Wasserwucher, Plastikmüll und verunreinigtes Milchpulver

Nach dem Edeka-Boykott: Darum hat Nestlé so ein schlechtes Image

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Auch wo nicht Nestlé draufsteht, kann Nestlé drin sein: Überblick über die Welt des größten Nahrungsmittelkonzerns.

Nestlé ist der größte Nahrungsmittelkonzern der Welt, aber auch einer der umstrittensten. Nun will Edeka seine Produkte boykottieren. Ein Blick auf die Nestlé-Skandale.

An Nestlé führt in Supermärkten fast kein Weg vorbei. Zum größten Nahrungsmittelkonzern der Welt zählen nicht nur Klassiker wie Nescafé, Maggi, Kitkat und Caro-Kaffee, sondern auch unzählige Marken wie Wagner-Pizza und Thomy sowie Mineralwasser von Vittel und San Pellegrino.

Zumindest bei Edeka könnte man sie demnächst vergeblich suchen. Deutschlands größter Lebensmittelhändler hat dem Schweizer Konzern mit Boykott gedroht. Endlich trifft es einmal das umstrittene Nestlé, dachten viele kritische Verbraucher. Dabei geht es im Streit der Giganten nicht um Moral und Nachhaltigkeit, sondern lediglich um günstige Einkaufspreise. Edeka sieht sich gegenüber Konkurrenten wie Aldi und Rewe benachteiligt.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum hat der 1867 vom Schweizer Apotheker Henri Nestlé gegründete Konzern immer noch so ein schlechtes Image? Fünf Skandale, die Nestlé zum vielleicht umstrittensten Konzern der Welt gemacht haben.

Skandal 1: Trinkwasser

Angeblich ist Nestlé die "Lebensmittelmarke, der Verbraucher in Deutschland am meisten vertrauen". So schreibt es der Konzern auf seiner Webseite. Das überrascht, weil 2012 ein mehrfach ausgezeichneter Kinofilm zu erklären versuchte, dass Nestlé vor allem ein Bösewicht ist. "Bottled Life - Nestlés Geschäfte mit dem Wasser" erzählte, wie das Unternehmen aus dem Quell des Lebens sehr viel Geld macht. Der Vorwurf: Auch in trockenen Gebieten der Erde wie Kalifornien, Pakistan und Südafrika kaufen die Manager Wasserrechte. Anschließend verkaufen sie ein Produkt, das fast kostenlos aus der Erde kommt, für sehr viel Geld - etwa in Form der Marke Pure Life. Maude Barlow, ehemalige UN-Chefberaterin für Wasserfragen hält Nestlé für einen "Wasserjäger, ein Raubtier auf der Suche nach dem letzten sauberen Wasser dieser Erde".

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Dazu passt ein immer wieder gern zitierter Satz des ehemaligen Konzern-Chefs Peter Brabeck: "Es gibt kein Menschenrecht auf Wasser." Es war zwar aus dem Zusammenhang gerissen, aber schon bald in der Welt und selbst von PR-Fachleuten nicht mehr wegzukriegen.

Skandal 2: Plastikmüll

Die Auswirkungen der Geschäftspolitik von Nestlé hat Michael Meyer-Krotz voriges Jahr am White Beach in der Bucht von Manila gesehen und gerochen. Der Greenpeace-Aktivist stand auf den Philippinen nicht auf weißem Sand, sondern knöcheltief im Müll. Hauptverantwortlich für die Plastikflut sind laut der Umweltschutzorganisation Greenpeace Konzerne wie Nestlé, die in den armen Regionen der Welt gern Einportionenpackungen von Seife, Zucker und Kaffee verkaufen.

Die vielen Tagelöhner etwa in Südostasien verdienen so wenig, dass sie sich nur Tagesrationen kaufen können. "Pro-Poor-Verpackungen" heißen die in der Manager-Fachsprache. Für Meyer-Krotz sind sie ein "Desaster", weil sie in den Ländern Südostasiens "schwer oder gar nicht recycelbar" seien. Dort gibt es halt keinen gelben Sack (von dem selbst in Deutschland mehr als die Hälfte des Inhalts nicht wiederverwertet, sondern verbrannt wird).

Zehn Tage lang räumte Greenpeace mit 100 Helfern auf den Philippinen auf. Eine Veränderung der Konzernstrategie im Hinblick auf den Plastikmüll gibt es laut Meyer-Krotz bis heute nicht.

Skandal 3: Milchpulver

Kritik an Nestlé ist nicht neu. Bereits 1974 machten Hilfsorganisationen mit der Broschüre "Nestlé tötet Babys" Front gegen den Konzern. Damals wollte das Unternehmen mit Milchersatzprodukten die Säuglichkeits-Sterblichkeit in Entwicklungsländern bekämpfen. Anstatt zu stillen, sollten Mütter Milchpulver von Nestlé verwenden. Da viele Eltern für die Zubereitung jedoch verunreinigtes Wasser verwendeten, starben laut Kritikern nur noch mehr Kinder. Nestlé wurde vorgeworfen, nicht hinreichend über die Gefahren der Ersatzprodukte aufgeklärt zu haben.

2008 fühlten sich manche an den alten Fall erinnert. Ein Tochterunternehmen von Nestlé verkaufte in China verunreinigtes Milchpulver. Hunderttausende Kinder mussten in Krankenhäuser, mindestens sechs starben.

Heute versichert Nestlé: "Ja, wir haben in der Vergangenheit Fehler gemacht. Aber diese haben wir systematisch korrigiert und das direkte Gespräch mit Kritikern gesucht."

Skandal 4: Palmöl

Auch Jürgen Knirsch von Greenpeace sagt: "Nestlé hat sich ein bisschen bewegt." Der Umweltschützer war 2010 an einer Kampagne gegen Nestlé beteiligt, die den Konzern indirekt für die Abholzung des indonesischen Regenwalds verantwortlich machte. In Schokoriegeln wie Kitkat war bis dahin Palmöl vom umstrittenen Hersteller Sinar Mas enthalten. Der, so der Vorwurf, holze die Urwälder ab und gefährde so die Lebensgrundlage der bedrohten Orang-Utans.

"Jeder Biss in einen Kitkat-Riegel zerstört das Leben der letzten Orang-Utans ein bisschen mehr", sagte damals eine Greenpeace-Mitarbeiterin. Andere Unternehmen wie Unilever und Kraft hatten schon früher ihre Verträge mit Sinar Mas gekündigt. Nestlé zog erst mit Verspätung durch den Druck von Greenpeace nach.

Skandal 5: Tierfutter

Nicht nur Affen, auch Hunde sind nicht gut auf Nestlé zu sprechen. In den USA fanden Tierschützer unter den Zutaten des Hundefutters Beneful der Nestlé-Tochterfirma Purina Propylenglykol, das sonst vor allem in Frostschutzmitteln enthalten ist. Arsen, Blei und Schimmelpilzgifte waren in dem Leckerli ebenfalls enthalten. Viele Herrchen und Frauchen bangten um das Leben ihrer Vierbeiner. Beneful stand im Verdacht, zu Leber- und Nierenversagen zu führen. 

Es kam zur Klage gegen Purina, das in Deutschland die zweitbeliebteste Tiernahrung ist. Das freut Nestlé: 8,3 Prozent seines Umsatzes macht der Konzern mit Tiernahrung. Dass Nestlés beliebtester Schokoriegel darum Kitkat heißt, ist indes nur ein Gerücht. Der Name leitet sich wohl vom Kit-Cat-Club im England des 18. Jahrhunderts ab. Der Werbeslogan "Have a break" ("Mach eine Pause") könnte nach der Boykott-Androhung nun auch das Motto für Edeka sein.

Hier geht es zum ausführlichen "Nestlé-Check" der ARD.

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