Tod eines Giftmischers: Ein Nachruf auf Kabarettist Dieter Hildebrandt

Ein Schelm bis ins hohe Alter: Kabarettist Dieter Hildebrandt im Jahr 2001. Fotos: dpa/ard

Als Dieter Hildebrandt im Sommer erfuhr, dass er Prostatakrebs hat, war er noch einmal der, den alle kennen. Der Kabarettist sagte alle Auftritte ab - auch den beim Vellmarer Festival Sommer im Park.

Spitzbübisch ließ er mitteilen: „Wäre ich ein Schiff, müsste ich in die Werft.“ Wegen „Reparaturarbeiten“ habe er sich ins Krankenhaus begeben. Könnte Hildebrandt seinen eigenen Tod kommentieren, würde er es vielleicht so sagen: „Das Schiff ist gesunken.“ Der 86-Jährige starb in der Nacht zu Mittwoch in einem Münchner Krankenhaus. Laut Angaben eines Freundes lag er wegen seines Krebsleidens dort auf der Palliativstation.

Auf der Website seines Online-Kabarett-Projekts Störsender.tv hieß es: „Spiel, Satz und Sieg für Hildebrandt. Danke, lieber Dieter, für alles.“ Mit Hildebrandt, der mit „Notizen aus der Provinz“ (ZDF, 1973-1979) und „Scheibenwischer“ (ARD, 1980-2003) TV-Geschichte schrieb, verliert Deutschland seinen bekanntesten Kabarettisten, der oft als „Gewissen der Nation“ bezeichnet wurde.

Auf die Bühne wollte der gebürtige Schlesier, der nach dem Krieg in der Oberpfalz heimisch wurde, schon früh. Doch nach dem Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften fiel er bei der Schauspielprüfung durch. „Ich war nicht groß genug und nicht schön genug und ich konnte nichts; deswegen bin ich zum Kabarett gegangen“, sagte er.

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Das Beste mit Dieter Hildebrandt im "Scheibenwischer" der ARD

Der letzte "Scheibenwischer" mit Dieter Hildebrandt am 2. Oktober 2003

Dieter Hildebrandt als Gast von Urban Priol in der ZDF-Show "Neues aus der Anstalt"

Das war natürlich Koketterie. Schon bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die er 1956 mit dem Regisseur Sammy Drechsel und anderen gründete, beherrschte Hildebrandt die Conférence-Satire, bei der nie klar wird, was improvisiert und was ausformuliert ist. Es war eine Zeit, als das Kabarett noch etwas zu sagen hatte und nicht nur Spaßmacher auf den Bühnen standen. Der CSU-Politiker Franz-Josef Strauß nannte Hildebrandt einen „politischen Giftmischer“, was man als Auszeichnung verstehen darf.

Dem Tod war Hildebrandt bereits 1985 begegnet, als seine Frau an Krebs starb. Seit 1992 war der Vater zweier Töchter mit der Kabarettistin Renate Küster verheiratet. Auf der Bühne teilte er bis ins hohe Alter aus. Seinen ausgefallenen Auftritt in Vellmar wollte er im nächsten Sommer nachholen. Es sollte seine Abschiedstour werden. „Er war ein Kämpfer und die Bühne sein Leben“, sagte Veranstalter Gerhard Klenner, der ihn ein halbes Dutzend Mal in die Stadt nördlich von Kassel geholt hatte.

In Kassel sollte Hildebrandt noch einmal groß geehrt werden. Am 15. Februar 2014 sollte der Altmeister im Rathaus den Literaturpreis für grotesken Humor entgegennehmen. Er hätte ihn früher verdient gehabt. Falls eine posthume Verleihung stattfindet, wird Laudator Roger Willemsen vielleicht diese Hildebrandt-Sätze über den Tod zitieren: „Es gibt Späße bis ins Grab hinein. Das gehört zur Satire - der direkte Angriff auf diesen lächerlichen Tod, der uns manchmal antritt, obwohl er doch gar nicht die Berechtigung dazu hat.“ Nun hört der Spaß erst einmal auf.

Von Matthias Lohr

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