Mediziner verwundert

Corona-Rätsel: Hohe Sterberate bei Einsatz von Beatmungsgeräten - Münchner Arzt nennt ganz andere Ursache

Der Münchner Arzt Clemens Wendtner erklärt die hohen Todesraten bei künstlich beatmeten Patienten in anderen Ländern.
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Der Münchner Arzt Clemens Wendtner erklärt die hohen Todesraten bei künstlich beatmeten Patienten in anderen Ländern. 

Ärzte stehen vor einem Rätsel: Die Todesrate von künstlich beatmeten Covid-19 Patienten ist hoch. Professor Clemens Wendtner aus München hat eine andere Erklärung. 

  • Das Coronavirus* fordert tausendeTodesopfer
  • Ärzte werden zunehmend vorsichtig bei dem Einsatz von Beatmungsgeräten.
  • Gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen künstlich beatmeten Patienten und einer höheren Sterberate?
  • Unser Wegweiser durch die Berichterstattung: neueste Fallzahlen*, auftretende Symptome* und mögliche Schutzmaßnahmen*.

Update 17. April 2020: Ist der Einsatz von Beatmungsgeräten tatsächlich kontraproduktiv bei der Behandlung von Coronavirus-Patienten? Ärzte weltweit rätseln darüber, ob es einen Zusammenhang zwischen einer hohen Sterberate und dem Einsatz von Beatmungsgeräten gibt. Solche Beobachtungen wurden in New York, aber auch in Großbritannien und China gemacht (siehe Erstmeldung von 15. April unten). Teilweise setzen die Ärzte bereits auf alternative Behandlungsmaßnahmen. Dabei gab es vorab in Deutschland und anderen Ländern die Frage, ob überhaupt ausreichend viele Beatmungsgeräte vorhanden sind. Im Gespräch mit Focus Online klärte nun Professor Dr. med Clemens Wendtner auf, wie der Zusammenhang wirklich zu deuten ist. 

Wendtner ist Mediziner am Münchner Klinikum Schwabing. Er sieht eine künstliche Beatmung der Corona-Patienten keineswegs als Risiko. Der Hintergrund der hohen Sterberaten liege vielmehr im Gesundheitssystem: „Das Problem ist: Die Patienten in den USA kommen zu spät in die Kliniken. Weil sehr lange zu wenig getestet wurde, bemerken viele ihre Infektion erst spät und gehen erst im Endstadium von Covid-19 zum Arzt. Deshalb sehen wir in den USA derzeit sehr viele schwerkranke Patienten.“ Letztlich bleibe den Ärzten dann keine andere Behandlungsmöglichkeit mehr als „zu intubieren und zu beatmen.

Es sei klar, dass diese Patienten keine guten Überlebenschancen hätten. „Daraus für Deutschland aber den Rückschluss zu ziehen, Covid-19-Patienten nicht mehr invasiv zu beatmen, wäre falsch“, ist Wendtner überzeugt. 

Höhere Sterberate mit Beatmungsgeräten? Ärzte rätseln über Corona-Patienten

Erstmeldung 15. April 2020 - München - Ob in New York, England oder China: Ärzte rätseln über einen möglichen Zusammenhang zwischen Beatmungsgeräten und einer höheren Sterberate bei Covid-19 infizierten Personen. Wie Ärzte aus diesen Ländern melden, sterben offenbar deutlich mehr Menschen an den Folgen des Coronavirus, wenn sie intubiert wurden. 

War der große Schrei nach Beatmungsgeräten also umsonst? In den USA etwa stieg der Druck auf die Regierung zuletzt an. Ihr wurde vorgeworfen, Beatmungsgeräte aus den Notreserven nicht herauszugeben. Der Bundesstaat Washington schickte 400 Beatmungsgeräte in die stark betroffene Stadt New York.  

Coronavirus und Beatmungsgeräte: Ärzte vermuten steigende Sterberate bei Intubation

Tesla und Dyson stellten ihre Produktion für die Corona-Krise um: Statt E-Autos und Staubsauger werden Beatmungsgeräte hergestellt. Kliniken rüsteten sich, um für die große Welle an Sars-CoV-2 Patienten technisch gut vorbereitet zu sein. Doch nun wollen vor allem Ärzte aus den USA das Gegenteil.

Patienten, die an Beatmungsgeräten angeschlossen sind, haben Experten zu Folge eine hohe Todesrate: 40 bis 50 Prozent der intubierten Patienten mit schweren Atemnotsyndromen sterben. Bei Corona-Patienten ist diese Zahl noch höher. In der Stadt New York starben wohl 80 Prozent der infizierten Personen, die an Beatmungsgeräten angeschlossen waren.

Corona-Krise: 80 Prozent der beatmeten Patienten in New York City starben

Albert Rizzo von der American Lung Association bestätigte mehrere solcher überdurchschnittlich hohen Sterberaten in Teilen der USA. Auch China und Großbritannien melden Zahlen, die diese Theorie stärken: Ein Bericht aus London meldet von 1053 intubierten Covid-19 Patienten, nur 355 Überlebende. 

Wuhan, die Stadt des Ausbruch der Pandemie, nennt Zahlen aus einer kleinen Studie. Von dortigen 22 beatmeten Patienten erlagen 19 den Folgen des Coronavirus. Doch woher der Zusammenhang?

Forscher wissen es nicht. Ein möglicher Grund könnte der Zustand der Patienten vor der Erkrankung sein oder auch zum Zeitpunkt des Anschlusses an ein Beatmungsgerät. Über eine mögliche schädliche Reaktion des Immunsystems, ausgelöst durch das Beatmungsgerät, wird ebenfalls von manchen Medizinern spekuliert.  

Corona-Krise: Forscher sind sich uneins über Beatmungsgeräte

Einige Ärzte versuchen nun den Einsatz von Beatmungsgeräten so lange wie möglich hinauszuzögern. Maßnahmen wie die Zufuhr von Stickoxiden oder Lagertechniken sollen zunächst helfen. Patienten können etwa auf den Bauch gelegt werden, um Teile der Lunge besser zu belüften. 

Gegenüber der Nachrichtenagentur „Associated Press“ sagte der New Yorker Notfallmediziner Joseph Habboushe: „Wenn wir es schaffen, dass sich der Zustand von Patienten verbessert, ohne, dass wir sie intubieren müssen, haben sie eine höhere Chance zu genesen – vermuten wir.“

mak

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