Europa bringt Deutschland Bevölkerungsplus 

Wiesbaden  - Deutschlands Gesellschaft wird bunter: Die Zuwanderungsrate aus anderen EU-Staaten wie Italien und Rumänien steigt kontinuierlich. Dennoch droht manchen Regionen eine Verödung.

Deutschland ist 2011 um eine mittelgroße Stadt größer geworden. Vor allem Zuwanderer aus anderen EU-Staaten wie Polen, Rumänien und Italien haben der Bundesrepublik unterm Strich ein Bevölkerungsplus in der Größe einer Stadt wie Passau, Cuxhaven oder Speyer beschert, schätzt das Statistische Bundesamt. “Die Gesellschaft wird ausländischer und bunter. Genau darin liegt die Chance von Deutschland“, sagt Andreas Steinle vom Zukunftsinstitut in Kelkheim bei Frankfurt. Die jüngere Generation sei mobiler, denke globaler und sehe Europa als größeres Zuhause.

Die meisten Zuwanderer kommen aus Polen, für das seit Mai 2011 die vollständig Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt. Klaus Sturmfels von der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Frankfurt sieht in dem Plus aber mehr als nur Arbeitsmigration. Viele Polen wollten auch aus kulturellen Überlegungen oder wegen der Bildung in Deutschland bleiben. “Die Polen sind jetzt ja auch anerkannter und werden freundlicher behandelt als früher“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. “Das ist der Melting-Pot Europa. Wer europäisch denkt, ist flexibel. Die Leute gehen in das Land, wo sie gute Bedingungen vorfinden.“

Schuldenkrise als Grund für Zuwanderung

Die Finanz- und Schuldenkrise ist nach Ansicht des Direktors des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung in Bielefeld, Prof. Ralf E. Ulrich, ein wesentlicher Grund für den Zuzug vieler Ost- und Südeuropäer nach Deutschland. “Wenn sie Arbeit in Deutschland finden, und das nach Hause kommunizieren, werden mehr kommen.“ Das Zuwanderungsplus werde dennoch voraussichtlich nur wenige Jahre anhalten, vermutet das Statistische Bundesamt.

Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg gibt zu bedenken, dass auch die überraschend hohe Zahl von Zuwanderern den Druck auf dem Arbeitsmarkt nicht auszugleichen vermag. Insgesamt zogen 2011 der Prognose zufolge 240 000 Menschen mehr zu als weg gingen. “Wir bräuchten 300 000 bis 400 000 pro Jahr.“

Welche Regionen davon profitieren

“Von der Zuwanderung profitieren zudem nur die Regionen, denen es demografisch ohnehin schon sehr gut geht“, sagt Sven Stadtmüller vom Forschungszentrum Demografischer Wandel an der Frankfurter Fachhochschule. Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock nennt die Gewinner: “Die Bevölkerungszunahme wird sich ausschließlich auf die Metropolen Berlin und Hamburg sowie auf die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Schleswig-Holstein konzentrieren.“

Einigen Regionen - insbesondere in den neuen Ländern - droht eine Verödung oder gar Versteppung, so die Fachleute unisono. Stadtmüller sieht für einige Kommunen die Chance, ihre Dorf- oder Stadtmitte neu zu entwickeln, statt auf Neubaugebiete zu setzen. In anderen Regionen werde die Infrastruktur - etwa Supermärkte und Ärzte - gebündelt und mit Hilfe Ehrenamtlicher ein Bring- und Holservice organisiert. Manche Region lasse sich auch touristisch erschließen - vorausgesetzt, es finden sich Investoren. Zukunftsforscher Steinle hat schon eine ausgemacht: Einige attraktive hügelige Landstriche bemühten sich bereits um holländische Rentner.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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