gesellschaft, nur die nötigsten Dinge zu erledigen. Am Sonntag wollte ich mich mit meiner Freundin, einer Grundschullehrerin, treffen. Sie hat abgesagt, weil sie ein bisschen gehustet hat. Wir sehen uns eigentlich alle zwei, drei Wochen. Was bleibt, ist der kleine Kreis der Menschen, die ich täglich sehe.

Das heißt, zumindest das Training läuft noch wie geplant?

Ja, quasi in abgespeckter Form. Ich gehe im Park joggen, mache Berg- und Tempoläufe in Turnschuhen auf Schotter. Dabei braucht unser Sport Spikes auf der Tartanbahn, von Hürden mal ganz zu schweigen.

„Training ist mein Ankerpunkt“

Leistungssport auf Weltklasseniveau wird detailliert geplant. Wie sieht derzeit die Trainingssteuerung aus?

Das ist ganz schwer. Wir denken fast nur noch von Tag zu Tag. Unser Trainer schreibt wöchentlich Trainingspläne. Im Moment weiß ich nur, dass ich noch fünf Einheiten bis Samstag umsetzen muss.

Können Sie sich überhaupt noch motivieren?

Motiviert bin ich immer, das Training ist mein Ankerpunkt. Eigentlich hat jede Einheit einen Fokus, nämlich das Wissen darum, an einem ganz bestimmten Tag, für einen ganz bestimmten Wettkampf fit sein zu müssen. Jetzt fühlt es sich anders an. Gerade in dieser Phase der Saison, geht es um viel Spezifisches, das Kribbeln kommt auf. Das aber verspüre ich im Moment überhaupt nicht.

Zur Person

Pamela Dutkiewicz (28) stammt aus Baunatal (Landkreis Kassel) und startet für den TV Wattenscheid. 2017 feierte sie mit Bronze über 100 Meter Hürden bei der Weltmeisterschaft in London ihren größten Erfolg. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro wurde sie im Halbfinale Zwölfte. Mit ihrem Partner Maik lebt sie in Bochum.

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