Erholungsforscherin: Der Urlaubseffekt hält nicht lange an

Erholung im Urlaub ist für viele heutzutage gar nicht mehr so einfach. Das kann auch Prof. Dr. Carmen Binnewies bestätigen. Sie ist Psychologin und Erholungsforscherin und beschäftigt sich mit Erholung im Alltag und im Urlaub.

Wie würden Sie „Urlaub“ definieren?

Carmen Binnewies: Die klassische Definition von Urlaub ist: die Zeit, in der man über einen längeren Zeitraum nicht arbeitet.

Wie lange sollte der perfekte Urlaub sein?

Binnewies: Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche haben beispielsweise Betriebsferien und damit länger Urlaub am Stück, andere haben mehrmals im Jahr eine Woche frei. Bedingung für einen Urlaub sollte aber mindestens eine Woche sein.

Gibt es noch die Gleichung „Urlaub = Erholung“?

Binnewies: Lassen Sie es mich so erklären. Die Urlaubsforschung begann damit, zu untersuchen, was passiert, wenn Menschen keinem Stress ausgesetzt sind. Das Ergebnis war, dass Leute weniger Stress haben, wenn sie nicht arbeiten. Also hat Erholung schon etwas mit arbeitsfreier Zeit, also Urlaub, zu tun. Allerdings ist Erholung auch stark davon abhängig, ob man gedanklich von der Arbeit loskommt - und das ist in der heutigen Zeit schwieriger.

Ist es besser, im Urlaub wegzufahren oder daheim zu bleiben?

Binnewies: Empirisch macht das keinen Unterschied. Viele glauben, dass man mehr Erholung hat, wenn man wegfährt oder -fliegt. Aber das stimmt nicht unbedingt. Das ist auch mit Stressfaktoren verbunden - Koffer packen, Flug, Jetlag, lange Autofahrten, anderes Klima.

Wie wichtig ist Urlaub für die Gesundheit?

Binnewies: Sehr wichtig! Im Urlaub erholt man sich, was im Alltag kaum möglich ist. Der Urlaubseffekt, also die Erholung nach dem Urlaub, hält im Alltag maximal drei bis vier Wochen an. Deshalb sind auch regelmäßige Auszeiten im Alltag wichtig. Es ist wichtig, dass der Urlaub ein Stopp, eine Pause aus dem Alltag ist. Wissenschaftlich ist bewiesen, dass Urlaub beispielsweise vor Krankheiten schützen und die Lebenszeit verlängern kann.

Wie sollte ein Urlaub am besten verlaufen?

Binnewies: Das kann man allgemein kaum sagen. Erholung ist individuell. Dieselbe Tätigkeit kann für den einen entspannend sein, für den anderen nicht. Daher ist es wichtig für sich herauszufinden, was einem selbst guttut.

Was sind denn dann Merkmale der Erholung?

Binnewies: Erholung ist beispielsweise, dass man eine Zeit lang tun kann, was man will. Erholung muss aber nicht heißen, dass man die ganze Zeit nur entspannt. Auch etwas Aktives kann Erholung sein, wenn man danach das Gefühl hat, etwas gemeistert zu haben. Beispielsweise ein Segelkurs, eine Fremdsprache lernen, und und und ...

Immer häufiger suchen Menschen, die während der Arbeit viel Trubel haben die Ruhe - und umgekehrt.

Binnewies: Ja, eine Studie mit Flugbegleitern hat gezeigt, dass Personen mit vielen sozialen Kontakten während der Arbeitszeit eher Ruhe im Urlaub suchen. Deshalb ist wichtig: Erholung ist immer das, was man im Gegenteil zur Arbeit tut.

Was ist Ihr Tipp, um im Urlaub entspannen zu können?

Binnewies: Man sollte die Dinge weglassen, die einen an die Arbeit erinnern. Allerdings sollte man sich nicht unter allen Umständen schlecht fühlen, wenn einen auch positive Dinge der Arbeit begleiten. An die Arbeit denken ist erlaubt - aber es ist wichtig, die negativen Gedanken an die Arbeit zu vermeiden.

Zur Person

Carmen Binnewies (32) ist seit April 2012 Professorin am Institut für Psychologie/Arbeitseinheit Arbeitspsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Sie studierte von 1999 bis 2004 Psychologie an der TU Braunschweig, promovierte an der Uni Konstanz und war seit April 2009 Juniorprofessorin an der Uni Mainz für Occupational Health Psychology/Abteilung Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie. Bewältigung von Stress bei der Arbeit und die Erholung sind Schwerpunkte ihrer Arbeit. Binnewies ist ledig, hat keine Kinder und lebt in Münster.

Von Jessica Bassing

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.