Statt ins Polarmeer vor der Flensburger Förde

Buckelwale auf Abwegen: Falsch abgebogen in die Ostsee

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Sprung aus den Fluten: Buckelwal in der Sonderborger Bucht – aufgenommen von einem Segler am 14. Juli.

Flensburg. Wenn Buckelwale bei ihrer Weltreise im Sommer aus den Tropen ins Polarmeer falsch abbiegen, landen sie in der Ostsee. Das passiert immer mal wieder - jetzt allerdings treiben sich offenbar erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen gleich zwei der mächtigen Meeressäuger dort herum. Die Besatzung eines Zollbootes hatte die beiden Buckelwale am 7. Juli vor der Flensburger Förde gesichtet.

Fünf Tage später fotografierte der dänische Segler Søren Bomholt ein Tier bei Sonderborg im Sprung. Mit 30, bis zu 40 Tonnen Lebendgewicht schnellen die Akrobaten unter den Walen dabei aus dem Wasser und klatschen rücklings zurück. Mehrere Sichtungen wurden weiter nördlich im dänischen Kleinen Belt gemeldet - die letzte gestern.

Frühere Buckelwal-Beobachtungen in der deutschen Ostsee datieren aus den Jahren 2008, 2003, 1984, 1978 und 1766. „Sie schwimmen rein, und sie schwimmen wieder raus“, sagt Jochen Lamp vom WWF-Ostseebüro Stralsund. Ein Stammrevier für Buckelwale sei die Ostsee definitiv nicht. Weshalb tauchen in großen Abständen die grauen Riesen dennoch dort auf? Zoologen sprechen von Irrgästen: „Vielleicht schwimmen sie einem Fischschwarm hinterher, vielleicht sind sie vom Schiffslärm abgelenkt“, sagt Lamp.

Kleine Fische, Krebstiere, Schnecken - solche Beute sieben sich die Meeressäuger aus dem Wasser. Eine Tonne pro Tag darf es sein. Laut Greenpeace bietet die Ostsee Buckelwalen nicht nur davon zu wenig. Sie brauchen zum einen einen höheren Salzgehalt im Wassers, sind andere, reichhaltigere Nahrung gewohnt als die Ostsee sie bietet. „Die Tiere haben aber eine dicke Speckschicht, kommen auch monatelang ohne üppiges Futter aus“, sagt Harald Benke, Direktor des Meeresmuseums in Stralsund.

Vor sechs Jahren hielt ein ziemlich abgemagerter Irrgast Naturschützer vier Wochen lang auf Trab: Er schaffte es bis an die polnische Küste, vor Rügen fuhren ihm Touristen in Wal-Beobachtungs-Booten hinterher - dann zog er wieder in die Nordsee.

Zu DDR-Zeiten schaffte es 1984 ein Wal bis in die SED-Zeitung Neues Deutschland: Um ein Haar wäre das acht Meter lange Tier damals vor der Hafeneinfahrt im dänischen Helsingborg von einer Fähre gerammt worden. Der Abstecher eines Buckelwal-Weibchens 2003 endete tödlich: Das Tier strandete nahe Wismar. Sein Skelett liegt im Archiv des Stralsunder Meeresmuseums Ozeaneum. Publikum kommt dort nicht hin. Zu sehen sind Buckelwale im Ozeaneum dennoch - lebensgroß modelliert aus Styropor.

Hintergrund: Die Riesen leben meist allein

• Buckelwale können bis zu 50 Jahre alt, 18 Meter lang und 40 Tonnen schwer werden und leben überwiegend allein.

• Zum Jagen und während der Paarungszeit tun sie sich in kleinen Gruppen von bis zu zehn Tieren zusammen. Mit sieben Kilometern pro Stunde sind Buckelwale relativ langsame Schwimmer.

• Weil Buckelwale sich auch Schiffen nähern, waren sie von jeher eine begehrte Beute für den Menschen. Nach dem rapiden Rückgang der Bestände erließ die Internationale Walfangkommission IWC 1963 ein Jagdverbot für Buckelwale. (wrk)

Infos zum Buckelwal

Hintergrund: Göttinger Pottwal

• Wale verirren sich nicht nur in Nord- und Ostsee: Einer hat es bis Göttingen geschafft - als Skelett. Das Institut für Zoologie und Anthropologie der Uni sicherte sich einen der Pottwale, die Anfang 1998 tot an Schleswig-Holsteins Westküste lagen.

• Ein Dutzend Zoologen und Helfer fuhren damals zur Küste und zerlegten das Tier mit Messern. Was an Knochen unter 50 Tonnen Fleisch, Fett und Gewebe hervorkam, wurde per Container nach Göttingen geschafft.

• Es dauerte mehr als ein Jahr, die Skelettteile zu waschen, kochen, entfetten und bleichen. Dann wurden 153 Knochen - allein der Schädel wog eine Tonne - im Zoologischen Museum an der Berliner Str. 28 zusammengebaut. Dort ist der Göttinger Pottwal nach wie vor zu sehen.

Öffnungszeiten: So., 10 - 16 Uhr

Erwachsene: 1 Euro, Kinder bis 6 Jahren frei

Vortrag zur Bergung des Göttinger Pottwals

Fünf Buckelwal-Gesänge

Wal-/Delfinseite im Netz

Von Wolfgang Riek

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