Fahrverbot für Frauen aufgehoben

Eine neue Ära in Saudi Arabien? Frauen dürfen jetzt ans Steuer

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Eine Frau in Saudi-Arabien mit ihrem Führerschein

Frauen dürfen nun endlich Autofahren in Saudi Arabien. Das erlaubt eine Reform von Kronprinz Mohammed bin Salman, der den Ölstaat liberalisieren will.

Saudi Arabien - Am Sonntag soll in Saudi-Arabien das Fahrverbot für Frauen fallen - dann dürfen sie selbst ans Steuer und sind nicht mehr auf männliche Fahrer angewiesen. In den vergangenen Wochen wurden in dem ultrakonservativen Königreich die ersten Führerscheine für Frauen seit Jahrzehnten ausgestellt, viele tauschten ihre ausländischen Führerscheine in saudiarabische Papiere um.

Bislang ist Saudi-Arabien das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht selbst fahren dürfen, was weltweit seit langem auf Kritik und Unverständnis stößt. Noch vor kurzem sorgten Festnahmen von Frauenrechtsaktivistinnenen für Aufsehen, die gegen das Fahrverbot gekämpft hatten. Die Aufhebung des Verbots ist Teil der Reformen, mit denen der mächtige Kronprinz Mohammed bin Salman den Ölstaat liberalisieren und modernisieren will.

"Damit ist ein Traum wahr geworden, dass ich bald im Königreich fahren kann", sagte Rema Dschaudat nach Angaben des Informationsministeriums. "Für mich heißt Autofahren, dass ich mich unabhängig bewegen kann." Die Mitarbeiterin des Wirtschafts- und Planungsministeriums hatte demnach bereits Fahrpraxis im Libanon und in der Schweiz. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur SPA mussten die Bewerberinnen zuvor einen Praxistests durchlaufen.

Nach Einschätzung der in London ansässigen Beratungsgesellschaft Facts Global Energy könnten insgesamt rund sechs Millionen saudiarabische Frauen - das sind 65 Prozent der weiblichen Bevölkerung des Landes - eine Fahrerlaubnis beantragen. Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers schätzt, dass bis 2020 rund drei Millionen Frauen einen Führerschein erhalten können. Neben Autos dürfen Frauen künftig Motorräder, Lieferwagen und Lastwagen fahren. Eine Autoversicherung bildet zudem erstmals 40 weibliche Gutachter aus. Sie sollen sich Unfällen widmen, die von Frauen verursacht wurden.

Die Reformen betreffen auch andere Bereiche: Im Vorfeld der Aufhebung des Fahrverbots verabschiedete Saudi-Arabien Ende Mai ein Gesetz, das sexuelle Belästigung mit bis zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe von bis zu 80.000 Dollar (69.000 Euro) bestraft.

Kronzprinz Mohammed versucht damit, die Unterdrückung der Frauen aufzubrechen. Vor kurzem reiste er durch die Welt, um das repressive Image seines Königreichs zu verbessern. Er beendete auch ein jahrzehntelanges Verbot von Kinos, erlaubte Konzerte für ein gemischtes Publikum aus Männern und Frauen und beschnitt die Macht der lange gefürchteten Religionspolizei.

Doch Mitte Mai wurden nach offiziellen Angaben 17 Menschen wegen "Untergrabung" der Sicherheit festgenommen. Menschenrechtler bezeichneten die Festnahmen als pauschales Vorgehen gegen die Aktivistinnen, die für Frauen am Steuer und das Ende des männlichen Vormundschaftssystems demonstriert hatten.

"Es ist begrüßenswert, dass die saudiarabischen Behörden endlich Fahrerlaubnisse für Frauen ausstellen, doch genau die Frauen, die dafür jahrelang demonstriert haben, sind jetzt hinter Gitter, statt am Steuer", twitterte Samah Hadid, Nahost-Kampagnendirektorin bei Amnesty International. "Die Regierung muss sie jetzt freilassen."

Den Behörden zufolge wurden acht der Festgenommenen bis zum Abschluss der Ermittlungen auf freien Fuß gesetzt. Neun Verdächtige, darunter vier Frauen, blieben nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur in Haft, nachdem sie Vergehen wie verdächtige Kontakte zu "feindlichen" Organisationen und die Rekrutierung von Menschen in sensiblen Regierungspositionen "gestanden" hätten.

Zuvor hatten staatsnahe Medien einige Häftlinge als Verräter und "Botschaftsagenten" bezeichnet. Aktivisten sprachen von einer Verleumdungskampagne, das harte Vorgehen rief international Empörung hervor. Auch das Europäische Parlament billigte Ende Mai eine Resolution, die die bedingungslose Freilassung der Inhaftierten und anderer Menschenrechtler forderte und gleichzeitig eine entschiedenere Reaktion der EU-Staaten anmahnte.

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afp

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