Liegt die Harley bei jungen Leuten noch im Trend?

Kultmotorradmarke Harley: Die Lust an der ewigen Jugend

Nordhessen und Südniedersachsen, das ist Harleyland. Hier cruisen Harleyfahrer aller Generationen durch tolle Landschaften.
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Nordhessen und Südniedersachsen, das ist Harleyland. Hier cruisen Harleyfahrer aller Generationen durch tolle Landschaften.

Die Harley war Rebellion auf zwei Rädern. Doch die Kundschaft wird älter. In den USA gehen die Verkaufszahlen zurück. Unser Autor, selbst Harley-Fahrer, hat sich auf die Spuren des Mythos begeben.

Der ist wirklich tot. Gestorben. An Krebs. Und er sitzt auf seiner Harley. Die Hände am Lenker, die Füße nach vorn gestreckt, das Kreuz durchgedrückt. Helm, Brille, Handschuhe. Als ob er gleich starten wollte. Aber er ist tot. Und so wurde der alte Herr aus Ohio mit seinen 82 Jahren auf seiner 1967er-Harley in einem riesigen plexigläsernen Sarg begraben. 

Das ist vor ein paar Jahren passiert. Natürlich in Amerika. Die Behörden hatten nur Bedenken, dass umweltschädliche Flüssigkeiten austreten könnten. Aus dem Bike. Einäschern war ja nicht möglich. Eisen lässt sich nicht einäschern.

Harleyfahrer sind treue Gesellen. Markentreu. Nützt aber alles nichts. In den USA, im Heimatland der Harley, kämpft die Company, wie der Konzern genannt wird, gegen schwindenden Absatz. So putzig es auch klingen mag: Die ewige Jugend ist einer der Gründe. Die Stammkundschaft werde immer älter, klagte diesen Sommer das Unternehmen in einer Spiegel-Meldung. Der Verkauf der Motorräder sei um acht Prozent zurückgegangen. Auch wegen der starken Konkurrenz aus Japan und Europa. 

Da haben wir's. Die Rentner sorgen für eine Flaute. Kaufen und kaufen, und es reicht doch nicht. Ohne die Jugend wird die Kasse immer leerer. Und die jungen Leute, die kaufen auch, aber halt ein wesentlich billigeres Japanmodell. Verständlich. Die ungeschriebene Regel lautet: Eine Harley-Davidson kaufst du, wenn alles andere erledigt ist. Eigenheim bezahlt, Auto auch, Kinder aus dem Haus, Studium abgehakt. Dann sind im günstigsten Falle noch ein paar alte Euros übrig. 

Ich rede hier nicht von irgendeiner Elite, ich rede von Leuten, die Harleys fahren. 20.000, 30.000 Euro, vielleicht noch mehr. Für eine Touringmaschine mit allem Schnickschnack werden es auch schon mal 50.000. Das ist ein Wort. Und wer sich sein Schätzchen in einer Edelschmiede richtig aufmotzen lässt, legt gern noch was drauf. 

Das ist die Situation in Deutschland. Aber: Die amerikanische Entwicklung hat auch den deutschen Markt erreicht. Der Harley-Davidson-Presse-Service in Köln zitiert das Kraftfahrtbundesamt, das für dieses Jahr, von Januar bis August, 7670 Neuzulassungen verzeichnet habe. Im Vorjahreszeitraum seien es 9278 Harleybikes gewesen. 

Jedes Jahr ein tolles Erlebnis: Die Fahrt über die Sperrmauer beim Edersee-Meeting.

Also sind doch die Rentner wieder mal schuld? Nicht bei uns. „Das Durchschnittsalter unserer Kundschaft beträgt derzeit 48 Jahre“, sagte ein Mitarbeiter des HD-Presse-Services. Eigentlich so wie immer. Deshalb mache sich das Alter auf die Absatzschwankungen nicht negativ bemerkbar. Vielmehr sei der gesamte Motorradmarkt in einer Abwärtsbewegung. In den ersten acht Monaten des vergangenen Jahres seien in der Bundesrepublik über 91.000 neue Maschinen zugelassen worden. Maschinen aller Marken. Dieses Jahr nur 85.000.

Marktführer war 2016 Yamaha vor BMW und Honda. Auf Platz 4 lag KTM (aus Österreich) und auf Platz 5 das US-Bike. Nach einer Erhebung der Zeitschrift Motorrad hatte die Altersgruppe 36 bis 40 Jahre bei Neuzulassungen, gebrauchte und neue Maschinen, die Nase vorn. Die meisten neuen Motorräder aber wurden Anfang des Jahres von den über 55-Jährigen gekauft. Am häufigsten BMW. 

In unserer Region schaut der Harleymarkt gelassen auf die Entwicklung. Christian Zahn, zusammen mit Eugen Raiswich Inhaber von Harley-Davidson Kassel, hält für Nordhessen und Südniedersachsen fest: „Das Gros unserer Kunden ist zwischen 40 und 60 Jahre alt.“ HD Kassel mit Sitz in Baunatal-Kirchbauna ist der einzige Harleyhändler zwischen Fulda, Hannover und Bielefeld.

Quer durch alle Generationen: Frauen und Männer sind weltweit in HOG-Chaptern organisiert. HOG steht für Harley Owners Group und hat über eine Million Mitglieder. In Nordhessen ist diese Organisation durch das Lakeside Chapter vertreten, das in seinem Namen an den Haussee, den Edersee, erinnert.

 

Warum eigentlich machen viele junge Biker einen Bogen um die Hubraum-Boliden? Zahn sieht zwei wesentliche Gründe: „Manche sagen, es seien die Kosten.“ Das ist das eine Argument. Aber viel spannender ist das andere: Harley ist bei jungen Leuten nicht mehr so trendy. „Früher hatte Harleyfahren etwas mit Rebellion zu tun. Du kaufst dir ´ne Harley und bist der böse Rocker. Mittlerweile gibt es diesen Effekt nicht mehr.“ 

In Wahrheit verkauft Harley gar keine Motorräder, sondern ein Lebensgefühl. Oder? Der Baunataler HD-Händler: „Vielleicht ist es so. Wenn man es genau wüsste, könnte man darauf reagieren.“ Dabei tut sich die nächste Zwickmühle schon wieder auf: Mit der neuen 2018er-Palette will die Company zeigen, dass sie auch sehr modern kann. Da aber liegt der Konflikt mit den älteren Harleyfahrern, die lieber mit 400 Kilo unterm Hintern die Tradition pflegen. Auch wenn die Company beim Hubraum noch 'ne Schippe draufgelegt hat: von 1700 auf knapp 1900 Kubikzentimeter. 

Egal. Die Geburtsurkunde steht einem echten Harleyfan nicht im Weg. Robert Lembke, die Fernseh-Ikone, hatte doch recht, als er fürs Poesiealbum formulierte: „Alt werden ist natürlich kein reines Vergnügen. Aber denken Sie an die einzige Alternative.“

Reinhard Berger (65) ist HNA-Sieben-Autor und Harleyfahrer. In seinem neuen Buch „Schlachtfeld Ruhestand“ hat er sich ausgiebig und satirisch mit der Ironie des Alters auseinandergesetzt. Erhältlich ist es in allen HNA-Geschäftsstellen und im Buchhandel.

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