Ein Blick hinter die Kulissen

Fashion Week in Kiew

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Der Fahrstuhl hält an. Hinein steigt ein Mädchen mit langen blonden Haaren. Neunzehn könnte es sein, vielleicht auch schon fünfundzwanzig. Sie ist größer als jeder andere hier. Mein Blick auf ihre Schuhe verrät schnell den Grund.

Fashion Week in Kiew

Acht Zentimeter Absätze sind es mindestens, auf denen sie ihren gertenschlanken Körper beim Stopp im Erdgeschoss wieder hinausbalanciert.

Vor der Rezeption des Fairmont Grand Hotels wird sie sofort von zwei Grazien ähnlicher Figur und Haarfülle in die Arme genommen. Küsschen rechts, Küsschen links in Manhattan, Mailand, Madrid oder München so selbstverständlich wie hier in Kiew.

Der Portier des Fairmont trägt hier Frack und Zylinder. Standesgemäß für das luxuriösen Fünf-Sternehotel mit 258 Zimmern und Suiten, das heute restlos ausgebucht ist. Kiew erwartet sehr viele Gäste zur Fashion Week und das Fairmont ist die Drehscheibe für alle und alles. Seit fünfzehn Jahren sind die Laufstege in der ukrainischen Hauptstadt für junge Designern aus Osteuropa das Schaufenster für ihre Kreationen; das Publikum inzwischen international.

Von der U-Bahnstation gegenüber des Fairmont Grand Hotels ist es nur ein paar Stationen bis zum Mystetsky Arsenal. Mit den schon erkennbaren Dimensionen dieses Kulturpalastes wollen die Ukrainer sich mit einem der weltgrößten Museen ein Leuchtturmprojekt für die Hauptstadt setzen. Bis es soweit ist, finden in den modernen weißgetünchten Hallen Messen und Ausstellungen statt. Während die Mädchen draußen auf dem Laufsteg in dem neonfarbenen Scheinwerferlicht noch posen, wuseln in den Garderoben Stylisten, Fotografen und Reporter durcheinander. Wortfetzen des internationalen Fashion-Kauderwelsch klingen hektisch, fast schon gereizt. Schminkspiegel werden auch schon mal zu dritt genutzt, Kämme und Bürsten ausgetauscht. Eine Tür knallt laut ins Schloss. Eines der Mädchen, nennen wir es Larisa, liest völlig in sich versunken in ihrem Buch. Hinter ihr werden Haare mit Mengen von Haarspray aufgetürmt, neben ihr blickt ein halb angezogenen Modell wartend ins Leere. Dann endlich ist es soweit: Showtime!. Die Kollektion von Ria Keburia, einer jungen Designerin aus Georgien, entführt die Zuschauer in ein Märchen aus tausend und einer Nacht. Kronen mit Perlen und hunderten Glitzersteinchen umrahmen die Gesichter der Models, im nächsten Moment sind es duftige Schleier und bunte Blütenkränze, die Akzente setzen. Die Stoffe umschmeicheln die Figuren und wenige Nähte versprechen Einblicke, wo dann doch kaum welche sind. Die Mädchen wirken hier sehr natürlich, kein Wunder, die Designerin gönnt ihnen bequemes Schuhwerk. Ganz im Gegensatz dazu präsentierten die Models von Anna Bublik deren Frühjahrs – und Sommerkollektion 2013 auf geradezu halsbrecherischen Schuhmodellen. Zehn Jahre ist die ukrainische Designerin in Kiew schon dabei. Sie setzt aktuell auf zeitlose und elegante Mode. „ Ich will Frauen in der Farbe präsentieren, die ihre Macht in der bestmöglichen Weise vermittelt, skizziert Anna Bublik und lächelt viel sagend, „und Rot bringt da genau den Effekt, den ich brauche“. Ihre Models laufen nicht, sie schreiten über den Laufsteg. Jedes für sich ist Ausdruck einer starken Persönlichkeit.

Jetzt ist das Model Larisa aus der Garderobe in ihrer Welt angekommen. Unaufgeregt kühl präsentiert sie unter ihrer strengen Hochsteckfrisur eine klassische Kreation in Rot und Gold. Ihre geschminkten Augen sind auf einen Punkt weit jenseits der Zuschauer fixiert. Kein Mienenspiel auf dem Catwalk. Vielleicht ist sie in ihren Gedanken auch jetzt noch in ihr Buch vertieft.

Von Solveig Grewe

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