Im Schwalm-Eder-Kreis

Notstand in Altenheim wegen Corona: Die Hälfte des Pflegepersonals ist infiziert - Kritik an Sicherheitsmaßnahmen

Von der Coronakrise besonders schwer getroffen: das Altenzentrum Eben-Ezer
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Von der Coronakrise besonders schwer getroffen: das Altenzentrum Eben-Ezer

Im Altenzentrum Eben-Ezer im Schwalm-Eder-Kreis herrscht  Notstand. Die Corona-Infektionen unter dem Personal haben sich stark erhöht. Angehörige der Bewohner äußern scharfe Kritik.

  • Das Coronavirus breitet sich in Nordhessen aus, vor allem der Schwalm-Eder-Kreis ist betroffen.
  • Im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg herrscht Notstand, die Hälfte des Personals ist infiziert.
  • Angehörige von Bewohner äußer scharfe Kritik am Heim.

Der Corona-Notstand im Altenzentrum Eben-Ezer in Gudensberg im Schwalm-Eder-Kreis hat sich verschärft: Vier weitere Bewohner sind gestorben, sagt der Leiter der Einrichtung, Walter Berle.

Vergangenes Wochenende waren zwei Bewohner verstorben, die ebenfalls das Virus hatten. Fünf der sechs Personen hätten schwere Vorerkrankungen gehabt, so Berle. Weiter gestiegen ist die Zahl der infizierten Bewohner und Mitarbeiter. Und: Es gibt Kritik von Angehörigen der Bewohner am Umgang des Altenzentrums mit der Corona-Krise.

Corona-Notstand in Pflegeheim: 50 Prozent der Mitarbeiter sind infiziert

„Aktuell sind 30 von insgesamt 152 Bewohnern nachweislich infiziert. Für diese wurde eine Isolierstation im Haus eingerichtet“, so Berle. Neben der Anzahl der infizierten Bewohner sei auch die steigende Zahl der vom Coronavirus betroffenen Mitarbeiter eine Herausforderung. Der Krankenstand der Pflegemitarbeiter liegt laut Pflegedienstleiter Marcus Schütz aktuell bei über 50 Prozent. Am Montag waren es laut Schütz und Berle noch 40 Prozent. Der Ausfall sei mit eigenen Kräften nicht mehr zu kompensieren.

Doch gibt es gute Nachrichten: Die Personal-Hilferufe wegen der Corona-Krise des Altenzentrums im Schwalm-Eder-Kreis wurden gehört. Sowohl regional und überregional seien in den vergangenen Tagen erste freiwillige und dringend benötigte Mitarbeiter gewonnen worden. Darüber freue man sich. Neu erkrankte Bewohner würden in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt zur weiteren Betreuung in Krankenhäuser verlegt. Eine Maßnahme, die bei der Eindämmung des Virus helfen soll. Berle versichert, dass die Mitarbeiter des Hauses unermüdlich für die Bewohner im Einsatz seien.

Wegen Corona: Notstand in Pflegeheim - Angehörige äußern scharfe Kritik

Einige Angehörige von Pflegeheim-Bewohnern haben sich bei der HNA* gemeldet und Vorwürfe geäußert: Sie berichten, dass trotz ihrer Hinweise nicht frühzeitig und ausreichend Vorsichtsmaßnahmen ergriffen worden seien. Berle betont, es seien bereits Mitte März umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen getroffen und diese weiter verstärkt worden. „Mit Verstärkung durch Freiwillige, gute Schutzausrüstung, enger Zusammenarbeit mit allen beteiligten Stellen und mit Gebet werden wir diese Krise überstehen.“

Trotzdem wird Kritik am Krisenmanagement der Einrichtung wird laut: Besorgte Angehörige, die anonym bleiben wollen, der HNA* aber nachgewiesen haben, dass sie Angehörige dort haben, kritisieren, dass die Einrichtung nicht frühzeitig und ausreichend Sicherheitsmaßnahmen ergriffen habe. 

Corona in Pflegeheim im Schwalm-Eder-Kreis: Vorwürfe auch an Gesundheitsamt

Demnach sollen erst ab dem vergangenen Samstag, 4. April, – also an dem Wochenende, an dem die ersten beiden Todesfälle vermeldet wurden – die Bewohner des Altenzentrums ihre Mahlzeiten alleine auf ihren Zimmern eingenommen haben. „Meine Mutter ist über 90 Jahre und hat zum Glück noch kein Corona, aber sie hat mir am Telefon erzählt, dass sie noch bis dahin gemeinsam mit den anderen Bewohnern gegessen habe. Das macht mir Sorge“, so die Tochter einer Bewohnerin. 

Sie betont, dass sie das Heim und auch das Gesundheitsamt des Landkreises über das gemeinschaftliche Essen informiert habe, doch sei keine Reaktion erfolgt. Dem Altenzentrum im Schwalm-Eder-Kreis und dem Gesundheitsamt werfen einige Angehörige zögerliches Handeln vor. Andere Angehörige und einige Gudensberger kritisieren, dass Bewohner des Altenzentrums noch im gegenüberliegenden Lebensmittelmarkt einkaufen würden.

Corona Schwalm-Eder: Pflegeheim steht unter Quarantäne

 Leider sei es trotz des umsichtigen Handelns aller Beteiligten, trotz des Schließens des Hauses für Angehörige, Besucher, Lieferanten und weitere Gäste, trotz einer verstärkten Abgrenzung der einzelnen Wohnbereiche und Einschränkungen des Lebens innerhalb des Hauses, nicht gelungen, das Eben-Ezer frei von Corona zu halten, so Walter Berle, Leiter der Einrichtung. 

Im HNA*-Gespräch sagt er, dass er die Sorgen der Angehörigen verstehen könne und versichert zugleich, dass man alles dafür getan habe und weiterhin tun werde, um das Virus einzudämmen. „Wir geben alles“, so Berle. Seit Donnerstagnachmittag, 2. April, stehe das Haus unter Quarantäne. Das habe man den Bewohnern bei einem letzten gemeinsamen Abendessen an dem Tag mitgeteilt. „Wir haben dabei die vorgegebenen Abstände eingehalten und erklärt, was das für die Bewohner bedeutet.“ 

Corona: Pflegeheim in Schwalm-der-Kreis stark betroffen - Es herrscht Ausgangssperre

Dementen Personen sei das nicht einfach zu erklären, sagt Berle. Seitdem würden alle Bewohner auf ihren Zimmern versorgt. Seit Mitte März gebe es ein Besuchsverbot. „Damit haben wir Angehörige verärgert, denn wir waren deutlich eher als das vom Land Hessen ausgesprochene Besuchsverbot in Pflegeeinrichtungen. Dafür hatte nicht jeder Verständnis“, sagt Berle. 

Auch habe es schon deutlich früher eine Ausgangssperre gegeben, daran hätten sich 90 Prozent der Bewohner gehalten. „Die Bewohner sind nicht entmündigt“, so Berle. Seit das Haus unter Quarantäne stehe, habe man die rechtliche Handhabe für eine Ausgangssperre. Seitdem habe man keinen Bewohner des Altenzentrums im Schwalm-Eder-Kreis  rausgelassen. Berle betont, dass zum Eben-Ezer eine Einrichtung für betreutes Wohnen gehöre. Sie sei vom Virus nicht betroffen.

Corona in Pflegeheim im Schwalm-Eder-Kreis: Einhaltung der Vorgaben wurde verlangt

Dem Vorwurf des zögerlichen Handelns durch das Gesundheitsamt widerspreche man entschieden, so der Landkreis. Das Gesundheitsamt habe zu jeder Zeit angemessen und zeitnah reagiert. Am 1. April habe man durch die Heimleitung des Eben-Ezer erfahren, dass sowohl Bewohner als auch Personal positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Seitdem habe man täglich Kontakt gehalten. 

Dabei sei es um Hygienemaßnahmen, Besuchsregelungen, bzw. absoluten Besuchsstopp, Quarantäne des gesamten Altenzentrums, Kohortenisolierung der infizierten Bewohner durch klare räumliche Trennung in der Einrichtung selbst sowie um Schutzkleidung für das Personal gegangen.

Corona-Notstand in Pflegeheim: Bewohner sollen noch im Supermarkt einkaufen gewesen sein

Nachdem das Gesundheitsamt am 3. April erfahren habe, dass Bewohner trotz gegenteiliger Absprachen noch immer eigenständig im benachbarten Supermarkt einkaufen und die verhängten Besuchsregelungen nicht eingehalten wurden, habe der Erste Kreisbeigeordnete Jürgen Kaufmann die Heimleitung aufgefordert, die Vorgaben unverzüglich umzusetzen. „Einen Tag später machten sich zwei Mitarbeiter des Gesundheitsamtes vor Ort ein Bild“, teilt der Kreis mit. Erneut sei die Einhaltung der Regeln eingefordert worden. 

Besprochen worden sei auch das Problem des Mangels an Schutzausrüstung. Das Gesundheitsamt habe bei der Beschaffung geholfen. „Inzwischen wurden mehrere hundert Mund- und Nasenschutzmasken, in die Einrichtung gebracht.“ Für die Umsetzung der auferlegten Regeln, insbesondere im Bereich der Hygienemaßnahmen und der Kontrolle des Besuchsverbotes sei allein die Heim- und Pflegedienstleitung verantwortlich.

Von Maja Yüce

Das Coronavirus breitet sch in Nordhessen aus. Alle News im Ticker.

Der Schwalm-Eder-Kreis ist besonders hart von der Corona-Krise betroffen, berichtet hna.de*.

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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