Fahrradhelme sehen doof aus, sind unpraktisch und doch unverzichtbar

Fahrradhelm und Sexismus: Warum nur Deppen einen Kopfschutz tragen

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Mit einem Fahrradhelm macht man selten eine gute Figur: Weder als halbnacktes Model in der Kampagne des Verkehrsministeriums noch als Fußball-Profi wie der Dortmunder Axel Witsel. Trotzdem sollte man nicht oben ohne fahren.

Mit einer sexistischen Unterwäsche-Kampagne wollte Verkehrsminister Andreas Scheuer den Fahrradhelm populär machen. Aber nur Deppen setzen sich den Kopfschutz auf - unter anderem unser Autor.

Selbst wenn Verkehrsminister Andreas Scheuer etwas Gutes machen will, kommt am Ende etwas Schlechtes raus. So jedenfalls kann man die Reaktionen auf die umstrittene Werbekampagne für den Fahrradhelm zusammenfassen. Das vom CSU-Politiker geführte Ministerium ließ gemeinsam mit Heidi Klums Show "Germany's Next Topmodel" halbnackte Frauen einen Helm aufziehen. Die Botschaft lautete: "Looks like shit but saves your life."

Die sexistisch-dämliche Kampagne in Unterwäsche war der verzweifelte Versuch, ein unbeliebtes Radler-Accessoire populär zu machen. Damit ist Scheuer erst einmal gescheitert - anders als beim Hinauszögern eines Abbiege-Assistenten für Lkws, der Radlerleben retten kann, und beim Verschieben einer ernsthaften Verkehrswende, was vorzüglich klappt, weshalb Kritiker ihn schon "Verkehrtminister" nennen. Trotz der gut aussehenden Models mit Kopfbedeckung werden vorerst nur Deppen und Kinder einen Fahrradhelm tragen.

#Helmerettenleben

Ich bin selbst einer der Deppen, werde aber beim Einkaufen im Supermarkt immer noch mitleidig-abschätzig angeschaut, wenn ich das Plastikteil auflasse, als hätte ich eine Mobilfunkantenne auf dem Kopf. Mit dem Fortbewegen auf Rennrad und Mountainbike habe ich angefangen, als alle noch oben ohne fuhren. Dann starb der italienische Profi Fabio Casartelli nach einem schlimmen Sturz bei der Tour de France an seinen Kopfverletzungen. Es folgte eine lange Diskussion über eine Helmpflicht bei Rennen, über die man heute nur den Kopf schütteln kann. Es war wie bei Einführung der Gurtpflicht für Autofahrer. 

Längst trägt auch jeder Freizeitsportler einen Helm, denn man hat noch kein Unfallopfer den Satz sagen hören: "Wie gut, dass ich bei meinem Sturz keinen Helm aufhatte." Aber im Alltag ist der Schutz immer noch verpönt. Er ist ja auch oft unpraktisch. Radelt man zur Theatervorstellung, muss man ihn im Schauspielhaus entweder kompliziert im meist zu kleinen Rucksack verstauen oder hält ihn in der Hand, aus der er schnell runterfällt. Und die allermeisten Modelle sehen wirklich scheiße aus - nicht nur im Fall des Dortmunder Fußball-Profis Axel Witsel, dessen Frisur einfach zu voluminös für einen Kopfschutz ist, wie Fotos zeigen. Die meisten Deutschen halten den Helm auch für unbequem, wie eine aktuelle Umfrage des Meinungsinstituts YouGov zeigt. 

Infografik: Darum tragen die Deutschen keinen Fahrradhelm | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Fahrradhelm: Im Fernsehen hat niemand einen auf

Meine Freundin sagt oft: "Ich küsse dich erst, wenn du das Ding abgezogen hast." Ich frage dann, ob sie mich lieber mit einem Schädel-Hirn-Trauma küssen würde, aber das ist ihr egal. Auch Halskrausen, die beim Sturz zum Airbag werden wie das Modell des schwedischen Herstellers Hövding, sind für die meisten keine überzeugende Alternative.

Im Fernsehen und im Kino radeln mittlerweile nicht mehr nur die Bösen und Vollidioten, sondern auch die Guten und Coolen. Aber einen Helm trägt niemand - weder Kommissarin Heller auf ihrem schicken Fixi im ZDF noch der Frankfurter "Tatort"-Ermittler Paul Brix, der in der nächsten Folge am 12. Mai Berge in Kassel hochstrampelt. Die einzige Person im deutschen Fernsehen mit Kopfschutz ist der Komiker Florentin Will aus Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royal" - aber nur wenn er gerade die Witzfigur spielt.

Fahrradhelm: In Holland und Dänemark fahren sie oben ohne

In der öffentlichen Wahrnehmung stehen behelmte Radfahrer auf einer Stufe mit Warmduschern und Beckenrandschwimmern. Angeblich begeben sie sich auch noch selbst in Gefahr. Gern werden Studien angeführt, nach denen Autofahrer beim Überholen weniger Sicherheitsabstand halten, wenn die Radler einen Helm tragen. Und in Dänemark und den Niederlanden, wo fast alle oben ohne fahren, ist man deutlich sicherer unterwegs als hierzulande, wie Unfallstatistiken zeigen. Das liegt aber nicht am fehlenden Kopfschutz, sondern an gut ausgebauten Radwegen und besonnenen Autofahrern.

Dass "Verkehrtminister" Scheuer die Infrastruktur für Velo-Fans und das Klima auf den Straßen entscheidend verbessert, ist in naher Zukunft eher nicht zu erwarten. Darum bleibt vorerst nur eine Möglichkeit: Scheuer müsste in einer neuen Kampagne vor Radhelmen warnen, ob halbnackt oder angezogen - dann würden alle einen tragen. Vielleicht kommt etwas Gutes raus, wenn er etwas Schlechtes machen will.

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So sieht ein Helm aus, wenn er sein Leben für das des Besitzers gegeben hat:

Unser Autor mit Helm und mehr als Unterwäsche:

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