Mutter saß wegen Mord im Knast 

Urteil nach 32 Jahren: Dingo tötete Baby

Sydney - Der Fall erregte weltweit Aufsehen: Eine Australierin behauptete, ein Dingo hätte ihr Baby verschleppt. Die Frau geriet selber unter Verdacht. Nun gibt es ein neues Urteil.

Pausbäckig und süß - so lernt die Welt Azaria Chamberlain 1980 auf Fotos kennen. Da ist das neun Wochen alte Baby längst verschwunden, entweder gefressen von halbwilden Hunden, Dingos, wie die Eltern beteuern, oder ermordet von ihrer Mutter, wie die Öffentlichkeit schnell glaubt. Der Fall von Baby Azaria und den Dingos im australischen Outback hat die Dramatik eines Horrorfilms, Gerüchte über Hexerei und Blutopfer machen die Runde. Der Mordprozess wird zum Medienspektakel. Mutter Lindy wird erst verurteilt, dann freigesprochen. Am Dienstag findet die Saga ihr juristisches Ende. Nach 32 Jahren urteilt eine Richterin: Ein Wildhund war verantwortlich für den Tod der kleinen Azaria. Für die Eltern ist ein jahrzehntelanger Kampf zu Ende.

Die irrsten wahren Geschichten der Welt

In Saudi-Arabien verklagte eine junge Frau ihren Mann, weil sie nach drei Jahren Ehe noch Jungfrau war. Der Anwalt des Mannes verwies auf die Impotenz seines Mandanten. Er wolle die Frau nur gegen Rückzahlung der 40.000 Rial (7.818 Euro) Brautgeld freigeben. Die Frau verlangte finanzielle Entschädigung für die drei Jahre ohne Sex. © dpa
In Sydney sprang ein Känguru versehentlich durch ein Fenster in das Schlafzimmer des ausgewanderten Schweizer Kochs Beat Ettlin und landete in dessen Ehebett. Verwirrt hüpfte das Tier durch das ganze Haus. Ettlin konnte es schließlich in den Schwitzkasten nehmen und hinausjagen. Das Känguru verschwand in einem nahen Tierschutzpark. © dpa
In Neuseeland kam ein 21-jähriger Mann beim Versuch, einen Tresor zu knacken, ins Schwitzen. Als er deshalb seine Maske abnahm, filmte ihn eine versteckte Kamera. Die Polizei veröffentlichte die Fotos auf Facebook, der Räuber wurde am nächsten Tag gefasst. © dpa
Eine Diebin, die in einem Designer-Shop in Florida sechs Geldbörsen mit insgesamt 1.200 Dollar gestohlen hatte, stolperte auf der Flucht vor dem Kaufhausdetektiv vor dem heranrollenden Wagen ihres Komplizen, geriet unter die Räder, kam wieder auf die Beine, sprang auf die Kühlerhaube, rutschte ab und wurde abermals überrollt. Beim dritten Versuch schaffte sie es ins Auto und entkam. © dpa
Weil sie gepiercte Katzen zum Verkauf angeboten hatte, wurde Holly Crawford aus Pennsylvania von Tierschützern angezeigt. Sie hatte den Katzen Piercings an Ohren, Hals und Schweif verpasst und sie im Internet für hunderte Dollars als „Gothic Kitten“ angepriesen. © dpa
Die 13-jährige Reina aus New York verschickte in einem Monat 14.528 Kurznachrichten von ihrem Handy - also im Durchschnitt alle zwei Minuten eine. Ihr Vater bekam eine 440 Seiten lange Rechnung. Kosten fielen keine an. Der Handyvertrag beinhaltete unlimitierten SMS-Versand. © dpa
Eine US-Airline lieferte einer Tierhandlung in Philadelphia einen Sarg samt Leiche. Das Geschäft hatte ein Aquarium mit tropischen Fischen bestellt. Die Witwe des Verstorbenen nahm es mit Humor: Ihr Mann sei immer schon ein Spaßvogel gewesen. © dpa
Forscher lösten das Geheimnis um mysteriöse Kreise in tasmanischen Kornfeldern: Kängurus hatten Mohnsamen gefressen und waren im Drogenrausch im Kreis gehüpft. Die Mohnbauern Tasmaniens liefern etwa die Hälfte des weltweiten Bedarfs für medizinisches Opium. © dpa
Ein 54-jähriger Japaner gab sich bei einer Pharmazie-Prüfung als sein 20-jähriger Sohn aus. Der Medikamenten-Großhändler fürchtete, sein Sohn würde den Test nicht bestehen. Der Schwindel flog auf, weil der Japaner im Prüfungsstress sein eigenes Geburtsdatum angab. © dpa
In England löste ein Pony mit ungewöhnlich kurzen Beinen mehrmals falschen Alarm aus. Autofahrer, die das Tier grasen sahen, glaubten, es stecke im Morast fest und riefen Rettung und Feuerwehr. In nur einer Woche fielen so Kosten in Höhe von 8.000 Pfund an. © dpa
Eine 152 Zentimeter große und 125 Kilo schwere Amerikanerin mit einem Tumor im Rücken wurde vom Spital in Kansas City für einen Magnetresonanztest in den Zoo geschickt. Für das Gerät im Krankenhaus sei sie zu schwer und zu breit, hieß es. „Ich wusste, dass ich dick bin“, sagte sie, „aber doch nicht so dick wie ein Elefant!“ © dpa
An der Universität Leeds warfen Putzfrauen wertvolles wissenschaftliches Material in den Müll. Es handelte sich um Exkremente einer seltenen Eidechsenart. Der Wissenschaftler verklagte den Putzdienst. Das Missgeschick kostete ihn sieben Jahre Forschungsarbeit. © dpa
In der Nähe der indischen Stadt Bijapur verschlang ein Büffel ein Handy samt Etui, das einem Bauern aus der Tasche gefallen war. Der Mann fand es im Büffelkot. Es war noch intakt. Sieben Anrufe waren eingegangen. © dpa
In Australien belästigte der siebenjährige Emu Edward, ein riesiger Laufvogel, seine Besitzerin sexuell. Wenn sie die Hühner fütterte, wollte er sie in sein Nest drängen. Sie musste sich mit Palmwedeln wehren. Über einen Radiosender suchte sie deshalb ein Emu-Weibchen. © dpa
In England stopfte ein 20-jähriger Mann die sechs Monate alte Katze seiner Freundin in eine Marihuana-Pfeife aus Plexiglas. Wegen Tierquälerei angezeigt erklärte er, gelesen zu haben, dass Haschisch Haustiere beruhigen würde. Tatsächlich habe sich die Katze danach geputzt und artig hingelegt. © dpa
In Wien musste eine 58-jährige Schweizerin in Untersuchungshaft, weil sie im Bezirk Hernalls zwölf Jahre lang den Pfarrer sexuell bedrängt haben soll. Nach Ansicht der Frau sei der Priester die Reinkarnation von Jesus Christus. © dpa
Eine Fledermaus krallte sich am Außentank eines amerikanischen Spaceshuttles fest. Versuche, sie vor dem Start zu vertreiben, schlugen fehl. Ob sie den Trip überlebt hat, ist unklar. Später aufgenommene Bilder von der Außenhülle des Shuttles zeigten keine Spur mehr von ihr. © dpa
Im Nordosten des Schweizer Kantons Thurgau stieß die Polizei bei einem Test des Satellitenkarten-Programms Google Earth auf eine Marihuana-Plantage. 16 Menschen wurden verhaftet und 1,1 Tonnen Marihuana beschlagnahmt. © dpa
Als in Leipzig ein 25-jähriger Stahlarbeiter über die Hitze klagte, steckte ihm sein Kollege aus Spaß einen Hochdruck-Luftschlauch ins Gesäß. Durch die Druckluft platzte dem Mann der Darm. Er lag tagelang auf der Intensivstation. © dpa
Polizisten weckten einen von gärenden Wildkirschen in seinem Bauch beschwipsten Dachs, der mitten auf der Straße seinen Rausch ausschlief. Zuerst weigerte er sich, seinen Platz zu verlassen. Erst als ihn die Beamten mit einem Besen stießen, trollte er sich auf eine Wiese, wo er weiter schlief. © dpa
Eine 73-jährige Klagenfurterin wurde zu 360 Euro Geldstrafe wegen Stalkings verurteilt, nachdem ihr Sohn sie angezeigt hatte. Sie habe ihn zweieinhalb Jahre lang bis zu 49 Mal am Tag angerufen. Die Mutter war entrüstet: Sie habe nur reden wollen, sagte sie und enterbte ihn. © dpa
In den USA verklagte ein 49 Jahre alter Chirurg seine Frau nach der Trennung: Er wollte seine Niere zurück, die er ihr gespendet hatte. Trotz dieses Liebesbeweises habe sie ihn betrogen. Weil das Organ kein zweites Mal transplantiert werden konnte, verlangte er als Gegenwert 1,5 Millionen Dollar. © dpa
Die neuseeländische Brückenechse Henry wurde mit 111 Jahren zum ersten Mal Vater. Zuvor war ihr ein Genitaltumor entfernt worden. © dpa

Pastor Michael Chamberlain von der Freikirche der Adventisten des Siebenten Tages zeltet mit seiner Frau und den Kindern Aidan (6), Reagan (4) und Baby Azaria im August 1980 am Uluru, dem Steinmassiv in Zentralaustralien, das früher Ayers Rock hieß. Die Chamberlains sitzen mit anderen Urlaubern beim Lagerfeuer zusammen, dann plötzlich helle Aufregung: Das Baby ist weg, wie vom Erdboden verschwunden. „Dingos“, sagt Lindy sofort, „sie haben mein Baby verschleppt.“

Die Dingo-Theorie stößt auf Skepsis, und Lindy Chamberlain will so gar nicht in das Bild der verzweifelten Mutter passen. Sie schluchzt sich nicht in die Herzen der Fernsehzuschauer. Sie ist gefasst. Sie verweist auf ihren Glauben. Sie beharrt auf ihrer Geschichte. „Ich habe beschlossen, mich auf die schönen Erinnerungen zu konzentrieren, nicht den Schmerz“, schreibt Lindy als Erklärung auf ihrer Webseite. „Ich will mich nicht elend fühlen.“ Dann tauchen bizarre Gerüchte auf: Die Chamberlains hingen einem Kult an, der Kinderopfer verlange.

Azarias blutige Babykleidung wird gefunden, wie mit einer Schere zerschnitten und laut Anklage ohne eine Spur von Dingo-Speichel. Lindy sagt, das Baby habe eine Jacke angehabt. Man glaubt ihr nicht. Lindy wird 1982 wegen Mordes verurteilt, ihr Mann wegen Beihilfe zu einer Bewährungsstrafe. Lindy habe das Kind aus dem Zelt geholt, im Auto mit einer Schere erstochen und die Leiche verschwinden lassen, sind die Geschworenen überzeugt. Hochschwanger geht sie ins Gefängnis, ihre Tochter Kahlia kommt nach der Geburt zu Pflegeeltern.

Vier Jahre später finden Wanderer das Jäckchen, das Azaria trug, in der Nähe eines Dingo-Baus. Lindy wird entlassen. Das vermeintliche Blut im Auto der Chamberlains stellt sich als Schalldämpfer-Spray heraus. Das Urteil gegen sie und ihren Mann wird 1988 aufgehoben. Im gleichen Jahr kommt das Drama als Hollywood-Film in die Kinos, mit Meryl Streep: „A Cry in the Dark“ (auch bekannt als „Evil Angels“; deutscher Titel: „Ein Schrei in der Dunkelheit“).

Neuer Totenschein

In Darwin urteilt am Dienstag Untersuchungsrichterin Elizabeth Morris, dass Azaria starb, weil sie von einem Dingo verschleppt und angegriffen wurde. Diese Todesursache steht nun auch auf dem Totenschein. Mutter Lindy bricht in Tränen aus. Sie sei „erleichtert und erfreut“, dass diese „Saga“ nun ein Ende habe, sagt sie. Auch Michael Chamberlain tritt vor die Presse. Der sichtlich gerührte Vater spricht von einem „furchterregenden Kampf“, der viel zu lange gedauert habe. „Aber jetzt ist es Zeit für Heilung und eine Chance, dass die Seele unserer Tochter Ruhe findet.“

Nicht für alle ist der Fall abgeschlossen. Einer der ermittelnden Polizisten bleibt dabei: An Azarias Verschwinden waren Menschen beteiligt. „Oder der Dingo ist damals mit dem Kind abgehauen, stehengeblieben, hat ihm die Jacke ausgezogen, sie wieder zugeknöpft, und ist dann abgehauen, mit dem Baby“, sagte Denver Marchant unlängst der Zeitung „Daily Telegraph“.

Die Chamberlains sind geschieden und wiederverheiratet. Lindy ist seit mehr als 20 Jahren als Motivationstrainerin unterwegs. Ihr Hauptthema: Vergebung.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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