Dominique Strauss-Kahn wegen Zuhälterei vor Gericht

Lille - Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, muss sich ab Montag mit 13 weiteren Angeklagten wegen organisierter Zuhälterei verantworten.

Es geht um Macht und Moral, um brutale Sexorgien und Zuhälterei, um den Absturz eines Spitzenpolitikers und um mögliche politische Intrigen: Der Prozess im nordfranzösischen Lille, der am Montag gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn und 13 weitere Angeklagte eröffnet wurde, hat das Zeug zu einem Polit-Thriller. Doch anders als im Mai 2011, als Strauss-Kahn in New York von der Festnahme nach den Vergewaltigungsvorwürfen eines Zimmermädchens völlig überrascht wurde, konnte sich der heute 65-Jährige auf den Zuhälterei-Prozess lange vorbereiten. Und wirkte erstaunlich gelassen.

In schwarzem Anzug und mit dunkler Krawatte, die Hände in den Taschen, lief Strauss-Kahn vor Prozessbeginn am Montag durch den Gerichtssaal. Der einstige Hoffnungsträger der französischen Sozialisten, der beste Aussichten auf einen Sieg im Präsidentschaftswahlkampf 2012 gehabt hätte, wirkte ernst, aber entspannt. Den drängelnden Kameraleuten und Fotojournalisten vor dem Gerichtsgebäude war er ausgewichen, indem er sich in einem Fahrzeug mit getönten Scheiben direkt in die Parkgarage des Justizpalasts von Lille hatte fahren lassen.

Nicht vergessen sind die Bilder damals in New York, als ein schlecht rasierter, sichtlich mitgenommener Strauss-Kahn - als IWF-Chef einer der mächtigsten Männer der Welt - den Kameras in Handschellen vorgeführt wurde. Zwar wurde das Vergewaltigungsverfahren dort wegen mangelnder Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens später eingestellt. Danach folgte aber eine wahre Kaskade von Enthüllung zum Sexleben von "DSK", wie Strauss-Kahn in Frankreich genannt wird, die selbst in seinem Heimatland für Abscheu sorgten und nun im Zuhälterei-Prozess von Lille gipfelten.

Ausschweifende Swingerpartys, wahre Sexorgien, soll "DSK" in Paris, Washington und andernorts gefeiert haben. Dass er die dazu angeheuerten Frauen als "Material" bezeichnete, bedauerte er später. Der Ex-IWF-Chef bestritt im Verhör laut Medienberichten jedoch erzwungene Sexpraktiken. Mehrere Callgirls hatten die Sextreffen als "Gemetzel", "Schlachtung" und "reinen sexuellen Konsum" beschrieben.

Der einst vielbewunderte Ökonom wehrt sich auch gegen den Vorwurf der "schweren Zuhälterei", auf den in Frankreich bis zu zehn Jahre Gefängnis stehen. Dass die Frauen bei den Sexorgien Prostituierte waren, will er nicht gewusst haben.

Nicht nur der "DSK"-Vertraute und Strauss-Kahn-Biograf Michel Taubmann erhob zum Prozessauftakt den Vorwurf, der Anklage in Lille gehe es um Moral und nicht um Recht. Das Aufsuchen einer Prostituierten sei in Frankreich - bisher - nicht strafbar. Und landläufig sei ein Zuhälter jemand, der Mädchen auf die Straße schicke und bei ihnen Geld abkassiere. Das sei bei "DSK" offensichtlich nicht der Fall.

Auch die Staatsanwaltschaft hatte sich schon im Juni 2013 dafür ausgesprochen, das Verfahren gegen "DSK" aus Mangel an Beweisen einzustellen. Die Untersuchungsrichter setzten sich aber darüber hinweg und wollen vor Gericht nun nachweisen, dass der Ex-IWF-Chef zusammen mit Hotelmanagern, einem hochrangigen Polizisten, Unternehmern und unterstützt durch einen Zuhälter ein wahres Sexnetzwerk mitorganisierte.

Für die Verteidigung kam es da wie gerufen, dass der Sender Canal+ am Montagabend eine investigative Recherche zu dem Fall ausstrahlen wollte, mit der die Theorie eines politischen Komplotts gegen "DSK" untermauert werden soll.

Denn bereits vor Aufnahme erster Vorermittlungen der Justiz im Februar 2011 und damit noch vor dem Skandal von New York soll acht Monate lang "halbamtlich" zu der sogenannten Carlton-Affäre rund um ein Luxushotel in Lille ermittelt worden sein. Laut den Recherchen von Canal+ wurden dabei sogar Abhörmaßnahmen angeordnet - von oberster Stelle, damals die konservative Regierung unter Präsident Nicolas Sarkozy. Das Gericht musste sich am Montag nun erst einmal mit der Frage befassen, ob diese "geheimen" Ermittlungen den gesamten Prozess zum Platzen bringen könnten.

AFP/dpa

Rubriklistenbild: © Etienne Laurent

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