Ein ganzes Dorf trauert um Tobias und Miriam

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150 Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen, die den Geschwistern Tobias (11) und Miriam (4) das Leben genommen haben

Argenbühl - Der Ort Ratzenried im Allgäu ist im Schockzustand: In der Nacht zum Samstag brannte ein Hof auf die Grundmauern ab. Die vierjährige Miriam und ihr elfjähriger Bruder Tobias kommen in den Flammen ums Leben.

Bis auf die letzte Bank ist die kleine Dorfkirche in Ratzenried an diesem Sonntag besetzt. Pfarrer Adelbert Wiedemann ringt in seiner Predigt um Worte. Um Worte, die Trost spenden sollen und es doch nicht können: „Das kann man nicht nachfühlen“, sagt er mit stockender Stimme. „Möge der Herr der Familie beistehen.“

Die ganze Gemeinde des Örtchens im Allgäu ist im Schockzustand: In der Nacht zum Samstag brennt der Hof der Familie B. bis auf die Grundmauern ab. Die vierjährige Miriam und ihr elfjähriger Bruder Tobias kommen in den Flammen ums Leben.

Es ist kurz nach ein Uhr in der Nacht. Vater Herbert B. (44) nimmt den Brandgeruch in seinem Haus wahr. Der Landwirt reagiert sofort, will vom Erdgeschoss aus seine Frau und die drei Kinder im ersten Stock retten. Rauch und Flammen schneiden ihm den Weg über die Treppe ab. Das Feuer frisst sich rasend schnell durch das 120 Jahre alte Holzhaus.

Herbert B. versucht alles, um das Leben seiner Lieben zu retten. Er will mit einer Leiter von außen in die Zimmer seiner schlafenden Familie kommen. Vergeblich. Weil sein Handy und der Autoschlüssel im Haus sind, holt er mit dem Traktor Hilfe. Seine Frau Petra (39) und Tochter Tamara (5) springen aus dem Fenster ins Brennesselgebüsch. Tobias (11) und Miriam (4) haben keine Chance, sich aus der tödlichen Feuerhölle zu retten. Sie sterben in den Trümmern ihres Zuhauses. Noch bis zum nächsten Nachmittag kämpfen 150 Feuerwehrler, um den Brand zu löschen. Die Ursache wird sich erst in den nächsten Tagen finden lassen. Wenn überhaupt. Denn das Gehöft ist komplett zerstört.

Das Schicksal der Familie B. bewegt das ganze Dorf. Alle sind an diesem Sonntag zusammengekommen, um für die Opfer und Angehörigen zu beten. Und zu sammeln. Die B.s stehen vor dem Nichts. Die Gemeinde und die Kirche haben bereits Flugblätter verteilt. „Wir sind erschüttert, schnelle Hilfe ist notwendig.“ Unterzeichnet von Pfarrer Rupert Willburger und Bürgermeister Josef Köberle.

Auch Luca sammelt in einer Plastikflasche für einen seiner besten Freunde, den verstorbenen Tobias. „Wir haben Trettraktor oder Verstecken auf dem Hof gespielt“, erzählt der Neunjährige unter Tränen. Seine Großeltern wohnen direkt neben dem Hof der befreundeten Familie. Auch im Fußballverein, in dem Tobias in der D-Jugend kickte, herrscht Sprachlosigkeit. „Tobias war ein begeisterter Spieler, er war unser Stürmer. Ich weiß noch nicht, wie ich das den anderen Kindern beibringen soll“, sagt Trainer Daniel Reutlinger. Alle Spiele wurden abgesagt. Am Montag will der Verein besprechen, wie er der Familie am besten zur Seite stehen kann. Bürgermeister Josef Köberle spricht von einer großen Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Die Familie wird jede Unterstützung brauchen.

Vater Herbert und seine Frau Petra bangen immer noch um ihre Tochter Tamara. Auf der Intensivstation kämpft sie um ihr Leben. Am morgigen Dienstag feiert sie ihren sechsten Geburtstag. Es wird der traurigste ihres Lebens sein.

Hanna Spengler, Nadja A. Mayer

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