Haitis Trümmerfrauen räumen Leichen mit Bulldozern weg

Port-au-Prince - Im verzweifelten Kampf gegen das Chaos auf der Erdbeben-Insel Haiti räumen Trümmerfrauen die Leichen mittlerweile mit Bulldozern weg. Und es fehlt an den schweren Maschinen.

Mit einem mächtigen Grollen gräbt sich der Schaufelbagger in den Schuttberg. Eine dichte Staubwolke steigt auf und macht das Fahrzeug für einen Moment unsichtbar. Wo heute Zementbrocken, Metallteile und Mauersteine liegen, stand vor drei Wochen noch die Universität von Port-au-Prince. Am Steuer des Schaufelbaggers sitzt die 30 Jahre alte Bealyne, eine rundliche Frau im roten T-Shirt, die krausen Haare straff nach hinten gebunden. Sie gehört zu den starken Trümmerfrauen Haitis, die nach der Katastrophe helfen, das Land wieder aufzuräumen.

“Bei dem Erdbeben sind hier 200 bis 300 Studenten ums Leben gekommen“, erzählt sie und legt den Rückwärtsgang ein. Die Schaufel hebt sich voller Geröll in die Luft, ein paar Brocken fallen hinaus. “Ich habe sie mit dem Bulldozer wegtransportiert“, sagt die Frau und manövriert scheinbar ungerührt das gewaltige Fahrzeug an den Laster heran, das den Schutt wegbringt. “Ich habe geweint dabei, aber das Leben geht weiter“, meint sie.

Haiti: Diese Menschen brauchen Ihre Hilfe

Das Jahrhundert-Erdbeben in Haiti hinterließ gewaltige Zerstörung und großes Leid. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Selbst massive Gebäude sind wie Kartenhäuser zusammengefallen und ganze Slums auf Schlammlawinen abgerutscht. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Die UN schätzt, dass zwei Millionen Menschen in den nächsten zwölf Monaten versorgt werden müssen. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Diese Frau hat ihre komplette Familie verloren und alles was sie besaß. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Die Menschen in Haiti werden Jahre brauchen, um das Trauma zu verarbeiten. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Die Haitianische Regierung rechnet mit 200.000 Toten. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Den Geruch von toten Körpern werden Helfer und Überlebende nicht mehr vergessen – er durchdringt alles. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Eingestürzte Kinderklinik. Zig Tausende Kinder haben ihre Eltern verloren. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
UNICEF schätzt, dass eine Million Kinder und Waisen auf sich alleine gestellt umherirren. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Hilfsorganisationen nehmen in Haiti derzeit bis zu 100 Amputationen vor – pro Tag. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Viele der Bündnispartner von Aktion Deutschland Hilft versorgen die Verletzten seit den ersten Stunden des Bebens. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Doch nicht nur die Kinder traf das Erdbeben schwer, auch ältere Menschen leiden besonders. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Cirka eine Million Menschen hat das Beben ohne Obdach zurückgelassen. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Helfer schlafen zum Teil auf dem blanken Boden, die Preise für übrig gebliebene Hotelzimmer sind astronomisch. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Selbst hart gesottene Katastrophenhelfer stoßen an ihre Grenze. © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Die Hilfsorganisationen von Aktion Deutschland Hilft arbeiten Hand in Hand. In Deutschland wie in Haiti und nutzen so viele Synergien wie möglich... © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
um so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich zu erreichen … © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser, medizinischer Versorgung … © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe, wo immer es geht… © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia
Aktion Deutschland Hilft bittet dringend um Spendern: Konto 102030, BLZ 37020500, Sozialbank. Oder online unter: www.Aktion-Deutschland-Hilft.de © Aktion Deutschland Hilft/Tim Freccia

Bealynes Familie ist bei dem Erdbeben unversehrt geblieben. “Aber unser Haus ist komplett zerstört. Es ist so zusammengefallen“, sagt sie und senkt die flache Hand, um es zu verdeutlichen. “Wir haben nichts retten können.“ Jetzt schläft sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem der selbstgebauten Zelte aus Bettlaken und Holzlatten, die überall in Port-au-Prince in Parks und Gärten entstanden sind. “Immerhin habe ich noch meine Arbeit, auch wenn sie nicht mehr dieselbe ist wie früher.“

Die ausgebildete Baggerfahrerin war vor dem Erdbeben beim Straßenbau eingesetzt. Die Compagnie nationale d'équipment, für die sie arbeitet, bekam nach der Katastrophe den Auftrag, die Toten zu den Massengräbern im Norden der Stadt zu bringen. Innerhalb weniger Tage wurden Zehntausende in die schnell ausgehobenen Gruben geworfen, von einer würdigen Bestattung konnte nicht die Rede sein.

Die Regierung rechnet mit etwa 180 000 Todesopfern. Viele von ihnen liegen noch immer unter den Trümmern. An dem Schutthaufen, der einmal die Universität war, hängt ein süßlicher Verwesungsgeruch. Passanten binden sich Tücher vor die Nase, wenn sie dort vorbeigehen.

Haiti: Der Kampf ums Überleben

Haiti: Der Kampf ums Überleben
Männer suchen unter den Toten Angehörige © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Auch eine junge Frau vermisst Angehörige © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Identifizierte Tote werden mit einem Band um den großen Zehen markiert © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein Mann schützt sich mit Kleiderfetzen vor dem Verwesungsgeruch © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein Mann hat sich an einer Tankstelle zwei Kanister Benzin abgefüllt. Vielerorts wurden Geschäfte geplündert © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Fast alle Anwesenden versuchen, sich umsonst Benzin abzuzapfen © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein Mann steht einer verletzten Frau bis zu deren Behandlung bei © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Nur der Arm eines verschütteten Opfers ragt aus den Trümmern © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein verletztes Kind wird notdürftig genäht © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein spanischer Helfer rettet den Zweijährigen Redjeson Hausteen © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Der Kleine klammert sich an seinen Lebensretter © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Schnell durfte er wieder in die Arme seiner Mutter © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein Kind wird unter mütterlichem Beistand vom Arzt behandelt © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein Überblick des Grauens © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Gladys Louis Jeune ist eine der Überlebenden © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Die Retter haben sie nach 43 Stunden aus den Trümmern befreit © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Prominenter Beistand: Rapper Wyclef Jean reist in seine Heimat © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Ein chinesischer Arzt versorgt ein verletztes Kind © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
In einer notdürftig errichteten Klinik werden Verletzte so gut es geht versorgt © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Der Franzose Pascal Simon koordiniert die Versorgung mit Arzneimitteln © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Auch Sarla Chand, 65, aus New Jersey zählt zu den Geretteten © AP
Haiti: Der Kampf ums Überleben
Französische Feuerwehrmänner haben sie von den Trümmern befreit und bringen sie ins Krankenhaus © AP

Bevor Bealyne und ihre Kolleginnen wieder Straßen bauen können, müssen gigantische Mengen Schutt im Land beseitigt werden. Zahlreiche Gebäude liegen in Trümmern, andere sind so stark beschädigt, dass sie dringend abgerissen werden müssten. “Es gibt viel zu wenige Schaufelbagger in Port-au-Prince“, sagt Bealyne.

Ein paar Hundert Meter weiter ist eine Baggerfahrerin damit beschäftigt, die Überreste des Generalvikariats neben der stark zerstörten Kathedrale von Port-au-Prince wegzuräumen. Ein Fenster des Führerhäuschens fehlt, die Öffnung ist mit einer Plane bedeckt. Der katholische Erzbischof Serge Miot und etwa 30 angehende Priester sind dort ums Leben gekommen. Helfer hocken neben den Trümmern und versuchen, die Reste des Archivs der katholischen Kirche zu retten. Während der Bulldozer seine Last abtransportiert und der Staub sich legt, klauben die Helfer Register und Gebetsbücher zusammen.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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