Chronologie eines beispiellosen Verbrechens

10 Jahre nach ihrer Befreiung: Was aus Josef Fritzls Tochter wurde

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2009 wurde er verurteilt: Josef Fritzl hat seine Tochter 24 Jahre lang gefangen gehalten und missbraucht. 

Heute ist es zehn Jahre her, dass Elisabeth Fritzl aus dem Keller ihres Vaters entkam: 24 Jahre lang hatte er sie eingesperrt, mit ihr sieben Kinder gezeugt und sie insgesamt 3000 Mal vergewaltigt.

Aktualisiert um 16.35 Uhr - Fast ein Vierteljahrhundert lang sah die Österreicherin Elisabeth Fritzl kein Tageslicht. Sie war in einem Kellerverlies eingesperrt, acht Türen, teilweise 500 Kilogramm schwer, versperrten ihr den Weg nach draußen. Von ihrem eigenen Vater wurde sie hier missbraucht und vergewaltigt – schätzungsweise 3000 Mal. Erst, als eines ihrer Kinder, die zugleich ihre Halbgeschwister sind, schwer erkrankte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, entkam Elisabeth aus diesem Martyrium. Genau zehn Jahre ist das nun her.

Der Fall erschütterte die ganze Welt. Vom „Horror-Fall Amstetten“ schrieb damals der Spiegel, „das österreichische Familienmonster“ nannte der Focus Fritzl, als „Inzest-Monster“ bezeichnete ihn die Bild. Eine Geschichte wie diese habe die Welt noch nicht gesehen, sie „sprengt die Vorstellungskraft“, stellte der Stern fest. Eine Chronologie des beispiellosen Verbrechens.

1984: Elisabeth Fritzl wird in den Keller gelockt

Es ist ein Augusttag im Jahr 1984: Die Sonne scheint, das würde später der Stern schreiben, draußen ist es warm. Elisabeth ist 18 Jahre alt, ihre Haare sind braun und reichen ihr bis auf die Schultern. Ihr Vater bittet sie, mit ihm eine Tür in den Keller zu tragen. Ein gutes Vater-Tochter-Verhältnis haben die beiden schon zu diesem Zeitpunkt nicht: Er hat sie mehrfach sexuell bedrängt, mit 16 ist sie von zu Hause ausgerissen, doch die Polizei brachte sie wieder zurück – „nach drei Wochen Flucht“, wie die Berliner Zeitung berichtete.

Josef Fritzl

Nun also die Tür. Gemeinsam tragen Elisabeth und Josef sie die Treppe hinunter. In seinem Kellerbüro betäubt er seine Tochter und sperrt sie ein. Der Raum hat keine Fenster, 18,64 Quadratmeter ist er groß. Fritzl hat vorgesorgt: Im Keller hat er bereits einen Gefangenenbunker ausgebaut, eine Toilette und Waschbecken installiert, ein Bett und Kochplatten hineingestellt. Anfangs kettet er Elisabeth hinterm Bett an einen Eisenpfosten, später, als Elisabeths Mutter schon glaubt, ihre Tochter wäre abgehauen, bindet er ihr eine Metallfessel um den Bauch, damit sie das Klo benutzen kann.

1988: Elisabeth bringt ihr erstes Kind zur Welt

Als die Tochter zum ersten Mal schwanger wird, lebt sie bereits seit drei Jahren im Verlies. Frische Luft oder Tageslicht gibt es nicht, ihr Vater versorgt sie lediglich mit Lebensmitteln und Kleidung. Wenn Josef Fritzl seine Tochter bestrafen möchte, stellt er den Strom ab, dann ist es stockdunkel im Keller. Er vergewaltigt sie täglich, zwingt sie dazu, Pornofilme nachzuspielen. Ein Kondom benutzt er dabei nicht. Insgesamt bekommt Elisabeth sieben Kinder, die meisten muss sie allein zur Welt bringen. Dafür kauft Josef ihr ein Buch über Geburten, er gibt ihr eine Schere und eine Decke. 

Bald wird es zu eng im Keller, also legt er eines der Mädchen vor der eigenen Wohnungstür ab. Seiner Frau Rosemarie erzählt er, Elisabeth habe sich bei ihm gemeldet und ihm mitgeteilt, sich einer Sekte angeschlossen zu haben. Das Kind könne sie dort nicht versorgen. Nach und nach schleust er auf diesem Weg auch zwei weitere Kinder in die Familie ein. 

1996: Josef Fritzl verbrennt eine Babyleiche

1996 bringt Elisabeth Fritzl Zwillinge zur Welt. Einer der beiden Jungen stirbt drei Tage nach der Geburt an einem Atemnotsyndrom – der Tod hätte mit medizinischer Versorgung verhindert werden können, würde es später in der Anklage heißen. In einem Heizofen verbrennt Fritzl seinen Sohn, der zugleich sein Enkel ist. Die Asche bringt er in den Garten. 

Das Martyrium der anderen Kinder und Enkelkinder geht weiter. Über das Verlies, in dem Elisabeth zuletzt mit sechs Kindern lebt, berichtet der Spiegel Jahre später, die Sanitäranlagen seien von Schimmel überzogen, das Klo eine Zumutung. Es habe nur einen einzigen Entlüftungsschacht mit Ventilatoren gegeben. „Die Gefangenen müssen sich überwiegend im Liegen und Sitzen aufgehalten haben.“

2008: Elisabeth Fritzl entkommt

Das Haus in Amstetten: Hier wurden Elisabeth Fritzl und ihre Kinder gefangen gehalten.

Ihre älteste Tochter ist 19 Jahre alt und schwer krank. Elisabeth überredet ihren Vater, sie ins Krankenhaus zu bringen. Sie krampft und ist bewusstlos, als sie eingeliefert wird. Josef gibt an, die Kranke sei ihm vor die Tür gelegt worden, Elisabeth hätte zudem einen Brief geschrieben, in dem sie um Hilfe für ihre Tochter bat. Wegen ihrer Sekte habe sie nicht die Möglichkeit, sich um sie zu kümmern. 

Nun beginnen die Behörden, nach Elisabeth zu suchen. In den Medien wird sie gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Elisabeth sieht den Bericht in ihrem Keller – mittlerweile hat sie hier einen Fernseher. Sie kann ihren Vater überreden, sie herauszulassen. Zunächst gibt Josef Fritzl an, Elisabeth und die Kinder seien nach Hause zurückgekehrt. Sobald die Polizei ihr aber Schutz zusichert, legt Elisabeth eine umfassende Aussage ab. 

Mittlerweile ist sie 41 Jahre alt. Ihr zuvor braunes Haar ist schneeweiß geworden und auf ihrer fahlen Haut hat die Krätze ihre Spuren hinterlassen, so berichtet es der Stern.

Heute: Josef Fritzl sitzt im Hochsicherheitsgefängnis

Josef Fritzl wurde wegen Mordes durch Unterlassen, Vergewaltigung, Freiheitsberaubung, schwerer Nötigung, Sklaverei und Blutschande zu lebenslanger Haft verurteilt. Heute ist er 83 Jahre alt. Laut Medienberichten muss er im Hochsicherheitsgefängnis Stein für geistig abnorme Straftäter ständig vor Attacken anderer Inhaftierter beschützt werden. 

Er habe gewusst, dass er seiner Tochter weh tue, doch es sei wie eine Sucht gewesen. „Ich habe es eigentlich gut gemeint“, sagte er nach seiner Festnahme. Er habe seine Tochter vor der Welt beschützen wollen. 

Fritzl arbeitet als Putzkraft im Gefängnis und zeigt erste Anzeichen von Demenz. Seinen Namen hat er ändern lassen: Heute heißt er offiziell Mayrhoff.

Elisabeth Fritzl hat geheiratet

Elisabeth Fritzl ist 51 Jahre alt. Sie ist verheiratet und lebt unter neuer Identität mit ihren Kindern in einem 2000-Seelen-Dorf bei Amstetten, das schreibt die britische Zeitung „Sun“. Hier gebe es nur ein Geschäft und ein Restaurant.

Das Haus soll mit Zäunen und Sicherheitskameras ausgestattet sein, laut des Restaurant-Besitzers aus dem Dorf gehe es der Familie aber gut. Jeder im Dorf würde sie kennen. "Wir behandeln sie wie alle anderen Gäste auch", sagt er. Elisabeth sei heute glücklich und erfolgreich.

Im Horror-Haus leben wieder Menschen

So sieht das Haus in Amstetten heute aus: Mittlerweile wurde es renoviert.

Acht Jahre lang stand das Haus leer. Mittlerweile wurde der Keller des ehemaligen Fritzl-Hauses zugeschüttet, das Gebäude renoviert. Ein Gastwirt kaufte es für 160.000 Euro und richtete darin Wohnungen ein. Menschen vier verschiedener Nationalitäten leben nun hier. Sie wissen, was in diesem Haus früher einmal geschehen ist, schreibt die Sun. 

Eine Bewohnerin hat von der Geschichte erst nach ihrem Einzug erfahren. Sie sei schockiert gewesen. "Ich denke, deswegen ist die Wohnung so günstig", sagte sie. „Ich versuche, nicht daran zu denken, was dieses Haus einmal war“, wird eine andere Bewohnerin zitiert. 

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