Primaten

Wilde Gorillas adoptieren verwaiste Junge und sind liebevolle Väter

Eine Gorilla-Mutter hält ihr Baby in den Armen.
+
Eine Gorilla-Mutter hält ihr Baby in den Armen.

Jungtiere, die ihre Mutter verlieren, sterben in der Wildnis oft früh. Außer bei einer Art von Gorillas: Die Menschenaffen führen „Adoptionen“ durch.

Ruhengeri - Unter uns Menschen ist die Sache eigentlich klar: Ein Kind, das seine Eltern verliert, wird nicht verstoßen, sondern im Idealfall von einem Elternersatz aufgenommen und großgezogen. Doch in der Tierwelt ist das nicht selbstverständlich, auch nicht unter den uns so ähnlichen Primaten. Jedenfalls nicht bei allen Arten.

Forscher aus Ruanda, Großbritannien und Dänemark haben untersucht, wie sich der Verlust der Mutter auf Berggorilla-Nachwuchs auswirkt - und sind zu überraschenden Ergebnissen gekommen.

Als vor einigen Jahren vier Gorillaweibchen ihre Heimat verließen und dabei nicht nur das krank gewordene Alphamännchen zurückließen, sondern auch ihren Nachwuchs, waren Forscher in Ruanda besorgt. Denn die Gorillababys waren kaum alt genug, sich selbst zu versorgen. Und für viele Säugetierarten ist bekannt, dass Nachwuchs, der von der Mutter verlassen wird, früher stirbt als seine Artgenossen. Doch die Forscher in Ruanda wurden einem Bericht von „Science Mag“ zufolge in diesem Fall eines Besseren belehrt.

Gorillas ohne Mutter: Onkel kümmert sich um Nachwuchs

Der Onkel der jungen Gorillas fing an, sich um sie zu kümmern, wie die Forscher beobachten konnten. „Er ließ sie in seinem Nest schlafen und sie auf ihm herumklettern wie in einer Urwald-Turnhalle“, zitiert „Science Mag“ die Primatenforscherin Tara Stoinski vom Dian Fossey Gorilla Fund.

Dass Kubaha - so tauften die Forscher den Gorilla-Onkel - die Rolle eines Pflegevaters einnahm, ist unter Berggorillas kein Einzelfall. Am Karisoke Research Center in Ruhengeri (Ruanda) analysierten Forscher in einer Studie Daten zu Berggorillas der vergangenen 53 Jahre.

Sie stellten fest: Wenn junge Berggorillas ihre Mütter - und manchmal auch ihre Väter - verlieren, erhöht sich bei ihnen nicht das Risiko, früh zu sterben oder ihren Platz in der Hierarchie zu verlieren. Der Rest der Gruppe dämpfe den Verlust. „Dieses Paper war wirklich überraschend, weil wir wissen, dass es unter Primaten und sozialen Säugetieren sehr schlimm ist, die Mutter zu verlieren, wenn man sehr jung ist“, sagte der Verhaltensökologe Matthew Zipple von der Duke University (USA) gegenüber „Science Mag“.

Gorillas werden nach Verlust der Mutter von Gruppe aufgenommen

Denn Zipple und seine Kollegen hatten zuvor eine Studie dazu veröffentlicht, dass junge Schimpansen, Paviane und andere Affen, die auch nach dem Abstillen auf ihre Mutter angewiesen sind, häufig jung sterben, wenn sie die Mutter verlieren. Denn auch nach dem Abstillen fütterten und säuberten die Mütter ihren Nachwuchs und schützten ihn vor Angriffen durch nicht verwandte Männchen.

Selbst wenn mutterlose Affen bis zum Erwachsenenalter überlebten, sei ihr sozialer Rang niedriger und sie bekämen weniger Nachkommen. Weitere Studien haben laut dem Magazin ähnliches für andere Säugetiere wie Killerwale, Elefanten und Hyänen gezeigt.

Doch Berggorillas scheinen nicht so sehr unter dem Verlust der Mutter zu leiden wie andere Spezies, wie die Daten aus Ruanda nahelegen. Die Hypothese: Unter Säugetieren, bei denen Mütter häufig verschwinden, bevor der Nachwuchs erwachsen ist, hat sich die soziale Gruppe dahin entwickelt, die Jungen vor den Folgen des Verlusts zu schützen.

Um diese Hypothese zu überprüfen, verglichen die Forscher verwaiste Gorillas mit nicht-verwaisten, beispielsweise bezüglich Nachwuchs, sozialem Rang und mit wem sie am meisten Zeit verbrachten.

Adoption: Selbstloses Verhalten auch unter Gorillas

Mutterlose Gorillas waren laut der Untersuchung keinem größeren Risiko ausgesetzt zu sterben als ihre Artgenossen, die mit Mutter aufgewachsen waren. Sie hätten keine Langzeitfolgen von dem Verlust davongetragen, etwa in Sachen Fortpflanzung oder der sozialen Position. Einige mutterlose Männchen seien sogar zum dominanten Silberrücken der Gruppe aufgestiegen.

Die Langzeit-Studie aus Ruanda zeige, dass es selbstloses Verhalten nicht nur unter Menschen gibt und dass Väter eine wichtige Rolle im Leben junger Primaten spielen, sagte Verhaltensbiologin Susan Alberts (Duke University) gegenüber „Science Mag“.

„Nichtmenschliche Primaten sind oft wirklich gute Väter“, so Alberts. „Das zeigt, dass väterliche Fürsorge sehr tief in unserer Abstammung liegt.“ Dass Berggorillas sich ähnlich verhalten wie Menschen, haben Forscher auch hinsichtlich ihres Umgangs mit Todesfällen herausgefunden. (ial)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.