Unsere Redakteure streiten sich über "Du" und "Sie"

Pro und Kontra: Ist Duzen eigentlich okay?

Nicole Blechinger (l) und Andrea Presser (r) halten am "Du"-Schalter im Haus des Gastes in Oberstaufen (Schwaben) ein Schild mit der Aufschrift "Hier werden Sie geDUzt" (Foto vom 07.07.2011). Touristen die sich hier Tipps einholen wollen können sich mit den Mitarbeitern der Tourist-Information duzen. Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby (zu dpa/lby-KORR: ""Hier werden Sie geduzt" - Duz-Offensive im Allgäu") | Verwendung weltweit
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So geht es auch: Im Haus des Gastes in Oberstaufen im Allgäu können Besucher die Mitarbeiter der Tourist-Information duzen.

Immer wieder fragen wir uns, ob wir den Gegenüber duzen oder siezen sollten. Dabei wäre es so einfach, wenn wir zu jedem Du sagen würden. Oder ist das unhöflich? Ein Pro und Kontra.

Pro: Duzen schafft die Zwei-Klassen-Gesellschaft ab

Der Kasseler Comedian Brian O'Gott hat die ultimative Lösung gefunden auf die Frage, ob man sein Gegenüber duzen oder siezen soll. Wenn er die Bühne betreten hat, fragt er sein Publikum: "Wollen wir uns duzen, siezen oder euchen?"

Matthias Lohr (42, Online-Redakteur)

Dabei ist die Sache mit dem Du und Sie gar nicht so lustig. Googelt man "Duzen oder Siezen", findet man mehr als 20.000 Seiten, die einem erklären wollen, wann man Du und wann man Sie sagen darf. Dabei wäre es so einfach: Würden wir uns alle duzen, gäbe es keine ratlosen Gesichter bei Empfängen und im Arbeitsalltag mehr und auch keine sprachlich hierarchisierte Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Genau das wollten die linken 68er-Studenten überwinden, als sie begannen, das Sie abzuschaffen. Ihr Geduze sollte Klassenunterschiede abbauen und Solidarität fördern. Heute verzichten ganze Unternehmen auf das Sie, weil sie es aus der angloamerikanisch geprägten Geschäftswelt so kennen. Ikea fragt seit Jahren seine Kunden: "Wohnst du noch oder lebst du schon?"

Trotzdem wandeln Sprachratgeber den Werbesatz immer noch ab und witzeln: "Siezt du noch, oder duzt du schon?" Für die Sportfreunde Stiller und viele andere aus der Generation der Nach-68er ist das keine Frage mehr. Sie finden Siezen komisch. Sporties-Schlagzeuger Florian Weber erklärt: "Dadurch fühle ich mich gleich älter."

Kinder haben vermutlich mehr Spaß im Leben, weil sie noch neugieriger sind, den Moment genießen, auf Äußerlichkeiten pfeifen und weil sie jeden duzen - selbst ihre Klassenlehrerin Frau Müller. Auch das können wir von ihnen lernen. Darum duzen wir im Online-Magazin Sieben unsere User, also dich, lieber Leser, und auch dich, liebe Leserin.

Manche haben Angst vor der "verduzten Gesellschaft", weil man nur mit einem Sie dem anderen den nötigen Respekt gegenüberbringen könne, wie uns ein Leser schrieb. Dabei, und das schreiben wir voller Respekt, kommt es immer auf den Ton an und nicht auf das Du oder Sie. 1984 sagte der Grünen-Politiker Joschka Fischer zum damaligen Bundestags-Vizepräsidenten Richard Stücklen: "Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch, mit Verlaub!" Das klang auch nicht respektvoller als: "Herr Präsident, du bist ein Arschloch, mit Verlaub!"

Die Dänen wurden im vorigen Jahr gerade wieder zum glücklichsten Volk der Welt gewählt. Kein Wunder: Sie siezen sich nicht, sie euchen sich nicht. Sie sagen einfach: Du.

Kontra: Siezen ist eine Frage des Respekts

Moritz Gorny (28, Volontär)

Das erste „Sie“ war ungewohnt: Es war in der Oberstufe, wo mich die Lehrer erstmalig mit „Herr Gorny“ ansprachen. Daran gewöhnt habe ich mich allerdings schnell. Schließlich war es ein erhabenes Gefühl. Mit dem Sie wurde mir gezeigt, dass ich in der Gesellschaft als – wenn auch noch junger – Erwachsener gelte. Ein mündiger Mensch, dem man mit Respekt begegnen kann. So hatte ich das bei Erwachsenen gemacht, so wollte ich das auch!

Ab diesem Moment war das unangebotene Du zwar kein Ärgernis, aber dennoch irritierend. Kannte ich die Person nicht oder wenig, fehlte mir schlichtweg die sprachliche Distanz, wenn sie mich aus heiterem Himmel duzte. Warum ist das so? Für mich ist das Siezen eine Frage des Respekts.

Duzt mich heute beispielsweise eine Person in den Sechzigern, ohne mir vorher das Du anzubieten, empfinde ich das als unhöflich und respektlos. Da spielt es keine Rolle, ob ich mehr als 30 Jahre jünger bin. Oder ob ich natürlicherweise weniger Lebenserfahrung habe. Für solche Fälle gewöhne ich mir gerade an, auch mal direkt zurück zu duzen. Damit stelle ich mich auf eine Stufe mit der anderen Person. 

Das erfordert Mut, aber die teils verdutzten Gesichter zu sehen, ist unbezahlbar. Gleiches gilt auch für Gleichaltrige. Es gibt Situationen, da ist das direkte Du ganz normal - zum Beispiel in manchen Betrieben. Wird das Du jedoch inflationär gebraucht, werden wir oberflächlich. Und welchen Wert hat es dann noch, wenn einen Freunde, genauso wie wildfremde Menschen mit dem Du ansprechen?

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