Männer zahlen weniger als 100 Euro

Frauenmangel in Indien: Mädchen werden an Händler verkauft

Neu-Delhi. Wegen Frauenmangels importiert der indische Bundesstaat Haryana junge Mädchen aus anderen Landesteilen. Ihnen blüht ein Leben als Leibeigene, nachdem ihre Eltern sie an Händler verkauft haben. Die neuen Besitzer zahlen nicht einmal 100 Euro für eine Frau.

Haryana hat zu wenig Frauen. Traditionell werden männliche Nachkommen gewünscht. Das Abtreiben weiblicher Föten, obwohl gesetzlich verboten, hat in dem Delhi benachbarten Bundesstaat zu einer besonders gravierenden Geschlechterverteilung geführt. Auf 1000 Männer kommen laut Volkszählung von 2011 nur 877 Frauen. Bei Kindern in der Altersgruppe bis sechs Jahre sieht es nicht besser aus: 830 Mädchen auf 1000 Jungen. Deshalb werden Frauen nun gekauft.

Der Handel mit Mädchen und Frauen aus anderen Bundesstaaten ist der scheinbare Ausweg aus dem Dilemma. Er wird als Braut-Migration und Frauenimport bezeichnet. In einigen Gebieten Haryanas jedoch nennt man die Opfer Molki. Das heißt übersetzt Gekaufte. Ihr sozialer Status entspricht nicht dem einheimischer Ehefrauen. Ein im Juli veröffentlichter Bericht des Büros der Vereinten Nationen (UN) zu Drogen und Verbrechen konstatiert: „Es gibt einen verbreiteten Handel mit Mädchen aus dem Nordosten. Sie werden nach Haryana gebracht, um zwangsverheiratet oder als Leibeigene beschäftigt zu werden.”

Die Organisation Empower People, die sich für die Rettung gekaufter Bräute und leibeigener Haushaltshilfen engagiert, spricht von etwa 200.000 überwiegend minderjährigen Opfern allein in Haryana. Die Mädchen stammen gewöhnlich aus armen Familien. Die Eltern müssen keine Mitgift zahlen, sie bekommen im stattdessen eine Abfindung. Was mit den Mädchen anschließend passiert, entzieht sich der Kenntnis der Eltern. Über Händlerringe gelangen die zukünftigen Ehefrauen an in der Regel um Jahrzehnte ältere Interessenten. Diese zahlen je nach Aussehen, Körperbau, Alter, Hautteint und Jungfernschaft zwischen 7000 Rupien und 14.000 Rupien. Das sind umgerechnet 90 bis 180 Euro. Eine Molki wird weiterverkauft, wenn sie nicht hält, was sich ihr Besitzer von ihr versprochen hat.

Dass eine Molki in der neuen Umgebung wie ein Fremdkörper wirkt, hat logische Gründe: Sie spricht eine andere Sprache. Sie kennt die Gepflogenheiten der entsprechenden Region. Sie kann die gewünschten Mahlzeiten anfangs nicht zubereiten. Und sie ist als Jungfrau sexuell unerfahren. In der konservativen Männergesellschaft Haryanas dürfen Molkis nur in Männerbegleitung ihre vier Wände verlassen.

Der UN-Bericht prophezeit, dass der Bedarf an heiratsfähigen Mädchen in Haryana in den nächsten Jahrzehnten noch zunehmen wird. Um ein ausgewogenes, natürliches Verhältnis zwischen den Geschlechtern zu erreichen, würde es etwa 50 Jahre brauchen. Allerdings unter der Voraussetzung, dass es keine einzige Abtreibung weiblicher Föten mehr gibt. (ce)

Rubriklistenbild: © dpa

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