Der ewige Charmeur - ein Nachruf auf Jopie Heesters

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Schon vor seinem 108. Geburtstag am 5. Dezember musste man sich Sorgen um Johannes Heesters machen. Doch dann erholte er, den alle „Jpoi“ nannten sich von seinem Schwächeanfall.

Die nächste gesundheitliche Krise ließ aber nicht lange auf sich warten, und gestern ist Heesters’ Leben zu Ende gegangen. An Heiligabend starb er mit 108 Jahren.

Dabei schien der Senior selbst im hohen Alter unverwüstlich zu sein. Zur Jahreswende 2007/08 machte Heesters Schlagzeilen, als er sich bei einem Sturz um fünf Uhr morgens auf dem Weg zur Toilette zwei Rippen brach.

Wenige Tage später übte er im Krankenhaus schon wieder die Tonleiter. Selten stand ein Senior so sehr im öffentlichen Fokus wie Heesters. Der gebürtige Niederländer kommentierte das Rauchverbot und paffte bei Auftritten unbeeindruckt weiter. Er gab in unzähligen Interviews Tipps gegen das Altern und blickte auf sein langes Leben zurück. Unserer Zeitung sagte er im Frühjahr 2006: „Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich bin alt geworden, ohne dass ich es gemerkt habe.“

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Jopie Heesters ist tot

Im Zeitraffer liest sich seine Karriere so: Eigentlich wollte der am 5. Dezember 1903 im niederländischen Amersfoort geborene Kaufmannssohn Priester werden. Dann aber gründete er mit Freunden eine Theatergruppe, absolvierte in Amsterdam eine Schauspiel- und Gesangsausbildung und wechselte bald ins Operettenfach. Als Meister der leichten Muse bewährte sich der Tenor ab 1935 an der Komischen Oper in Berlin und im Metropoltheater. Der Durchbruch auf der Leinwand gelang Heesters in der Ufa-Produktion „Der Bettelstudent“ (1936). Den Nazis kam Heesters gerade recht. Er spielte während des Zweiten Weltkriegs in zahlreichen „Ablenkungsfilmen“, was ihm seine holländischen Landsleute übel nahmen. Obwohl er 1941 bei einem Besuch des KZs in Dachau gesungen haben soll, bescheinigten ihm Historiker ein eher distanziertes Verhältnis zum Nationalsozialismus.

Fotos aus Heesters' Leben

Jopie Heesters - seine große Karriere

Nach dem Krieg konzentrierte sich der zweifache Familienvater auf bewährte Rollen des Musiktheaters und später auch auf Fernsehproduktionen. Später schaffte er es als „ältester und aktivster Schauspieler der Welt“ sogar ins „Guinness Buch der Rekorde“. Da hatte Heesters auch dank seiner zweiten Ehefrau, der 46 Jahre jüngeren Schauspielerin Simone Rethel, längst seine eigentliche Berufung gefunden: Er war der ewige Charmeur und der Urgroßvater der Nation.

2006 widmete ihm die Berliner Akademie der Künste sogar eine eigene Ausstellung. Die Bühne verließ Heesters auch dann nicht, als er kaum mehr sehen konnte. Wer sich zur Ruhe setzt, langweilt sich und wird irgendwann krank, glaubte er. „Selbst aufhören werde ich nicht“, sagte er uns, „diese Entscheidung überlasse ich dem Herrgott.“ Gott hat sich sehr lange Zeit gelassen, nun hat er doch entschieden.

Von Matthias Lohr

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