Eine besondere Masche: Häkelmützen aus Kassel sind in

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Kassel. Du bist, was du auf dem Kopf hast: Mützen sind längst mehr als ein Ohrenwärmer. Sie sind ein Modeaccessoire. Und manchmal steht außerdem eine gute Idee dahinter.

Meine Mütze war echt igittigitt. Ich habe sie gehasst. Da sah man mit Ohrenschützern ja besser aus. Und gejuckt hat sie auch. Das war damals, als Kind. Heute schaut das anders aus. Mützen sind sowas wie eine abgewetzte Lederjacke: lässig, cool. Ja, ich würde sogar soweit gehen zu sagen unverzichtbar.

Ich spreche jetzt nicht von der Baskenmütze oder dem Baseball-Cap - die haben nun wirklich das Zeitliche in Sachen Stil gesegnet. Nein, ich meine Häkelmützen, „Beanies“ auf Modedeutsch. Grob gehäkelt. Ich weiß, früher hätte man den Spruch gebracht: War das mal eine Tischdecke?

Heute lächele ich darüber, denn die Zeugen des guten Geschmacks sind auf meiner Seite: Modedesignerin Sienna Miller, Stilikone Sarah Jessica Parker, Schauspielerin Uma Thurman. Hey, und als ob das nicht reichen würde, kann man mit einer Mütze auch noch Sinnvolles tun.

Hintergrund

100 Prozent für die Damen Die Einnahmen bei Alte Liebe fließen komplett in das Material und in Ausflüge für die Seniorinnen. Steltner und Ruby verdienen selbst nichts daran, aber ihre Idee verkaufen sie: Beide beraten Firmen, die Generationen-Wohnen verbessern wollen.

Alte Liebe heißt das Label aus Kassel, das derzeit bundesweit für Aufhorchen und Aufziehen sorgt - und nicht mehr nur ein Geheimtipp unter Surfern und Skatern ist. Die Idee ist schlicht wie eine Grundmasche: Seniorinnen aus einem Stift im Kasseler Stadtteil Fasanenhof häkeln Mützen, die dann vor allem junge Leute tragen.

Jeder Käufer bekommt ein Unikat. Das soll so bleiben. Auch wenn die Nachfrage groß ist, vor allem seit es einen Online-Shop gibt. „Wir werden nie Massenware oder Mützen auf Bestellung produzieren“, erzählt Nadja Ruby, die gemeinsam mit Elisa Steltner das Projekt ins Leben gerufen hat. Das war vor zwei Jahren für ihr Studium an der Kasseler Kunsthochschule. „Viele ältere Menschen haben kaum noch soziale Kontakte, geschweige denn eine Familie, mit der sie sich austauschen können. Andere sind im Wohnheim einsam“, weiß die 26-jährige Systemdesignerin, die das selbst durch ihre Oma mitbekam. „Und wir wollten etwas dagegen tun.“

Etwas dagegen tun, das sieht heute so aus: 30 Frauen zwischen 75 und 90 Jahren häkeln mit. Jede eine Mütze und jede in ihrem Tempo. Etwa fünf Stunden sitzen sie im Schnitt daran. Und zum Schluss signiert jede Häkelheldin - wie sie sich liebevoll nennen - die Verpackung ihrer Mütze. Der liegt auch eine Postkarte bei, die der Käufer zurückschicken kann. Sich bedanken. Gut jede dritte Karte kommt zurück, manchmal entstehen so Brieffreundschaften und ab und zu wagt sich auch ein Alte-Liebe-Bemützter in den Häkeltreff.

Mit 14 Modellen startete Alte Liebe im April 2010. Einfarbig, das sind die wenigsten Exemplare. Meist zwei bis drei, in mitunter grellfarbigen Merinowolle-Streifen ringeln sich um den Kopf des Trägers. „Die Damen fanden das zunächst viel zu bunt und fragten uns ‘Trägt das überhaupt jemand?’“, erinnert sich Ruby und lacht.

Mittlerweile wissen sie das ganz genau. Etwa 1000 Stück sind bereits verkauft. Gerade in Kassel sehen die Frauen ihre Mützen oft in der Stadt. Ruby: „Das erzählen sie dann immer noch richtig aufgeregt.“ Wertschätzung, nennt man das wohl. Fast skurril, dass es reicht, eine Mütze zu tragen, um jemandem dieses Gefühl zu vermitteln.

Ach so: Gut schaut es auch aus. Vielleicht sollte jemand mal eine Mütze Sienna Miller schicken.

Von Tatjana Braun

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