Mit Kriminellen angefreundet

Extremtour: Franzose im Schlafanzug an sibirischem Bahnhof

Sind jetzt Freunde: Charles Bartholin (Mitte) und zwei Beamte der russischen Bahnpolizei.

Moskau. Ein Franzose sollte eine neue Reiseroute für Extremtouristen ausarbeiten. Extrem wurde auch seine Tour: Der Mann betrank sich in Sibirien im Zug mit drei Kriminellen. Am Ende stand er im Schlafanzug an einer verlassenen Haltestelle. Nur mit Glück wurde er gerettet.

Die Kleidung war unangemessen. Zwei Streifenpolizisten entdeckten am Bahnsteig der kleinen Eisenbahnstation Sbega hinter dem Baikalsee einen jungen Mann, der nur mit einem Schlafanzug und Badelatschen bekleidet war. Er zitterte am ganzen Leib. Der Mann stank nach Fusel. Er nuschelte etwas Unverständliches, was an keine der in der Taiga verbreiteten Sprachen erinnerte. Er war auch bestimmt kein Einheimischer, denn Sbega war eine winzige Eisenbahnersiedlung, wo jeder jeden kennt.

Lokale Züge kommen zwei Mal täglich an, Fernzüge halten dort nicht, so dass es ein Rätsel war, woher der Mann kam. Die Polizisten sperrten den Trunkenbold ein und ließen ihn ausschlafen, weil er sich sonst bei minus 20 Grad Celsius den Tod geholt hätte.

Der Sonne auf der Spur

Am nächsten Morgen traf in Sbega ein Telegramm aus der Bezirksstadt Mogotscha ein. Am Abend des 23. März sei aus dem Zug Nr. 7 von Wladiwostok nach Nowosibirsk ein französischer Staatsbürger verschwunden. Die Beschreibung passte auf den Badelatschenträger.

In Mogotscha sprechen viele Polizistenkollegen fließend burjatisch und jakutisch, keiner war jedoch des Französischen mächtig. Deshalb nahmen sie einen Englischdolmetscher mit nach Sbega.

Der junge Mann stellte sich als Charles Bartholin vor und erzählte etwas geniert seine Geschichte. Er sei ein Reisebüroangestellter in Paris. Sein Chef habe ihn in den Fernen Osten geschickt, wo er eine neue Reiseroute für Extremtouristen ausarbeiten sollte. „Der Sonne auf der Spur“ sollte sie heißen und richtig spannend werden.

In diesem Sinne war Bartholins Reise ein voller Erfolg. Er flog zuerst nach Tokio und begab sich dann weiter nach Wladiwostok. Von dort aus fuhr er zum Baikalsee, um die Möglichkeiten einer touristischen Nutzung zu erforschen. Danach wollte er von Irkutsk nach Moskau und weiter nach Paris fliegen.

Am zweiten Tag seiner Bahnreise klopfte ein sympathischer junger Mann an seine Abteiltür und lud ihn auf gebrochenem Englisch in sein Abteil ein, um „ein bisschen auf die Freundschaft zu trinken“. Charles nahm die Einladung an.

Mit Kriminellen angefreundet

Als der Wodka ausgetrunken war, wollte der Franzose an der nächsten Haltestelle Nachschub holen, um sich für die Bewirtung zu revanchieren. Die Mitreisenden sagten ihm nicht, dass der Zug in Sbega nicht hielt, sondern nur kurz bremste. Sie hatten es auf seine Brieftasche abgesehen. Sie nahmen das Geld an sich und warfen den Rest in die Toilette. Sein Pass und andere Papiere landeten auf den Gleisen, wo sie später auch gefunden wurden.

Seine wundersame und vergleichsweise leichte Errettung verdankte Charles Bartholin dem Umstand, dass seine Reisegefährten in Magadan, der heimlichen Hauptstadt des ex-sowjetischen Lagersystems, wegen zahlreicher Delikte zur Fahndung ausgeschrieben waren. Also suchte die Polizei gezielt nach ihnen und kam bei dieser Gelegenheit auf die Spur des verirrten Franzosen.

Wie die russische Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ am Mittwoch berichtete, ist Charles B. immer noch unterwegs. Wenn nichts mehr dazwischen kommt, wird er am Freitagvom französischen Konsul in Jekaterinburg in Empfang genommen und weitergeschickt. Hat er Glück, so kann er Ostern zu Hause verbringen.

Übrigens will Charles Bartholin unbedingt wiederkommen, um seine neu gewonnenen Freunde bei der russischen Bahnpolizei zu besuchen. Auch sie behielten ihn in angenehmer Erinnerung. „Franzosen sind richtige Flegel, genau wie wir“, sagt der Streifenchef von Sbega breit lächelnd. (ce)

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