Wut der Vorstädte

Explosive Lage in Frankreich: Das Coronavirus und die soziale Sprengkraft

Polizisten im Einsatz an der nördlichen Peripherie von Paris.
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Polizisten im Einsatz an der nördlichen Peripherie von Paris.

In Frankreich zeigt das Coronavirus seine soziale Sprengkraft. Seit dem Osterwochenende herrscht rund um Paris und auch in anderen Trabantenstädten des Landes Kleinkrieg.

  • In Frankreich gibt es seit Ostern Unruhen in Vorstädten
  • Grund für die Unruhen ist nicht nur das Coronavirus
  • Schon lange gibt es viele soziale Schieflagen in Frankreich

Frankreich - Nur keinen Flächenbrand wie bei den Krawallen von 2005: Nach diesem Motto versuchen die Behörden derzeit die Lage in den Banlieue-Zonen um Paris zu beruhigen. Sie ist ganz offensichtlich brenzlig, wenn nicht gar explosiv. Seit dem Osterwochenende mehren sich die Ausschreitungen und alles begann mit einem Beinbruch.

Unruhen in Frankreich begannen mir einem Beinbruch

Am Ostersamstag wollte eine Polizeipatrouille im Pariser Vorort Villeneuve-la-Garenne einen 30-jährigen Motorradfahrer anhalten, der ohne Helm entgegen der Fahrtrichtung unterwegs war. Er wich aus, prallte aber dabei in eine sich öffnende Tür des Polizeiwagens. Einer der Insassen gab zu Protokoll, er habe aussteigen wollen, um den Mann anzuhalten. In den sozialen Medien zirkulierte aber sofort die Version, der Polizist habe den Motorradfahrer genau im Moment des Vorbeifahrens durch das Aufreißen der Tür stoppen wollen.

Der Mann prallte jedenfalls in einen Straßenpfosten und verletzte sich schwer. Das Video mit dem verkrümmten Bein und dem vor Schmerzen Schreienden machte via Snapchat-App sofort die Runde, prompt gefolgt von falschen Todesmeldungen.

Jeden Abend Unruhen nördlich von Paris

Das reichte, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Seit Ostersonntag kommt es in der sonst eher unbeachteten nördlichen Vorstadt jeden Abend zu Ausschreitungen. Die Polizei wird mit Steinen, Leuchtraketen und Feuerwerksmaterial empfangen, wenn sie nur versucht, die Wohnsiedlung La Caravalle zu betreten. Autos und Müllcontainer gehen in Flammen auf, die Polizei kontert mit Tränengas. Der konservative Bürgermeister von Villeneuve-la-Garenne, Alain Bortolameolli, spricht von bloßen „Zwischenfällen“, die Präfektur nennt sie „sporadisch“. Diese „sporadischen Zwischenfälle“ haben aber schon auf mehrere Gemeinden in allen drei Vorortdepartements um Paris übergegriffen. In Genevilliers wurde in der Nacht auf Mittwoch auch ein Brandanschlag auf eine Schule verübt. Selbst in gut beleumundeten Orten wie Suresnes und Meudon brannten Autos. Bis nach Straßburg rast die Wut der Vorstädte

Inzwischen hat der Motorradfahrer vom Krankenbett aus ein Video veröffentlicht, in dem er zur Ruhe aufruft. Die Polizeigewerkschaft Synergie-Officiers unterstellt aber das sei eine „Komödie“, inszeniert von ängstlichen Behörden. Der Verletzte sei ein 14-facher Wiederholungstäter, der wegen Drogendelikten und schwerer Gewalt schon mehrfach in Haft saß.

Soziale und persönliche Notlagen verstärken Unruhen in Frankreich

Banlieue-Polizisten erinnern auch daran, dass es in einzelnen Vorstädten seit Wochen rumort – und manchmal mehr. Der heftigste Krawall ereignete sich in Grigny, einer berüchtigten Vorstadt im Süden von Paris. Jugend-, wohl auch Drogenbanden lockten die Feuerwehr und deren Polizeischutz mit Brandstiftungen in einen Hinterhalt. Einen Polizeihubschrauber vertrieben sie mit Leuchtraketen.

Innenminister Christophe Castaner soll dennoch Anweisung gegeben haben, in einzelnen Vierteln „keinen Übereifer“ zu zeigen. Vor allem nicht, wenn es um Missachtung der virusbedingten Ausgangssperre* geht. Denn in Frankreich herrscht eine spezifische soziale Not. Der ehemalige Ombudsmann von Villeneuve-la-Garenne, Zouhair Ech-Chetouani, berichtet von unhaltbaren Zuständen in den Trabantenstädten: „Jugendliche sind seit Wochen zu sechst in 50 Quadratmeter große Wohnungen eingeschlossen. Der soziale Kitt ist so brüchig geworden, dass die Lage beim geringsten Problem mit der Polizei sofort ausufern kann.“ Erschwerend komme hinzu, dass die Eltern oft ihre Gelegenheitsjobs oder Schwarzarbeit verloren haben. Die familiären Spannungen treibe die Kinder noch mehr vor die Tür.

Frankreich könnte ein Hungerproblem drohen

Gefühle von Ohnmacht und Ungerechtigkeit, in den Banlieues um Paris seit jeher präsent, werde durch Corona noch verstärkt: In ihren überquellenden Wohnblöcken sehen die Bewohner im TV tagtäglich den Exodus jener Pariser, die es sich leisten können. Mehr als ein Million Hauptstädter soll aufs Land ausgewichen sein.

Im traditionellen Einwanderer-Departement Seine-Saint-Denis werden nicht nur die Autokolonnen ans Meer länger, sondern auch die Warteschlangen vor den Volksküchen. Und darunter sind nun auch „ganz normale Angestellte“, zitierte das Wochenblatt „Le Canard Enchaîné“ einen Gemeindevertreter. Der Präfekt des Departements, Georges-François Leclerc, warnt die Regierung, bis zu 20 000 Bewohner von Wellblechsiedlungen, Auffangstationen und Migrantenheimen würden sich in den nächsten Wochen kaum noch korrekt ernähren können. (Stefan Brändle)

In Dijon kam es zu mehrtägigen gewaltsamen Unruhen zwischen Drogendealern und Tschetschenen. Die Krawalle in Dijon offenbaren, wie sehr Frankreich seine „Provinz-Banlieues“ ignoriert.

In Paris hat der Eiffelturm nach 104 Tagen Corona-bedingter Schließung wiedereröffnet*. So lang war die „Eiserne Dame“ noch nie geschlossen – außer während der beiden Weltkriege.

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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