Aufschrei über Bestatter-Idee

Geschmacklos? Krematorium neben KZ

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Das Archivbild zeigt einen Blick durch Stacheldraht auf ein Gebäude des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek in Lublin (Polen), in dem die Gaskammern und Verbrennungsöfen untergebracht waren

Lublin - Leichenverbrennung in der Nachbarschaft der Schornsteine des früheren Konzentrationslagers Majdanek? Jüdische Organisationen und Holocaust-Überlebende sind geschockt von der Idee.

Für den Lubliner Beerdigungsunternehmer Henryk Jakóbczak ist es eine Frage von Fortschritt und Kundenfreundlichkeit. Auch im katholischen Polen gewinnt die Urnenbestattung immer mehr Anhänger, doch ein Krematorium gab es in der ostpolnischen Stadt bisher nicht. Die von Jakóbczak geplante Leichenverbrennungsanlage soll neben dem kommunalen Friedhof gebaut werden - und damit in unmittelbarer Nachbarschaft des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Majdanek. Auf dem Gelände des einstigen Todeslagers wird in einem Mahnmal die Asche von rund 80.000 ermordeten Häftlingen aufbewahrt. Der Krematoriumsbau wird daher auch zu einer Frage der Pietät. Ende dieser Woche will sich der Lubliner Stadtrat mit dem Bauprojekt befassen.

Bürgermeister Krzysztof Zuk plädierte schon vor der Ratssitzung am Donnerstag für einen anderen Standort. Ein Ausbau der staatlichen Schutzzonen um ehemalige Vernichtungslager wäre eine Möglichkeit, den Krematoriumsbau nur 300 Meter von Majdanek entfernt zu verhindern. Das geltende Recht schreibt lediglich vor, dass im Umkreis von 100 Metern keine wirtschaftliche Nutzung und keine Bauten erlaubt sind, die die Würde der Gedenkstätten verletzen könnten.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

Sie haben sich dem Zugriff der Justiz entzogen. Auf der Liste der meistgesuchten Nazi- Kriegsverbrecher des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem stehen folgende Namen: © dpa
ALOIS BRUNNER (Jahrgang 1912) in Syrien: Der wichtigste bislang strafrechtlich nicht verfolgte Nazi-Kriegsverbrecher ist möglicherweise nicht mehr am Leben. © dpa
Der ehemalige SS-Hauptsturmführer soll als “Ingenieur der Endlösung“ für den Tod von etwa 130 000 Juden aus mehreren Ländern verantwortlich sein. © dpa
Brunner wurde das letzte Mal im Jahr 2001 in Damaskus (Syrien) gesehen. © dpa
ARIBERT HEIM (1914) in Ägypten: Der als “Dr. Tod“ berüchtigte frühere KZ-Arzt soll 1992 mit 78 Jahren in Kairo gestorben sein. Als Beleg gilt ein Auszug aus dem Sterberegister. © dpa
Aufgrund einer beim Bundesfinanzhof anhängigen Steuersache schließt das Wiesenthal- Zentrum jedoch nicht aus, dass Heim noch lebt. © dpa
Er soll in den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen zahlreiche Menschen ermordet haben, viele durch Injektionen ins Herz. © ZDF
SANDOR KEPIRO (1914) in Ungarn: Der Polizeioffizier wird verdächtigt, an der Ermordung von mehr als 1200 Zivilisten im serbischen Novi Sad teilgenommen zu haben. © dpa
MILIVOJ ASNER (1913) in Österreich: Der ehemalige Polizeichef in Kroatien soll aktiv an der Verfolgung und Deportation von Serben, Juden sowie Sinti und Roma beteiligt gewesen sein. © AP
KLAAS CARL FABER (1922) in Deutschland: In den Niederlanden wurde er für den Tod von Gefangenen 1944 zum Tode verurteilt. © dpa
Das Urteil wurde 1948 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. 1952 flüchtete er aus dem Gefängnis und lebt seit Jahrzehnten in Ingolstadt. © dpa
SOEREN KAM (1921) in Deutschland: Das ehemalige SS-Mitglied soll für den Tod eines dänischen Journalisten verantwortlich sein und die Deportation der jüdischen Gemeinde in Dänemark in deutsche Konzentrationslager ermöglicht haben. © dpa
Wegen Tötung in Dänemark verurteilt, lebt Kam heute in Kempten im Allgäu. © dpa
MICHAIL GORSCHKOW (1923) in Estland: Laut Wiesenthal-Zentrum war er am Mord an Juden in Weißrussland beteiligt. © dpa
ALGIMANTAS DAILIDE (1921) in Deutschland: Er soll Juden festgenommen haben, die später von Nationalsozialisten getötet wurden. © dpa
Von den USA ausgeliefert wurde er in Litauen verurteilt, musste seine Haft aber wegen seines Gesundheitszustands nicht antreten und lebt heute in Sachsen. © dpa

„In diesem Stadtteil sollte es keinerlei Krematorium geben, denn das gab es hier schon“, sagte Edward Balawajder, der ehemalige Direktor der Gedenkstätte Majdanek, dem Magazin „Newsweek Polska“. „Im Ausland wird der Name Majdanek nicht als Stadtteil von Lublin, sondern als ehemaliges Todeslager wahrgenommen“, betont Museumssprecherin Agnieszka Kowalczyk. „Die Absicht, hier ein Krematorium zu bauen, stößt (bei der Gedenkstätte) auf schwere Einwände.“

Auch die Anti-Defamation-League (ADL) hat in der vergangenen Woche in einem Schreiben an den Bürgermeister Protest gegen einen möglichen Krematoriumsbau angemeldet. „Alleine die Idee ist abstoßend, dass eine Firma es in Erwägung zieht, eine moderne Leichenverbrennungsanlage neben dem heiligen Boden anzusiedeln, der der Erinnerung an diejenigen gewidmet ist, die Unglaubliches erlitten haben“, heiß es in der Stellungnahme des amerikanischen ADL-Vorsitzenden Abraham Foxman. Er überlebte selbst den Holocaust.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Erinnerung an die Opfer des Holocaust und Bauprojekte in polnischen Städten, in denen die Nationalsozialisten ihre Todeslager bauten, zu teils erbitterten Kontroversen führten. So machte in Oswiecim vor einigen Jahren eine Diskothek in einem Gebäude Schlagzeilen, in dem während des Krieges Auschwitz-Häftlinge Zwangsarbeit geleistet hatten. Auch ein geplanter Schnellimbiss gleich neben der Gedenkstätte Auschwitz sorgte für Kontroversen - und eine zügige Verabschiedung des Schutzzonen-Gesetzes.

Bei Einwohnern von Oswiecim oder Lublin ist immer wieder zu hören, dass sie „normal“ leben wollten - ohne die Belastungen durch eine Vergangenheit, für die die deutsche Besatzung verantwortlich war. Polen sei schließlich auch ein Opfer der Nazis gewesen. Doch vor der Erinnerung kann man nicht fliehen, betont Roman Litman von der Jüdischen Gemeinde Lublin: „Wenn hier Leichen verbrannt werden, denkt jeder gleich an den Rauch aus den Schornsteinen von Majdanek.“

Von Eva Krafczyk

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