RTL, 22.15 Uhr

Warum schauen so viele Dschungelcamp? - Versuch einer Erklärung

Millionen finden’s faszinierend: RTL steckte Kandidatin Sarah ins Kakerlaken-Kostüm. Sobald sie strauchelte, erhielt Katy Stromstöße und wurde mit Ekelschleim und Tieren übergossen. Foto: RTL

Das RTL-Dschungelcamp spaltet. Die eine Hälfte schaltet angewidert ab, hält die „Prüfungen" der Möchtegern-Promis für Fernsehfolter. Aber acht Millionen schauen genauso regelmäßig hin.

Sie verfolgen die Turteleien von Jay und Indira und - bis zum spektakulären Ausscheiden - Sarahs peinliche Selbstüberschätzung mit Hingabe. Warum?

„Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“, höchst professionell und mit erstaunlichem Aufwand gemacht (wer züchtet eigentlich all das Ekelgetier?), funktioniert auf unterschiedlichen Ebenen perfekt. Es passiert mehr als das Prinzip jeder Soap, das da lautet: Wer anfängt, will wissen, wie es weitergeht - das ist im Dschungel wie in der „Lindenstraße“.

Wer die RTL-Show mit Distanz sieht, quasi als soziologisches Experiment, wird zudem mit einer Mischung aus Faszination und Grauen beobachten, wie der Privatsender auslotet, was im Fernsehen immer noch weiter möglich ist. Was Menschen, gierig nach medialer Aufmerksamkeit oder angewiesen aufs 50.000-Euro-Honorar, mit sich machen lassen - und wie geschickt dieses Format ironisiert wird. Die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow nehmen nichts ernst, auch nicht sich selbst - und so jeder Kritik den Wind aus den Segeln. Viele schätzen gerade ihren zynischen Spott und hintersinnigen Wortwitz.

Strafen mit Strom

Dabei wird die Schraube immer fester gedreht: Diesmal hat RTL sogar Stromstöße ins Arsenal der Bestrafungen aufgenommen. Von dort ist es nicht weit zum berühmten Milgram-Experiment, bei dem 1961 Forscher testeten, unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind, autoritären Anweisungen Folge zu leisten: Das Ergebnis war erschreckend, manche Probanden hätten andere Menschen mittels Stromschlägen getötet. Auch beim Dschungelcamp fragt man sich stets: Warum tun die das? Tauchen im Fischschleim, essen Hirschhoden, Krokodilpenis und Rattenhirn?

Bestimmt auch, weil sie sich im Team beweisen und bewähren wollen. Wie gemein und fragwürdig die Szenen montiert sein mögen, die Show zeigt ein faszinierendes Phänomen: Gruppendynamik. Im Camp kann man beobachten, wie es eine Gruppe unterschiedlicher Menschen unter Extrembedingungen miteinander aushalten muss. Es entwickelt sich eine Bandbreite von Gefühlen: Abscheu und Begehren, Ehrgeiz, meditative Gelassenheit, kumpelhafter Zusammenhalt und Einsamkeit. Sarah hat es so ausgedrückt: „Ist die Gruppe noch so klein, einer muss das Arschloch sein.“ Wo sonst könnte man bei einem solch spannenden Prozess - ob mit Sympathie oder Fremdschämen - direkt zusehen?

Es sei denn, man erlebt ihn selbst. Auch hier setzt das Dschungelcamp an: bei der eigenen Erfahrung, ob bei Klassenfahrten, im Zeltlager oder im Urlaub in der Gruppe. Jeder kann sich einfühlen: Wie würde man sich am Lagerfeuer, bei der Schatzsuche, verhalten? Vor den Prüfungen kneifen? Über andere lästern?

Das Dschungelcamp setzt auf ein Bedürfnis, vor dem selbst ein Rainer Langhans nicht gefeit war: dem Wunsch nach Anerkennung. Von Camp-Bewohnern und Zuschauern, die einen „König“ küren. Mit diesem zutiefst menschlichen Bedürfnis werden auch die Zuschauer gepackt.

Von Mark Christian von Busse

Fortsetzung heute, RTL, 22.15 Uhr. Informationen zum Dschungelcamp gibt es regelmäßig auch auf www.hna.de/leute

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