Interview mit Göttinger Geowissenschaftler Joachim Reitner

Gefahren und Reize von Höhlentouren: „Ist ein Fenster ins Innere der Erde“

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Der bei einem Steinschlag in der Riesending-Höhle bei Berchtesgaden verletzte Forscher wartet in 1000 Metern Tiefe auf seine Rettung. Auch ein Arzt ist auf dem Weg zu ihm. Wir sprachen mit dem Göttinger Geologen Joachim Reitner über Sinn und Gefahren von Höhlenforschung.

Herr Professor Reitner, Sie haben selbst Höhlen wissenschaftlich untersucht. Was bringt einen Menschen dazu, sich freiwillig in einen 1000 Meter tiefen, dunklen und engen Schacht abzuseilen?

Prof. Dr. Joachim Reitner: Es ist eine enorme Herausforderung, so etwas zu machen. Warum fliegen wir zum Mond, warum erforschen wir den Mars, warum tauchen wir in Tausende Meter Wassertiefe? Zum einen aus Neugier. Zu so etwas treibt einen schlicht Neugier an. Die Truppe mit dem jetzt verunglückten Stuttgarter ist die erste, die vor Jahren die Riesending-Höhle vermessen hat. Die Männer wussten also genau, was sie tun.

Treibt einen auch die Lust an der Gefahr zu solchen Touren an? 

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Reitner: Das gibt vielleicht keiner zu, aber die Lust an der Gefahr gehört sicher dazu. Wenn man sich an einem Seil Hunderte Meter senkrecht in die Tiefe, ins Schwarze, ablässt, das gibt einem einen Adrenalinstoß. Das ist ein Kick. Zu sehen, was noch niemand anderer gesehen hat, das ist einmalig, und das treibt die Leute auch an, so etwas zu machen. Das ist wie die Erstbesteigung eines Bergs. Dazu kommt wissenschaftliches Interesse.

Gibt es denn einen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn bei solchen Höhlentouren? 

Reitner: Ja. Wir wissen wenig über die Entstehung von Höhlen, wie die Prozesse in einem Berg abgelaufen sind, welche Schwachstellen im Gestein es gab. Die Riesending-Höhle zieht sich wie ein unglaublich ausgedehntes Ader- oder Pilzgeflecht durch den Untersberg. Details über die riesige Ausdehnung kennen wir kaum. Wenn die Höhle vermessen und in einer Karte dargestellt wird, kann man sie mit tektonischen Modellen vergleichen. Dann kann man sehen, ob das, was wir von außen sehen, in die Tiefe weiter geht. Eine Höhle ist ein Fenster ins Innere der Erde. Sie ist außerdem Lebensraum für speziell angepasste Lebewesen, auch darüber wissen wir wenig.

Hintergrund: Höhlenforschung in Deutschland

• Höhlen haben Menschen seit Urzeiten angezogen: Sie boten Schutz vor den Unbilden des Wetters, vor Krieg und Verfolgung, wurden aus kultischen oder religiösen Gründen aufgesucht und dienten als Lager- und Kühlräume.

• Schon 1668 fanden in der Baumannshöhle im Harz Führungen statt. Zur wissenschaftlichen Erforschung wurde als erster deutscher Verband 1889 der Schwäbische Höhlenverein gegründet.

• Höhlenforschung (Speläologie) führt verschiedene Disziplinen zusammen: Bilologen, Geografen, Geologen, Archäologen und Historiker. Dazu Mediziner, die die lindernde Wirkung des Höhlenklimas auf Atemwegserkrankungen erkunden, und Paläontologen, die Überreste vorzeitlicher Tiere und Pflanzen analysieren.

Quelle: www.hoehlenkataster-hessen.de

Was ist die größte Gefahr bei einer Höhlentour? 

Reitner: Man kann abstürzen, die meisten Unfälle in Höhlen passieren aber mit Wasser. Wenn es draußen ein Unwetter gibt, dann läuft das Wasser unheimlich schnell durch den Berg und füllt dort unebene Stellen auf. Auf einmal sind da Seen, wo vorher keine waren, und man kann den Wasserspiegel steigen sehen und kommt nicht mehr weg. Steinschlag wie jetzt in der Riesending-Höhle ist nicht so häufig, weil die meisten Höhlen horizontal verlaufen. In Schachthöhlen besteht auch die Gefahr, dass Tiere reinfallen.

Angesichts dieser Gefahren: Sind die Erkenntnisse aus den Höhlen wirklich wesentlich oder könnte man auch ohne sie leben? 

Reitner: Natürlich kann man auch ohne diese Erkenntnisse leben, man kann ja auch leben, ohne auf den Mond zu fliegen. Das ist aber eine Frage, die man sich als Wissenschaftler nie stellen darf und die sich auch kein Wissenschaftler stellen wird, sonst würde niemand mehr Neuland betreten. Man weiß häufig am Anfang nicht, welchen Wert oder Sinn etwas hat. Oft weiß man eben erst am Ende, dass eine Unternehmung richtig war.

Von Tatjana Coerschulte

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