Rassismus

Angst vor Coronavirus schürt Rassismus – Das erleben Betroffene 

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Viele Menschen asiatischer Herkunft berichten im Netz, dass sie im öffentlichen Raum gemieden oder angefeindet werden. 

Wegen ihres asiatischen Aussehens wird drei jungen Menschen aus Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet das Virus unterstellt. Drei Betroffene erzählen von ihren Erlebnissen.

  • Menschen mit asiatischem Aussehen sind derzeit mit Rassismus konfrontiert.
  • Der Grund: die Angst vor dem Coronavirus
  • Drei Menschen erzählen über ihre Erfahrungen in Frankfurt

Auf dem Cover des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ ist eine Person in rotem Regenmantel zu sehen. Sie trägt eine Gasmaske und eine Schutzbrille. Darunter steht „Made in China – Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird“.

Der Titel des „Spiegel“ würde eine Endzeitstimmung vermitteln, so, „als würde die Gefahr von der Person und von China selbst ausgehen“, sagt Olivia Sarma, Leiterin der Beratungsstelle Response für Betroffene rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt. „Die Titelseite schürt Ängste vor dem Virus und befeuert den Rassismus gegenüber Menschen mit asiatischem Aussehen“, kritisiert Sarma.

Coronavirus: Menschen mit asiatischem Aussehen werden gemieden 

Diese Ängste vor dem Coronavirus führen offenbar dazu, dass Menschen mit asiatischem Aussehen gemieden oder diskriminiert werden. Unter dem Hashtag #ichbinkeinvirus gibt es auf Twitter etliche Tweets von Betroffenen aus verschiedenen Ländern, die sich gegen Anfeindungen und Beleidigungen aufgrund ihres Aussehens wehren, das mit einer vermeintlichen Ansteckungsgefahr in Verbindung gebracht wird. Das trifft auch auf Frankfurt zu. In einem Beitrag von „ZDF heute“ von Montagabend sagte ein Tourist aus Taiwan auf dem Römerberg, ihm sei der Einlass in ein Restaurant verweigert worden mit der Begründung, dass Chinesen nicht erwünscht seien.

Damit steht der Taiwanese nicht alleine da. Die Frankfurter Rundschau hat mit drei Personen asiatischer Herkunft gesprochen, die in Frankfurt und Umgebung in den vergangenen Tagen Rassismus aufgrund des Coronavirus erlebt haben. Eine davon ist Anh Hoang aus Gelnhausen. Sie ist Vietnamesin. Sie pendelt täglich mit der S-Bahn nach Frankfurt.

In der vergangenen Woche saß ihr auf dem Weg nach Frankfurt ein Mann gegenüber. „Ich habe Heuschnupfen und musste daher in der Bahn husten. Er hat mich daraufhin von oben bis unten gemustert und dann seinen Schal auf seinen Mund gehalten. Die komplette Fahrt über und die dauerte fast 40 Minuten.“

Coronavirus: „Solange man selbst keinen Rassismus erlebt, weiß man nicht, wie sich Rassismus anfühlt“

Die 28-Jährige erlebt seit ihrer Kindheit Rassismus. Doch normalerweise ignoriere sie diesen. „Aber die Sache mit dem Schal hat mich dann doch sehr geschockt. Der Mann war eher südländischer Herkunft. Er müsste doch wissen, wie sich das anfühlt.“

Hoang war wütend und stellte einen Text mit einem Foto, auf dem die Beine des Mannes zu erkennen sind, auf ihr Instagram-Profil. „Ich habe 600 Follower, die sollten das sehen“, sagt sie. Beifall erhielt Hoang von der asiatischen Community. Es gab aber auch einige, die Verständnis für den Mann hatten. „Sie argumentierten, dass sie auch so reagieren würden, weil sie sich vor dem Virus schützen wollen“, sagt sie. „Das ist symptomatisch für weißes privilegiertes Denken. Solange man selbst keinen Rassismus erlebt, weiß man nicht, wie sich Rassismus anfühlt.“

FR-Volontärin Valérie Eiseler weiß genau, wie sich das anfühlt. Sie ist Deutsche mit vietnamesischem Migrationshintergrund. In der vergangenen Woche erledigte sie nach dem Feierabend noch einige Einkäufe in einem Supermarkt. „Als ich mich zwischen den Regalen umsah, stand neben mir noch eine Gruppe von drei jungen Menschen, die, soweit ich das erkennen konnte, Chinesisch sprachen“, sagt sie. Eine Mitarbeiterin des Supermarkts habe die Gruppe und sie dort schon misstrauisch beobachtet. Eiseler stellte sich an die Kasse. Daraufhin ging die Mitarbeiterin zu ihren Kolleginnen, deutete auf Eiseler und ein anderes junges Paar, das etwas weiter entfernt außer Hörweite stand. „Wir alle wurden aufgrund unseres Aussehens von ihr als ‚asiatisch‘ gedeutet.“ Dann sagte die Mitarbeiterin: „Guck mal, wie viele von denen hier sind. Wir brauchen unbedingt Mundschutz, ich will nichts mehr anfassen.“

Coronavirus: „Guck mal, wie viele von denen hier sind“

Eiseler berichtet, dass die Frau bereits weiße Einweghandschuhe trug. „Ihre Kolleginnen nickten panisch. In dem Moment war ich ziemlich fassungslos und konnte kaum artikulieren, wie diskriminierend ich das Verhalten fand. Stattdessen sagte ich leider nur etwas wie ‚Nicht alle Menschen, die aus China kommen, haben das Virus’.“ Sie verließ wütend und enttäuscht das Geschäft. Enttäuscht auch darüber, dass sie nicht mehr gesagt hatte.

Am nächsten Tag in der Straßenbahn setzte sich ein Mann auf den Sitz ihr gegenüber. „Keine fünf Sekunden später sah er mir ins Gesicht, sprang auf, nahm seine Sachen und verschwand an das andere Ende der Bahn. Natürlich kann ich nicht wissen, was in dieser Sekunde in seinem Kopf vorging, aber es fällt schwer, derzeit etwas anderes als Angst vor dem Virus zu vermuten“, sagt Eiseler.

Coronavirus: Die Angst vor Krankheit befeuert den Rassismus

Der Deutschvietnamese Jonny Diep machte ähnliche Erfahrungen in der Straßenbahn. Er studiert Philosophie an der Goethe-Universität und pendelt momentan von Weinheim in die Bankmetropole. „Einige weigern sich tatsächlich, sich neben mich zu setzen, wohlgemerkt in einem leeren Vierer“, sagt er. Manche stünden auch plötzlich auf und wechselten den Sitzplatz, sobald er sich in der Nähe befinde.

Solche Erfahrungen wie sie Anh Hoang, Valérie Eiseler und Jonny Diep erleben mussten, führen bei Betroffenen häufig dazu, das sie sich aufgrund rassistischer Übergriffe zurückziehen, sagt Sarma von Response: „Sie meiden dann Orte wie den Supermarkt oder die Straßenbahn, weil sie sich schützen möchten.“

Das Nachrichtenmagazin „Focus“ hat im Übrigen dasselbe Titelbild wie der „Spiegel“ gewählt. Nur der Titel ist ein anderer. „Der Ausbruch“.

Angst vor Coronavirus-Infizierung: Rassistische Anfeindungen nehmen gegenüber Asiaten weltweit zu. Auch in Nordhessen* erleben chinesische Studierende Misstrauen.

Im Umgang mit dem Coronavirus gibt es im Februar Aufregung in Offenbach: Die Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) will zum Sommer keine neuen Studenten aus China aufnehmen. Nach gemischten Reaktionen sprechen die Offenbacher Hochschule und das Hessische Wissenschaftsministerium von einem Missverständnis bei der Kommunikation.

*hna.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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