Sanierungsstau und fehlende Desinfektion

Nach Verdacht auf Coronavirus an hessischer Schule: Hygiene auf Schultoiletten wird kritisiert

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Nach Verdacht auf Coronavirus an hessischer Schule: Hygiene auf Schultoiletten wird kritisiert (Symbolbild)

Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus. Schulen könnten im Ernstfall geschlossen werden. Die fehlende Hygiene auf den Toiletten wird kritisiert.

  • Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus.
  • Auch an Schulen in Hessen gibt es Verdachtsfälle.
  • Stephan Wassmuth, der Vorsitzende des Bundeselternrats, sieht das Problem vor allem bei der fehlenden Hygiene auf Schultoiletten.

Große Hygienemängel an den Schulen sieht der Vorsitzende des Bundeselternrats Stephan Wassmuth. „87 Prozent der Schultoiletten haben hygienische Mängel und das in Zeiten, in denen wegen des Coronavirus noch mehr als sonst auf Hygiene geachtet werden sollte“, sagt Wassmuth im Interview. Auch wenn der Verband Alarm schlägt, warnt Wassmuth vor Panik vor dem Coronavirus.

Wie stehen Sie als Bundeselternratsvorsitzender zu den aktuellen Schließungen von Schulen im Corona-Verdachtsfall?

Dort, wo es Corona-Infektionsketten gibt, ist es natürlich sinnvoll. Allerdings wird es dann nur schlecht möglich sein, weiterhin den Unterricht zu gestalten, obwohl wir uns seit 1990 dafür einsetzen, dass der Digitalpakt umgesetzt wird. Aktuell sind die Schulen in Deutschland nicht auf so eine Situation vorbereitet – e-Learning (Anm. d. Red.: Elektronisch unterstütztes Lernen) ist nicht umsetzbar.

Aber: Gesundheit geht vor. Sollten deshalb Schulen vorsorglich geschlossen werden?

Wenn es keine Verdachtsfälle gibt, wäre dies sicher eine überzogene Reaktion, die das öffentliche Leben lahmlegen würde. Es sollten aber Schüler, Lehrer und Eltern eindringlich klar gemacht werden, wie wichtig die Vorsorgemaßnahmen – also das Einhalten von hygienischen Grundregeln wie das Händewaschen – ist. Allerdings sind die Schultoiletten ein riesiges Problem dabei.

Warum?

Bundesweit sind viele Schultoiletten Sanierungsfälle. 87 Prozent der Toiletten in den Schulen haben laut einer Studie der German Toilet Organization hygienische Mängel. Klar, da haben zum Teil auch Schüler selbst durch ihr Verhalten dafür gesorgt, dass es in Toilettenräumen nicht so aussieht, wie es aussehen sollte. Mit der Folge, dass manche Räume abgeschlossen und nur in den Pausen geöffnet werden. 

Aber es gibt eben auch sonst einen großen Sanierungsstau. Kein Restaurant dürfte eine sanitäre Anlage anbieten, die sich in einem solchen Zustand wie viele Schultoiletten befindet.

Was raten Sie Eltern und Schülern?

Die Unsicherheit bei ihnen ist groß, aber wir raten nichts anderes als das, was die Schulleitungen, der Schulträger und die Gesundheitsämter auch empfehlen: Hygiene einhalten. Aber das ist natürlich nur möglich, wenn die Schulen auch mit den Reinigungsmitteln ausgestattet werden und das ist nicht überall der Fall. Es haben sich schon Eltern und Lehrer beim Bundeselternrat gemeldet, weil keine Seifen und Desinfektionsmittel zur Verfügung stehen. Wenn das so ist, kann es in Coronazeiten schnell in einer Katastrophe enden.

Kann man so denn überhaupt den Hygienevorschriften zur Verhinderung einer Epidemie gerecht werden?

In einer Vielzahl der sanitären Einrichtungen ist das nicht der Fall. Wir beobachten mit großer Sorge, dass bundesweit die Umsetzung dieser Dinge an vielen Schulen nicht gewährleistet ist. Es wird uns beinahe täglich berichtet, dass zwar in fast jedem Klassenraum Waschbecken zur Verfügung stehen, bis auf wenige Ausnahmen aber keinerlei Seife und Papierhandtücher verfügbar sind. Seife und elektrische Händetrockner – die übrigens für die optimale Virenverbreitung sorgen – gibt es, wenn überhaupt, nur in den Toilettenräumen.

Und wie ist die Situation in den Klassenräumen?

Dort sitzen die Schüler auf engstem Raum zusammen. Es ist nicht möglich, ausreichende Sicherheitsabstände einzuhalten. Da überdies inzwischen viruzide Handdesinfektionsmittel ausverkauft sind, können sich die Schüler auch nicht selbst vorsorgen. Dort, wo Be- und Entlüftungssysteme installiert sind, sorgen auch diese für die Verbreitung von Viren. Aufgrund der gesetzlichen Schulpflicht sind wir Eltern aber gezwungen, unsere Kinder – und damit auch uns alle im arbeitsfähigen Alter – dieser Risikosituation auszusetzen. Zudem gibt es bundesweit immer wieder sichtbare Mängel in der regelmäßigen Schulreinigung.

Was fordern Sie von den Schulträgern und Schulleitungen, um die Situation schnellstmöglich zu verbessern?

Zunächst einmal sollte Material wie Reinigungs- und Desinfektionsmittel vorgehalten werden. Da sehen wir die Schulträger in der Verantwortung. Es gehört zur Vorsorge und sollte eigentlich normal sein. Andernfalls ist die Fürsorgepflicht des Staates, die aus der herrschenden Schulpflicht resultiert, grob fahrlässig verletzt.

Doch was, wenn nicht schnell genug reagiert werden kann?

Wenn der Schulträger als Behörde nicht schnell genug reagiert und die Schulleitungen alleine lässt, können diese auch im Einzelnen selbst aktiv werden. Es gibt Haushaltsmittel über das kleine Schulbudget, damit könnten sie das Material selbst besorgen. Ich weiß, dass das einige schon machen.

Aber es scheint ja auch ein grundsätzliches Problem der Hygiene zu geben...

Definitiv. Es gibt einen Sanierungsstau an den Schulen von 43 Milliarden Euro, darauf weißt der Bundeselternrat seit Jahren hin. Es ist also ganz klar ein grundsätzliches Problem. Allein um diesen Sanierungsstau abzuarbeiten und in einen Normalzustand zu gelangen, würden 30 bis 40 Jahre vergehen. Es muss deutschlandweit einfach mehr Geld in die Hand genommen werden, um die Schulen – auch in Sachen Hygiene – besser auszustatten. In den vergangenen Jahrzehnten wurden da zu viele Augen zugedrückt. Das geht so nicht weiter und das zeigt sich in Fällen, wie dem Umgang mit dem Coronaerreger auf eine drastische Art.

Das klingt auch nach drastischen Forderungen...

Es geht uns nicht um Panikmache, sondern darum, dass unsere Kinder aufgrund der Versäumnisse der Schulträger und unserer Politik nicht im Regen stehen gelassen werden.
Der Bundeselternrat ersucht die Schulträger und die Kultusministerien aktuell, umgehend zu handeln, bevor es zu spät ist. Die Verbreitung des Coronavirus neben der bereits laufenden Influenza-Welle ist nur durch sofortiges wirkungsvolles Handeln einzudämmen.

Von Maja Yüce

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