Gewalt gegen Kinder in Deutschland steigend

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Eine traurige Bilanz: 2010 stieg die Zahl an Tötungsdelikten von Kindern unter 14 Jahren um gut 20 Prozent.

Berlin - Die Gewalt gegen Kinder in Deutschland nimmt zu. Im Jahr 2010 stieg die Zahl der Tötungsopfer um 20 Prozent. Die Kinderhilfe und Kriminalbeamte drängen auf eine Reform des Kinderschutzes.

 In Deutschland wird jeden zweiten Tag ein Kind gewaltsam getötet - Tendenz steigend. Wie die Deutsche Kinderhilfe und der Bund Deutscher Kriminalbeamter am Freitag in Berlin mitteilten, stieg 2010 die Zahl der Kinder unter 14 Jahren, die einem Tötungsdelikt zum Opfer fielen, um gut 20 Prozent auf 183. 129 dieser Opfer waren jünger als sechs Jahre. Kinderhilfe und Kriminalbeamte dringen angesichts dieser Tendenz auf eine baldige Reform des derzeit mangelhaften Kinderschutzes.

Auch die Fälle körperlicher Misshandlung nahmen 2010 wieder zu, und zwar um sieben Prozent auf knapp 4400 Fälle. Die Zahl der Opfer sexueller Gewalt stieg nach rückläufiger Tendenz in den vergangenen Jahren wieder, und zwar um 2,7 Prozent auf rund 14 700. Bei der Statistik handele es sich um die registrierten Fälle. Die Dunkelziffer sei deutlich höher, erläuterte der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke.

Mädchen und Jungen seien gleichermaßen betroffen, sagte Ziercke bei der Erläuterung der Kriminalstatistik. Die Täter seien häufig unter der Verwandtschaft oder Bekanntschaft zu finden. Klein- und Kleinstkinder würden oft von Müttern misshandelt, bei älteren Kindern seien es häufiger Väter. Die Tatsache, dass in Deutschland “jeden zweiten Tag ein Kind Opfer eines Tötungsdeliktes wird (...), muss uns mehr als nachdenklich stimmen“, mahnte Ziercke.

Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern

Die neunjährige Corinna wurde am 29.07.2009 tot in einem Seitenarm des Flusses Mulde unweit ihres Elternhauses in Eilenburg gefunden. Sie fiel vermutlich einem Gewaltverbrechen zum Opfer. Die Ermittlungen dauern noch an. © ap
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der neunjährige Dennis aus Scharmbeckstotel wurde am 05. September 2001 aus dem Schullandheim Wulsbüttel entführt. Am 19.09.2001 wurde die Leiche von Dennis in einem Waldstück bei Kirchtimke entdeckt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die achtjährige Michelle aus Leipzig wurde am 17. August 2008 auf dem Heimweg entführt. Am 21. August wurde ihre Leiche in einem Teich gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der heute 73-Jährige Josef Fritzl hielt seine Tochter Elisabeth Jahrzehnte in einem Kellerverlies unter seinem Haus gefangen. Immer wieder vergewaltigte er sie und zeugte in der Zeit mit ihr sieben Kinder. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In diesem Kellerverlies wurden die Opfer von Fritzl gefangen gehalten. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Im Jahr 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil. Er begann daraufhin Selbstmord. © dpa
Die 6-jaehrige Ayla aus Zwickau wurde 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen worden.
Die sechsjährige Ayla aus Zwickau wurde am 17. Mai 2005 in der Naehe ihrer Wohnung von einem Mann in ein Auto gezogen, sexuell missbraucht und ermordet.. © dpa
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden.
Der Mörder von Ayla, Michael L. hat die Tat wenig später gestanden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Der jüngste traurige Fall: Die achtjährige Kardelen aus Paderborn wurde seit 12. Januar 2009 vermisst. Vier Tage später die traurige Gewissheit. Kardelen wurde sexuell missbraucht und getötet. © dpa
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden.
Die zehnjährige Adelina aus Bremen verschwand am 26. Juni 2001 nach dem Besuch beim Ur-Großvater. Ihre Leiche wurde später in einem Wald gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die achtjährige Levke aus Cuxhaven wurde seit dem 6. Mai 2004 vermisst. Dreieinhalb Monate später wird ihre Leiche in einem Waldstück in Attendorn gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Die vier Jahre alte Madeleine McCann war am 3. Mai 2007 spurlos aus einer Ferienwohnung in Südportugal verschwunden. Bis heute ist der Fall ungelöst. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Gestanden hat der Mörder des neunjährigen Mitja vor Gericht in Leipzig. Der damals 43-Jährige hat den neunjährigen Buben mit in seine Wohnung genommen, vergewaltigt und erdrosselt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
Immer noch auf freiem Fuß sind die Täter, die das Leben des damals fünfjährigen Pascal auf dem Gewissen haben. Der Bub wurde 2001 in einer Kneipe in Saarbrücken vergewaltigt und erstickt. Seine Leiche wurde nie gefunden. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In Riekofen im Landkreis Regensburg wird 2007 bekannt, dass der örtliche Pfarrer sich an einem Kind vergangen haben soll. Wie sich herausstellte war es nicht der erste Fall: Der Geistliche war bereits wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft. Das Ordinariat schweigt zu den Vorwürfen. © dpa
Am 15. September 1981 wird die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt.
Am 15. September 1981 wurde die zehnjährige Ursula Herrmann aus Eching am Ammersee entführt. © dpa
Grausame Fälle: Verbrechen an Kindern
In dieser Kiste wurde sie von dem Täter gesteckt, in der sie qualvoll erstickte. © dpa

Misshandlungen von Kindern - etwa schütteln und rütteln, an die Wand werfen oder auf die heiße Herdplatte setzen - seien durchaus erkennbar, wenn man aufmerksam genug beobachte, machte Ziercke deutlich. Er appellierte an die Bürger: “Aufklärung ist abhängig von der Bereitschaft der Menschen hinzusehen.“

Die Entwicklungen lassen nach Ansicht des Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, befürchten, dass der sogenannte Kevin-Effekt an Wirkung verliert, noch bevor der momentan unzureichende Kinderschutz reformiert wird. Der zweieinhalbjährige Junge wurde 2006 tot im Kühlschrank seines Ziehvaters in Bremen entdeckt. Das Kind starb an schweren Misshandlungen. Danach stieg die Aufmerksamkeit für solche Delikte, die Jugendämter machten mehr Hausbesuche und nahmen häufiger geschundene Kinder in Obhut.

2007 lud Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum ersten nationalen Kindergipfel ins Berliner Kanzleramt. Unter dem Eindruck des toten Kevins sei sich damals die Politik einig gewesen, das Jugendhilfesystem zu erneuern. Das Scheitern des Kinderschutzgesetzes zwei Jahre später sei allerdings “ein großer Rückschlag für mehr Kinderschutz in Deutschland“ gewesen, argumentierte Ehrmann.

Auch der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Klaus Jansen, verlangt ein Bundeskinderschutzgesetz und klare Regelungen für den Umgang mit Kindesmissbrauch - etwa der Möglichkeit von Kinderärzten, sich untereinander auszutauschen. Zudem sei der Präventivbereich zu stärken, einschließlich der Vorlage eines Führungszeugnisses für haupt- und ehrenamtliche Jugendbetreuer.

Ehrmann verlangte einheitliche Fach- und Diagnosestandards sowie eine “aktive Einbindung“ von Schulen und Kinderärzten in die Jugendhilfe. 600 Jugendämter in Deutschland arbeiteten unterschiedlich und richteten Jugendschutz nach der Kassenlage aus. Damit “hängen die Überlebenschancen eines Kindes nach wie vor davon ab, ob es in München, Stuttgart oder Königswinter zur Welt kommt“, beklagte die Kinderhilfe.

dpa

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