Grab von Zappel-Philipp in Frankfurt entdeckt

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Friedhofskenner und Grabmalpate Dieter Georg reinigt am 31.03.2011 auf dem Hauptfriedhof von Frankfurt am Main das Kreuz des von ihm entdeckten und restaurierten Grabes von Philipp Julius von Fabricius.

Frankfurt - Sie kennen den “Zappel-Philipp“? Den Jungen, der bei Tisch nicht still sitzen wollte, gab es wirklich. Das Grab seines allzu menschlichen Vorbilds wurde auf Frankfurts Hauptfriedhof entdeckt.

Dieter Georg kennt sein Ziel auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Ohne Umwege läuft er auf seine neueste Entdeckung zu. Es ist das Grab mit der Nummer XXII im Gewand F. Durch Zufall ist Georg hier auf eine Berühmtheit gestoßen: Doktor med. Philipp Julius von Fabricius steht auf dem Grabstein. Der Name sagt kaum jemandem etwas - und doch begegneten ihm viele in der Kindheit. Der Herr Doktor ist der “Zappel-Philipp“ aus den weltbekannten Struwwelpeter-Geschichten des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann.

Fabricius lebte von 1839 bis 1911 in Frankfurt. Als Kind der heutigen Zeit hätten Ärzte ihm wohl eine Aufmerksamkeitsdefizit-Störung (ADHS) diagnostiziert, schätzt Beate Zekorn-von Bebenburg, Leiterin des Struwwelpeter-Museums im Frankfurter Westend. In späteren Jahren wurde Fabricius selbst Arzt und geadelt. Er starb 1911 - und er wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof bestattet.

Buch über reale Vorbilder von Kinderbuchhelden

Mit der Entdeckung des Zappel-Philipp-Grabs ist die Landkarte literarischer Orte in Frankfurt um einen Anziehungspunkt reicher, freut sich die Stadt Frankfurt. Denn nicht weit vom einst hyperaktiven Philipp liegt Pauline Schmidt. Paulinchen zündelte gerne und steckte eines Tages die heimische Gardine an. Hoffmann machte daraus “Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug“. Die eigentliche Pauline starb 1856 im zarten Alter von nur 15 Jahren an Tuberkulose und wurde wie auch Fabricius auf dem Hauptfriedhof begraben. Auch Autor Hoffmann, der Pauline und Philipp berühmt machte, fand ganz in der Nähe seiner Anti-Helden die letzte Ruhe.

Dieter Georg ist Grabmalpate aus “Liebe zu meinem Hauptfriedhof“, wie der Rentner sein außergewöhnliches Hobby begründet. Kaum einer weiß, dass jedes Grab auf dem denkmalgeschützten Friedhof eine eigene Akte hat. Georg liest sie sogar. In der Grabmalakte “vom Paulinchen“ stieß der 71-Jährige auf ein Buch über reale Vorbilder von Kinderbuchhelden. Darin las er den Namen Philipp Julius von Fabricius. “Da hat es bei mir Klick gemacht“, erinnert sich Georg. Denn den Namen hat er schon oft auf dem Weg zu einem anderen Patengrab gelesen.

Im Jahr 2009 kratzte Georg das Moos vom Marmorkreuz, hegte und pflegte das Grab und übernahm die Patenschaft. 50 Jahre hatte sich niemand um das Grab gekümmert - und auch für Georgs Zufallsfund interessierte sich kaum einer. Erst vor einem Jahr forschte das Struwwelpeter-Museum genauer nach. Denn der Beweis, dass hier wirklich das Vorbild für den literarischen Zappel-Philipp liegt, fehlte noch.

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Schließlich fand sich im Archiv des Museums ein verschollen geglaubter Artikel aus dem Jahr 1911. “Jetzt können wir mit Sicherheit sagen, dass Hoffmann durch den eben hier begrabenen Philipp Julius von Fabricius zu seiner Zappel-Philipp-Geschichte inspiriert wurde“, sagt Museumsleiterin Zekorn-von Bebenburg. Der echte Zappel-Philipp outete sich einst selbst: Er unterschrieb seine Spende für ein Hoffmann-Denkmal mit dem Zusatz “Urbild des Zappel-Philipps“.

Die Familien Fabricius und Hoffmann waren befreundet. Autor und Arzt Heinrich Hoffmann und Friedrich Wilhelm Fabricius waren Kollegen in einer Armenklinik, die Söhne Carl Hoffmann und Philipp Julius fast gleich alt. Für Carl verfasste der Vater auch die Struwwelpeter-Geschichten als Weihnachtsgeschenk, weiß Zekorn-von Bebenburg. Hoffmann äußerte sich nie zu den realen Vorbildern seiner Geschichten, gab aber in seinen Lebenserinnerungen zu, dass seine Geschichten doch nicht “so ganz aus der Luft gegriffen waren“.

Dieter Georg ist Frankfurter durch und durch. Seine Familie lebt seit Generationen in der Stadt. Der Hauptfriedhof hat es ihm besondern angetan. Für ihn ist es “der schönste Park der ganzen Stadt“. Wenn er nicht gerade Gräber restauriert oder die Geschichten dahinter erforscht, kümmert er sich um seinen Enkel. Dem kann er jetzt nicht nur die Struwwelpeter-Geschichten vorlesen, sondern auch erzählen, wie das war, als Opa das Grab vom echten Zappel-Philipp entdeckte.

dpa

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