Er führte ein "Schreckensregiment"

Mildes Urteil für Ex-Rocker

Kiel - Sein Spitzname war “Imperator“, seine Opfer zitterten vor seinem Schreckensregiment. Dass der frühere Rocker-Boss über die Hells Angels auspackte, bewegt das Kieler Landgericht zu einem eher milden Urteil - ein Signal an die Szene.

Der kleine unrasierte und korpulente Mann sitzt mit schusssicherer Weste müde und abgekämpft auf der Anklagebank. Seit der frühere Chef der Rockerbande “Legion 81“ gegen die Hells Angels auspackte, muss er dauerhaft um sein Leben fürchten. Er ist im Zeugenschutz, wird an unbekanntem Ort versteckt. Den Ausstieg des einst als “Imperator“ gefürchteten Ex-Rockers belohnte das Kieler Landgericht in seinem Urteil mit Milde.

Trotz der schweren Tatvorwürfe und seiner persönlichen Schuld erkannten die Richter auf vier Jahre und vier Monate Haft für den einschlägig vorbestraften Mann. Dieses Urteil solle ein deutliches Signal an die kriminelle Rockerszene sein, dass sich Aussteigen lohnt, bestätigte ein Gerichtssprecher. Schon der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft gefordert - auch wegen der Aussagebereitschaft. Die Verteidigung plädierte auf nur drei Jahre.

Dem 40-jährigen Angeklagten hätten angesichts der Vorwürfe - unter anderem Menschenhandel, Zuhälterei und gefährliche Körperverletzung - bis zu zehn Jahren Haft gedroht. Theoretisch hätte sogar eine Sicherungsverwahrung in Betracht gezogen werden können, wie die Nebenklage andeutete.

Großalarm für Polizei: Hells Angels kommen

Hells Angels
Wer sie nicht kennt: Die Hells Angels sind ein Rocker- und Motorradclub, dessen Mitglieder öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten. © dpa
Hells Angels
Die Werte der „Höllenengel“ lauten Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt und Freiheit. © dpa
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Gegründet wurde der Club 1948 in Kalifornien. © dpa
Als „Backpatch“, also Logo auf der Lederjacke, wird ein Totenkopf mit Flügeln verwendet, der als „Deathhead“ bezeichnet wird. Der Schriftzug, und damit die Clubfarben, ist rot auf weiß.
Als „Backpatch“, also Logo auf der Lederjacke, wird ein Totenkopf mit Flügeln verwendet, der als „Deathhead“ bezeichnet wird. Der Schriftzug, und damit die Clubfarben, ist rot auf weiß. © dpa
Rocker der Hells Angels auf dem Weg zu einem Treffen in Prag.
Rocker der Hells Angels auf dem Weg zu einem Treffen in Prag. © dpa
Hells Angels
Vor einem Treffen werden zwei Hells Angels von der Polizei durchsucht. © dpa
Hells Angels
Ein Rocker macht mit seinem Motorrad den „Burn out“. © dpa
Hells Angels
Mitglieder der Hells Angels werden auf dem Weg zur Autobahn von Polizeifahrzeugen eskortiert. © dpa
Hells Angels
Mitglieder der Hells Angels werden auf dem Weg zur Autobahn von Polizeifahrzeugen eskortiert. © dpa
Hells Angels
Ein Polizist überwacht ein Treffen der Hells Angels. © dpa
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Ein Treffen der Hells Angels. © dpa
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Ein Polizist überwacht ein Treffen der Hells Angels. © dpa
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Europatreffen der Hells Angels mit Kaffeefahrt: Die Mitglieder sitzen in einem Boot, einem so genannten "Auswanderer", um zu der Insel Wilhelmstein im Steinhuder Meer überzusetzen. Dort gibt es erst Kaffee und Kuchen. Anschließend beginnt eine Party. © dpa
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Rund 1500 Mitglieder waren mit ihrem Motorrädern zum Europatreffen gekommen. Dafür ist extra ein Gelände in einem Industriegebiet angemietet worden. © dpa
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Hells Angels © dpa
Hells Angels
Eine Kutte der Hells Angels und bei einer Razzia beschlagnahmte Waffen in der Asservatenkammer des Polizeipräsidiums in Kassel. © dpa
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Nach einer Gerichtsverhandlung haben sich Mitglieder der früher verfeindeten Rockergruppen Bandidos und Hells Angels eine Schlägerei geliefert. Die Polizei hat einige von ihenn verhaftet. © dpa
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Nach der Schlägerei auf offener Straße wurde dieses Mitglied der Hells Angels verhaftet. © dpa
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Hells Angels auf ihren schweren Maschinen. © dpa
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Ein festgenommener Rocker. © dpa
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Die „Kutte“ der Hells Angels. © dpa

Jahrelang hatte der Ex-Rocker mit seiner Truppe Drecksarbeiten für die Hells Angels erledigt. Das schilderte er ausführlich vor Gericht - Zuhälterei, Drogen- und Waffenhandel, Schutzgelderpressung und Gewalt. Er war dabei, wie es der Vorsitzende Richter Stephan Worpenberg formulierte, Bandenchef und “Täter hinter den Tätern“. Zum Beispiel als verfeindete Bandidos in Preetz mit Schüssen davon abgehalten wurden, sich dort niederzulassen, anderswo Steine flogen oder Autoscheiben eingeschlagen wurden.

Er war auch der Mann, der junge Frauen zur Prostitution zwang und sie für ihr Leben schädigte, wie das Gericht feststellte. Zwei der Frauen hatten als Zeugen gegen ihn ausgesagt, fürs Leben gezeichnet und immer noch zitternd vor Angst. Einer von ihnen bot er 5000 Euro Schmerzensgeld an. Für die andere hatte er nur Verachtung übrig und meinte, sie mache nur Show. Das Gericht sah das weitgehend anders und verhängte in diesen Fällen die höchste Einzelstrafe.

Monatelang hatte der Angeklagte nach seiner Inhaftierung geschwiegen, hatte sich an den sogenannten Ehrenkodex der Rocker gehalten: keine Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz. Doch als er sich in der Haft von den Hells Angels im Stich gelassen fühlte, packte er aus, “aus Verbitterung“, wie sein Verteidiger vor Gericht sagte. Er will mit seinem Mandanten eine Revision prüfen.

Der Einblick, den der Angeklagte seit Februar den Ermittlern in die militärisch straffen Strukturen und die organisierte Kriminalität der Hells Angels gab, löste nicht nur die bislang größte Razzia gegen die Motorradgang im Norden aus. Auch gegen den angeblich deutschlandweit einflussreichsten Chef der Hells Angels in Hannover, Frank Hanebuth, gingen Spezialkräfte vor.

Er soll, so der Aussteiger vom Hörensagen, den Mord an einem Türken in Auftrag gegeben haben. Hanebuth bestreitet dies. Auf der Suche nach seiner Leiche krempeln Ermittler seit Wochen eine Lagerhalle bei Kiel um - bislang ohne Ergebnis. Nun hoffen die Ermittler auf weitere Erkenntnisse. Die Unsicherheit in der Szene sei riesig, hieß es.

"Glaubhafter Seitenwechsel" bescheinigt

Das Gericht bescheinigte dem 40-Jährigen “einen glaubhaften Seitenwechsel, der nicht deutlicher hätte ausfallen können“. Schon der Staatsanwalt hatte hervorgehoben, dass die Aussage des Mannes ohne vorherige Zusicherung einer Strafmilderung erfolgte. Sie habe Einblicke in das organisierte Verbrechertum ermöglicht und Machtstrukturen offengelegt, die man vorher zumeist nur vermutet habe, hieß es vor Gericht. Inzwischen sind über 200 Ermittlungsverfahren mit rund 70 Beschuldigten anhängig. Fünf führende Kieler Hells Angels sitzen in Untersuchungshaft. Ihre Organisation in Kiel ist verboten.

Jetzt muss sich der Angeklagte, wie er selbst nur zu gut weiß, ein Leben lang verstecken. Auch seine Familie ist in Gefahr. Für das Zeugenschutzprogramm ist das Landeskriminalamt zuständig. Wie ernst die Bedrohung genommen wird, machten die hohen Sicherungsvorkehrungen im Gericht mit Einlass- und Personenkontrollen deutlich.

Von Karen Katzke

Rubriklistenbild: © dpa

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