Zehn EHEC-Tote: Frau stirbt in Lübeck

Kiel - Der EHEC-Erreger hat in Schleswig-Holstein das vierte Todesopfer gefordert. Eine 86 Jahre alte Frau ist in einem Lübecker Krankenhaus an der schweren Komplikation HUS gestorben. Auch in Hamburg gibt es einen weiteren Todesfall.

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Die EHEC-Welle rollt unvermindert vor allem durch den Norden Deutschlands. Bis zum Samstag sind dem gefährlichen Darmkeim zehn Menschen zum Opfer gefallen. Auch die Zahl der Krankheits- und Verdachtsfälle steigt. Nach offizieller Schätzung ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Wo die Ursache liegt, ist weiter unklar. Mehr als die Hälfte der Bundesbürger verzichtet auf rohe Tomaten, Gurken und Salat. Betroffene Bauern beklagen Riesenschäden. Deutsche Erzeugerverbände meldeten unterdessen nach Labortests ihre Ware “EHEC-frei“.

Am Samstag wurden vier neue Todesfälle bekannt: In einem Krankenhaus in Schleswig-Holstein starb am Samstag zunächst eine 84 Jahre alte Frau an der schweren Komplikation HUS, später eine 86-Jährige. HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom. Im Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE) starb daran in der Nacht zu Samstag eine 87-jährige Frau. Eine 38 Jahre alte Frau aus Schleswig-Holstein war bereits am Donnerstagabend in einem Kieler Krankenhaus am HUS gestorben. Bundesweit schweben mehrere Menschen weiter in Lebensgefahr.

Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1000 bestätigte und EHEC-Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr etwa 900 gemeldete Infektionen mit den Bakterien. Von den zehn Toten waren neun Opfer Frauen. Bislang stammen alle Todesopfer aus Norddeutschland.

Allein in Niedersachsen wurden bis Samstag 141 bestätigte Erkrankungen, 48 EHEC-Verdachtsfälle und 42 HUS-Fälle registriert. “Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt“, sagte der Sprecher des Sozialministeriums. Wegen Überlastungen verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte derzeit nach Niedersachsen. In Hamburg liegt die Zahl bei etwa 400 Patienten.

EHEC: Die wichtigsten Fragen und Antworten

dapd
Was verbirgt sich hinter der Abkürzung EHEC? © 
Es handelt sich bei EHEC-Bakterien um die sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia Coli-Bakterien. Seit Anfang Mai verbreitet ein besonders aggressiver Erreger Angst und Schrecken in Deutschland. © dpa
Bisher sind 36 Menschen an den Folgen der Erkrankung gestorben. Überraschend: Betroffen sind vor allem junge Frauen. Normalerweise erkranken Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere und immunschwache Menschen durch eine EHEC-Infektion. © dpa/ap
Bei EHEC handelt es sich um eine gefährliche Variante des für den Menschen harmlosen Darmbewohners Escherichia coli. EHEC kommt im Darm von Weiderkäuern vor. Gelangt es jedoch in den Körper des Menschen, setzen die Bakterien dort gefährliche Giftstoffe frei. © dpa/ap
Wissenschaftler haben das Genom des Erregers bereits entschlüsselt. Dabei fanden sie heraus, dass zwei Bakterienstämme ihre Erbsubstanz miteinander ausgetauscht haben. © dpa
Welche Symptome bringt eine EHEC-Erkrankung mit sich? © dpa/ap
Der Erreger kann sich zunächst durch blutigen und wässrigen Durchfall, Erbrechen, Übelkeit und Bauchschmerzen bemerkbar machen. Zudem sind bei schweren Verläufen auch Blutarmut, Gefäß- und Nierenschäden möglich. Auch wenn die Krankheit überstanden ist, können Gesundheitsschäden wie etwa Nierenleiden zurückbleiben. © dpa
Wie wird die Krankheit übertragen? © dpa/ap
Da sich der Erreger vor allem im Kot von Nutztieren findet, ist direkter Kontakt mit den Tieren ein Übertragungsweg. Aber auch verunreinigte Lebensmittel, die Kot-Partikel enthalten, können Ursache sein. Wird gedüngtes Obst und Gemüse ungewaschen gegessen, kann das die Krankheit auslösen. Auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist über Schmierinfektionen möglich. © dpa/ap
Was ist bei den aktuellen Fällen die Infektionsquelle? © dpa/ap
Schnell gerieten Gurken und Tomaten in Verdacht. Das Bundesamt für Risikobewertung hat allerdings inzwischen die Empfehlung, auf den Verzehr von Gurken, Tomaten und Blattsalat in Norddeutschland zu verzichten, aufgehoben.  © dapd
Denn inzwischen haben Wissenschaftler Sprossen von einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel zweifelsfrei als Träger des Erregers identifiziert. © dpa
Beunruhigend: EHEC-Bakterien wurden auch auf bayerischem Salat gefunden. Er befand sich auf Lollo Rosso-Salat eines Fürther Gemüseerzeugers. Erste Laborergebnisse deuten jedoch nicht darauf hin, dass es sich um den gefährlichen Erreger-Typ handelt. © dapd
Wie kann ich mich vor EHEC-Erkrankungen schützen? © dpa/ap
Die Behörden empfehlen, dass in Deutschland derzeit keine rohen Sprossen gegessen werden sollten - auch keine selbst gezogenen.  © 
Der beste Schutz vor dem Keim ist allerdings Hygiene. Dazu gehört regelmäßiges Händewaschen. Verbraucher könnten dem RKI zufolge das Risiko einer EHEC-Infektion weiter minimieren, indem sie alle Lebensmittel vor dem Verzehr mindestens zehn Minuten lang auf 70 Grad erhitzen. Es gibt keine Impfung gegen den Keim. © dpa
In der Berichterstattung ist auch von HUS die Rede. Was ist das? © dpa/ap
HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, einen besonders schweren Verlauf der EHEC-Erkrankungen. Dabei kann es zu Nierenversagen und Blutarmut kommen. Das kann lebensbedrohlich sein. © dpa/ap
Was muss ich tun, wenn ich betroffen bin? © dpa/ap
Zunächst sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Außerdem sollen EHEC-Erkrankte viel trinken, um den Flüssigkeits- und Salzverlust auszugleichen. Hygiene ist ein Muss, um weitere Ansteckungen zu vermeiden. Mit dem Bakterium infizierte Patienten sollten auf keinen Fall Antibiotika nehmen. Diese könnten die Situation noch verschlimmern, erklärte ein Arzt des Berliner Krankenhauses Charité. Wenn die Bakterien durch das Antibiotikum in großem Umfang zerfallen, werden vermehrt Gifte aus den Bakterien freigesetzt. © dpa/ap

Die Bundesregierung hält eine weitere Ausbreitung der EHEC-Welle für möglich. “Es sind weitere Fälle zu befürchten, solange die Quelle nicht zweifelsfrei identifiziert und geschlossen ist“, sagte der Sprecher der Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), Holger Eichele, am Samstag der Nachrichtenagentur dpa in Berlin. Insbesondere Gurken, Tomaten und Salat in Norddeutschland würden auf den Erreger hin getestet.

Mediziner setzen gegen HUS inzwischen auf eine neue Behandlung. So bekommen in der Hamburger Uniklinik Eppendorf (UKE) sechs EHEC-Infizierte mit Komplikationen einen speziellen Antikörper, wie UKE-Professor Rolf Stahl am Samstag berichtete. “Erst in einigen Wochen werden wir wissen, wie erfolgreich diese Therapie sein wird.“ Der Antikörper Eculizumab soll gegen das akute Nierenversagen bei HUS wirken, wie das “Hamburger Abendblatt“ berichtete. Am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) wird das Mittel seit Wochenbeginn eingesetzt, wie die Zeitung “Schleswig-Holstein am Sonntag“ meldete.

Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris stellten im Fachblatt “New England Journal of Medicine“ die erfolgreiche Behandlung von drei Kleinkindern mit diesem Antikörper vor. Die Kinder waren im vergangenen Jahr nach EHEC-Infektionen an HUS erkrankt. Sie litten an Nierenversagen sowie an schweren Störungen des Nervensystems. Innerhalb von 24 Stunden nach der ersten Infusion habe sich der Zustand der Kinder deutlich verbessert, berichten die Mediziner in der Fachzeitschrift. Auch sechs Monate danach seien die Kinder gesund.

Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) geht davon aus, dass es außer den identifizierten spanischen Salatgurken vom Hamburger Großmarkt noch weitere Ansteckungsquellen geben müsse. Spanische Behörden wiesen Informationen der EU-Kommission zurück, wonach zwei Agrarbetriebe in Südspanien wegen EHEC-Verdachts vorübergehend geschlossen worden seien. In den beiden Betrieben in den Provinzen Almería und Málaga seien lediglich abgeerntete Gurken vorsichtshalber sichergestellt worden, teilte das andalusische Gesundheitsministerium in Sevilla mit. Sie könnten womöglich mit den in Deutschland aufgetretenen EHEC-Infektionen in Verbindung stehen. Experten entnahmen Boden-, Wasser und Produktproben.

Mehr als jeder zweite Bundesbürger verzichtet jetzt auf ungekochte Tomaten, rohe Gurken und Salat. 58 Prozent gaben in einer Umfrage im Auftrag der “Bild am Sonntag“ an, auf diese Rohkost zu verzichten. 41 Prozent würden dagegen weiterhin rohes Gemüse essen. Das Institut Emnid hatte 500 Menschen ab 14 Jahren repräsentativ befragt.

Der Hannoveraner Nierenarzt Jan Kielstein betonte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa, die EHEC-Warnungen seien nicht überzogen. Kritik von Landwirten an der Informationspraxis von Behörden und Medizinern könne er nicht teilen, sagte der Nierenspezialist von der Medizinischen Hochschule Hannover. “Es sind natürlich alle sehr verunsichert, wie mit einer solchen Situation umzugehen ist.“ Es sei aber angebracht vor dem Verzehr von Rohkost zu warnen und die Bevölkerung aufzuklären.

Angesichts wachsender Skepsis der Verbraucher durch die EHEC-Krise gehen die deutschen Obst- und Gemüseproduzenten in die Offensive. Große Erzeuger haben Stichproben ihrer Produkte testen lassen und meldeten nach entsprechenden Laborbefunden ihr Obst und Gemüse als “EHEC-frei“. So seien Waren der führenden deutschen Vermarktungsorganisation Landgard am Niederrhein “erwartungsgemäß EHEC-frei“ getestet worden, berichtete die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) in Bonn.

Zu den getesteten Waren gehörten mehrere Salatsorten, Tomaten und Gurken. Dasselbe Ergebnis legte auch die Gartenbauzentrale Papenburg vor - die größte Gurken vermarktende Organisation in der Bundesvereinigung. Sowohl Landgard als auch die Gartenbauzentrale haben viele Kunden in Norddeutschland, wo die Zahl der durch den EHEC-Erreger erkrankten Menschen besonders hoch ist.

Deutschlands Bauern klagen über starke Absatzeinbrüche. Der Vizechef des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Hans-Peter Witt, sieht “irrsinnige Schäden“. Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Dies sei für viele Bauern existenzgefährdend.

dpa

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