Wissenschaft

Harvard-Astronom: Interstellares Objekt könnte Forschungssonde von Außerirdischen sein

Das Objekt ‚Oumuamua wird von vielen Wissenschaftlern als Asteroid oder Komet angesehen.
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Das Objekt 'Oumuamua wird von vielen Wissenschaftlern als Asteroid oder Komet angesehen.

Seit der Sichtung des interstellaren Objekts ʻOumuamua debattiert die Wissenschaft darüber, um was es sich dabei handeln könnte. Der Astronom Avi Loeb hat eine klare Meinung.

Cambridge - Der Mensch sieht sich gern als die Krone der Schöpfung und anderen Spezies gegenüber als überlegen an. Dabei herrscht häufig die Meinung vor, dass wir die einzigen und diejenigen mit der höchstentwickelten Zivilisation im Universum sind. Weit gefehlt, wenn es nach Harvard-Astronom Avi Loeb geht: „Wir sind keineswegs besonders“, sagt der Forscher. Für ihn ist die Annahme, dass intelligentes außerirdisches Leben existiert, wahrscheinlicher, als dass es das nicht tut.

Allein die Beschaffenheit und Entwicklung des Universums sprechen für Loeb dafür, dass von außerirdischem Leben auszugehen ist. Und ab und an liefert es auch Zeichen, die diese Annahme nahelegen. Zum Beispiel ein Objekt mit dem Namen ʻOumuamua, was im Hawaiianischen für „Kundschafter“ steht. ʻOumuamua wurde 2017 mit einem Teleskop von Hawaii aus gesichtet, als es an der Sonne vorbeigeflogen und auf dem Weg zurück in den interstellaren Raum war. Es ist das erste interstellare - also nicht an einen Stern wie die Sonne gebundene - Objekt, das in unserem Sonnensystem beobachtet wurde.

Objekt ʻOumuamua: Forschung ist sich uneins

An ʻOumuamua scheiden sich in der Wissenschaft die Geister. Es wurde in der Astronomie meist als Gesteinsbrocken ausgewiesen, also ein Asteroid oder Komet. Im Frühjahr 2021 erschienen gleich zwei Studien, die ‘Oumuamua als Bruchstück eines Exo-Plutos* beschreiben. Gegen solche Theorien sprechen Avi Loeb aber einige Punkte, wie er bereits in Aufsätzen und jüngst auch gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) erklärte.

„’Oumuamua sah anders aus als alles, was wir zuvor gesehen hatten“, sagte der Astronom. Es habe sechs Anomalien aufgewiesen, unter anderem, dass es Sonnenlicht reflektierte. Außerdem habe sich der Betrag des reflektierten Sonnenlichts um den Faktor zehn verändert, während sich das Objekt alle acht Stunden um die eigene Achse drehte. „Diese Lichtänderung entsprach am ehesten einem flachen Objekt von der Art eines Pfannenkuchens“, beschreibt Loeb das Objekt.

Als weitere Anomalie nennt der Forscher den Anschein, dass ’Oumuamua durch eine andere Kraft als die Gravitation der Sonne beeinflusst wurde, ohne dass ausdampfende Gase oder ein Kometenschweif erkennbar gewesen seien. „Es schien, als sei das nur dadurch plausibel zu erklären, dass das Objekt Sonnenlicht reflektierte. Als notwendige Voraussetzung für diesen Effekt hätte das Objekt jedoch so dünn wie ein Segel sein müssen. So etwas bezeichnet man als Lichtsegel“, so Loeb weiter.

Die Technologie des Lichtsegels werde derzeit für die Erkundung des Weltraums entwickelt. Loeb zufolge könnte das Lichtsegel künstlich entstanden, also von jemandem hergestellt worden sein. Diese Ansicht habe laute Gegenreaktionen hervorgerufen. „Und ich bleibe dabei: Wenn es sich tatsächlich um etwas handelt, was wir nie zuvor gesehen haben, sollten wir zumindest weiter die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass es künstlichen Ursprungs ist“, schlägt Loeb in der NZZ vor.

ʻOumuamua möglicherweise künstliches Objekt aus anderer Zivilisation

Angenommen, bei ‘Oumuamua handelt es sich tatsächlich um ein gebautes Objekt aus einer hochtechnisierten Zivilisation, bleibt noch die Frage: Wurde es absichtlich in unser Sonnensystem geschickt, etwa um uns auszukundschaften, oder hat es sich zufällig hineinbewegt? „Wenn ich in Jahrzehnten als praktizierender Astronom eines gelernt habe, so ist es ein Sinn für Bescheidenheit“, mahnt Loeb.

Er vergleicht die Menschheit mit Schauspielern, die auf einer Bühne stehen, ohne zu wissen, wovon das Stück handelt. Zunächst einmal werde beim Beobachten klar, dass jene Bühne - das Universum - riesig ist. „Außerdem begann unsere Existenz erst am Ende des Stücks – diese Tatsache verstehen viele Leute nicht in vollem Umfang. Dieses Stück lief schon 13,8 Milliarden Jahre, ehe wir da auftauchten, und deshalb ist einigermaßen nachvollziehbar, dass wir darin nicht die Hauptdarsteller sind – auch wenn wir oft geneigt sind, das zu glauben.“

Objekte anderer Zivilisationen könnten sich im Universum bewegen

Denn die meisten Sterne sind noch weit vor der Sonne entstanden. Die Hälfte der sonnenähnlichen Sterne besitze Exoplaneten, von denen viele etwa so groß seien wie die Erde und sich in einem ähnlichen Abstand um ihre Sonne bewegten. „Vor diesem Hintergrund sind wir keineswegs besonders, einzigartig, privilegiert oder auch nur besonders interessant“, lautet Loebs Folgerung gegenüber der NZZ.

Nimmt man also an, dass vor Milliarden von Jahren bereits Millionen von Zivilisationen wie die unsere existierten, liegt der Gedanke nahe, dass auch diese Zivilisationen Gerätschaften ins All schickten. In einer Milliarde Jahren werde auch unser Raumfahrzeug Voyager nicht mehr funktionieren und unsere Zivilisation werde es nicht mehr geben, dennoch wird sich Voyager im All befinden und möglicherweise anderen Sonnensystemen einen Besuch abstatten.

So könnte es sich auch mit ‘Oumuamua verhalten haben: „Also werden wir im interstellaren Raum gewöhnlich Objekte finden, die nicht nur Milliarden Jahre alt sind, sondern auch von Zivilisationen erbaut wurden, die höchstwahrscheinlich nicht mehr existieren. Die Technik wird nicht mehr funktionieren, und sie ist sicher nicht dazu gedacht, uns auszuspähen. Wir sollten uns nicht wichtiger nehmen, als wir sind!“

Loeb findet es „anmaßend“, zu glauben, Zivilisationen von anderen Planeten interessierten sich für uns und schickten deshalb Objekte in unser Sonnensystem. Erst in den vergangenen 100 Jahren hätten wir Technologien entwickelt, die überhaupt für andere Zivilisationen interessant sein könnten. Und dem Wissenschaftler zufolge haben wir noch nicht das Niveau erreicht, das uns für sie interessant machen könnte. „Wir müssen nach ihnen Ausschau halten, nicht umgekehrt.“

Forscher möchte mehr interstellare Objekte wie ʻOumuamua finden

Selbstverständlich erfordere das, dass für die Suche Mittel eingesetzt werden. „Wenn wir nicht suchen, ist klar, dass wir nichts finden werden“, mahnt Loeb in der NZZ. Er halte es für sinnvoll, mit der Weltraumarchäologie eine neue Grenzdisziplin in der Forschung einzuführen. In dieser könnten ungewöhnlich aussehende Objekte, die von außerhalb in unser Sonnensystem kommen, untersucht werden. Man müsse darauf vorbereitet sein, solche Objekte zu fotografieren und auf ihnen zu landen, um Proben zu nehmen und zur Erde zu bringen. Dann erhofft Loeb sich eine Kettenreaktion:

„Das könnte eine Technologie sein, die für uns in der Zukunft liegt, eine Technologie, die eine Menge Geld wert ist. Wenn wir erst mal ein Objekt gefunden haben, werden die Menschen das Potenzial erkennen. Und dann wird es eine Art Goldrausch geben, um diese Objekte aus dem All aufzuspüren, von denen wir etwas über Technologien erfahren, die wir noch nicht besitzen.“

Die Objekte zu fotografieren und Proben zu nehmen, bewertet der Astronom als vielversprechender als etwa nach Funksignalen zu suchen. „Wenn man Radiosignalen von fernen Zivilisationen lauscht, die nicht mehr am Leben sind, ist das so, als wolle man Telefongespräche mit Kulturen führen, die es auf der Erde nicht mehr gibt“, erläutert er. Es sei mehr über diese Zivilisationen zu erfahren, wenn man von ihnen zurückgelassene Überreste studiere. Allerdings wird seiner Meinung nach heute noch nicht genug Geld in entsprechende Forschung investiert. (ial) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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