Wenn die Balance verloren geht

Womit der Lauf im Hamsterrad angefangen hat, kann Bettina L. heute nicht mehr sagen. In ihrer Firma hatte die angestellte Architektin immer mehr Projekte zu betreuen. Innerhalb der normalen Arbeitszeit konnte sie die Aufgaben nicht mehr bewältigen, also machte sie Überstunden.

Arbeitstage mit 12 oder 14 Stunden waren für die 53-Jährige bald Normalität, Wochenenden inklusive. „Wenn dann ein Projekt abgeschlossen war, konnte ich mich nicht so richtig freuen“, erinnert sie sich. Die Arbeit hatte Vorrang vor allem anderen. Für Hobbys oder Treffen mit Freunden gab es keinen Platz mehr in ihrem Leben. Manchmal blitzte eine Ahnung auf, dass ihr diese Lebensweise nicht guttue. Aber Nein sagen kam nicht infrage.

Dann stellten sich körperliche Beschwerden ein. Gegen ständige Kopf- und Magenschmerzen nahm die Architektin Medikamente. Grübeleien raubten ihr in den ohnehin kurzen Nächten den Schlaf. Zum Arzt ging sie erst, als der Leidensdruck übermächtig wurde. „Ich wusste, so konnte es nicht weitergehen, und wollte ein halbes Jahr im Voraus eine Kur beantragen. Dass der Arzt mich sofort krankschrieb, war für mich ein Schock“, erinnert sie sich. Der Arzt diagnostizierte einen ausgeprägten Erschöpfungszustand – Bettina L. litt an einem Burn-out-Syndrom.

Was sie erlebt hat, ist ein typischer Verlauf. „Es beginnt häufig damit, dass Betroffene über einen langen Zeitraum zu viel arbeiten“, sagt Hans J. Martin, Heilpraktiker für Psychotherapie und Hypnotherapeut. Zur immer mehr werdenden Leistung kommt oft ein ausgeprägtes Streben nach Perfektionismus. Selbst ein großes Engagement reicht nicht aus, um dem Anspruch an sich selbst zu genügen – die Betroffenen arbeiten noch mehr, um sich und anderen gerecht zu werden. Die Familie und soziale Kontakte geraten zunehmend in den Hintergrund. Man kann nicht mehr abschalten und schläft schlecht. Das führt in vielen Fällen zu körperlichen Beschwerden. „Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, therapeutisch einzuschreiten. Unbehandelt kann ein Erschöpfungssyndrom beispielsweise zu einer manifesten Depression führen“, sagt Martin.

Klienten mit einem Burn-out-Syndrom behandelt er nach Möglichkeit mit Hypnotherapie. „Unter klinischer Hypnose können Muster, die zu diesem Teufelskreis geführt haben, aufgelöst werden. Dahinter stehen nämlich oft tief verankerte Prägungen, die das individuelle Verhalten bestimmen. Und an die kommt man unter Hypnose ran“, sagt Martin. Außerdem lässt diese Therapie den Klienten tief entspannen – etwas, was er monate- oder jahrelang nicht erlebt hat. Die Hypnotherapie ermöglicht zudem, eigene Regenerationsmöglichkeiten wieder zu entdecken.

Bettina L. war ein Jahr lang arbeitsunfähig. Nach einem stationären Aufenthalt in einer Fachklinik und therapeutischer Begleitung hatte sie den Kopf wieder frei für die Frage, was sie wirklich vom Leben will. Sie arbeitet wieder, 30 Stunden pro Woche. Sport ist ihr wichtig geworden und der Freundeskreis, den sie sich aufgebaut hat. „Ich habe gelernt, in mich hinein zu horchen und abzuwägen, was gut oder schlecht für mich ist“, sagt sie.

Von Ilona Polk

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