Sexismus-Debatte

„Das Donaulied ist für jede Frau ein Schlag ins Gesicht“ 

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Im Donaulied wird die Vergewaltigung eines schlafenden Mädchens beschrieben. Das umstrittene Musikstück ist in anderen Regionen Deutschlands auch als Fuldalied oder Werralied bekannt.

Eine Petition gegen das Donaulied hat deutschlandweit Wellen geschlagen. Eine Geschlechterforscherin sieht den Text als "im höchsten Maße problematisch" an. Er verherrliche Vergewaltigungen.

  • In einer weit verbreiteten Version des Donauliedes wird eine Vergewaltigung besungen
  • Dagegen wehren sich Passauer Studenten mit einer Petition
  • Diese Petition wird von Gegnern kritisiert
  • Musikwissenschaftler Michael Fischer ordnet das Lied historisch ein
  • Geschlechterforscherin Jutta Hergenhan sagt, man kann das Singen nicht mit Kulturgut rechtfertigen

Passauer Studenten setzen sich gegen "Bierzeltsexismus" ein

„Einst ging ich am Strande der Donau entlang. Ein schlafendes Mädel am Ufer ich fand.“ Mit einer Petition gegen das Donaulied hat die Passauer Studentin Corinna Schütz eine Sexismus-Debatte entfacht. Eine weitverbreitete Version des Liedes wird oft auf Volksfesten gesungen. 

Sie handelt von einem Mann, der ein schlafendes Mädchen vergewaltigt und anschließend verhöhnt. („Ich machte mich über die Schlafende her“; „Mein Mädchen, mein Mädchen, was regst du dich auf. Für mich war es schön, für dich sicher auch“).

Ziel der Studenten: Denkprozess anstoßen

„Wir wollen kein Verbot aussprechen. Unser Ziel ist es, einen Denkprozess anzustoßen und dass man freiwillig auf das Singen verzichtet“, sagt Yannick Steinhauer. Er und 50 weitere Studenten haben sich Corinna Schütz angeschlossen und wollen sich gegen „Bierzeltsexismus“ in Passau einsetzen. 

Es gehe nicht darum, alle Männer unter Generalverdacht zu stellen, sondern die Verherrlichung sexueller Gewalt in Liedern zu hinterfragen.

Gegenpetition fordert den Erhalt des Liedes

„Das Lied ist für jede Frau ein Schlag ins Gesicht, die schon Opfer von sexueller Gewalt geworden ist“, sagt Steinhauer. Mehr als 33 000 Unterstützer haben unterschrieben (Stand 14. Juni). 

Die Passauer Studenten ernten für ihre Aktion aber auch Kritik. Im Internet heißt es etwa, man habe es „schon immer so gesungen“ und es sei „Kulturgut“, berichtet Steinhauer. Zudem gibt es eine Gegenpetition, die sagt, das Lied gehöre zur Bierzeltstimmung. Diese Gegenseite sagt, sie sei gegen Straftaten und Vergewaltigungen, fordert aber den Erhalt des Donauliedes und kein Verzicht auf das Singen. Diese hat bislang mehr als 4000 Unterstützer (Stand 14. Juni).

"Habe es immer als Vergewaltigungslied empfunden"

„Gewaltverherrlichung darf nicht durch die Einordnung als Kulturgut gerechtfertigt werden“, findet Jutta Hergenhan, Geschäftsführerin am Zentrum für Medien und Interaktivität der Uni Gießen. „Als Geschlechterforscherin sehe ich es als im höchsten Maße problematisch, im Feierkontext Vergewaltigungen zu minimieren und zu verherrlichen.“ 

Sie kenne das Lied von Volksfesten ihrer Kindheit. „Ich habe es immer als Vergewaltigungslied empfunden“, sagt Hergenhan.

Früherer Liedtext in gewalttätige Version umgedichtet

Vom Donaulied gibt es viele Versionen mit unterschiedlichen Texten, weiß Michael Fischer, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an der Uni Freiburg. In einer Fassung aus dem 19. Jahrhundert etwa finden Mann und Frau als Liebespaar zueinander. Lieder dieser Art seien instabil, neue Strophen würden beim Feiern schnell hinzugedichtet, erklärt Fischer. 

„Ich denke, dass dies beim Donaulied auch der Fall war.“ Zuerst vermutete er, dass die romantische Fassung während des Ersten Weltkriegs in die umstrittene Version umgedichtet worden sein könnte. Dies habe sich aber nicht bestätigt. „Möglicherweise ist die Fassung neueren Datums und erst in den letzten Jahrzehnten entstanden.“

Es gibt regionale Varianten des Liedes, wie das Fuldalied

Zudem gibt es regionale Varianten des Liedes. Als Fuldalied kennt es Christian Grunwald, Bürgermeister in Rotenburg an der Fulda. „Zuerst dachte ich, dass an Kulturgut geschraubt werden soll“, erklärt er. „Wenn man sich die Strophen aber textlich anschaut, ist eine Kritik nachvollziehbar und sinnvoll.“ Vielen sei der Text gar nicht so im Bewusstsein, sagt er. Die Debatte könne zur Sensibilisierung beitragen.

Hergenhan: Öffentliche Darstellung von Geschlechterbildern darf nicht unterschätzt werden

Das Lied ist kein Einzelfall. „Es gibt viele Volkslieder, die von Vergewaltigung handeln“, sagt Mechthild von Schoenebeck vom Institut für Musikwissenschaft der Uni Dortmund. Doch auch wenn manche solche Lieder als Teil der Kultur ansehen, sagt Hergenhan, bedeute dies nicht, dass sie nicht verändert werden sollten. Kultur sei nicht statisch, sie wandele sich. „Es sollte nicht verharmlost und unterschätzt werden, welche Geschlechterbilder öffentlich in Worten und auch in Liedtexten dargestellt werden.“ Worte sind Akte, sagt sie, Worte bilden die Wirklichkeit.

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