Zu sehr wie Privatsender

Hörerkritik am Sender-Programm: "hr3 - wir wollen dich wieder"

Stieß auf Kritik: Moderator Daniel Fischer. Foto: dpa

Kassel/Frankfurt. Eine Facebook-Gruppe mit 1400 Fans fordert Änderungen beim Radioprogramm des Senders hr3. Eine Kritikerin wurde auf der Facebookseite des Senders gesperrt.

Es ist doch nur Radio - diesen Satz hören Insa S. und Anja B. aus dem Schwalm-Eder-Kreis häufiger von Freunden, wenn sich wieder das Gespräch um den Radiosender hr3 dreht. Die beiden Frauen sind nach eigenen Angaben seit Jahrzehnten hr3-Hörer. „Damit bin ich groß geworden“, sagt Anja B.

Doch das Programm wandelte sich - zu sehr in Richtung der Privaten, finden die beiden. Ihre Kritik machten sie deutlich - in Gesprächen mit hr3 und auf Facebook. Insa S. ist dort vom hr inzwischen für die Senderseite gesperrt worden. Die beiden Frauen sind enttäuscht über das Verhalten des Senders.

Anja B. und Insa S., beide zwischen Ende 30 und Mitte 40, hängen an ihrem Sender. „Wer hat als Kind nicht Lieder aus dem Radio aufgenommen“, sagt Anja B. hr3, das war wie ein Ritual. Morgens beim Aufstehen Nachrichten hören oder Sendungen wie „Volkers Kramladen“ mit Moderator Volker Rebell. Doch seit einiger Zeit seien die Veränderungen zu stark geworden. Höhepunkt dieser Negativentwicklung aus ihrer Sicht war der Wechsel von Moderator Daniel Fischer von FFH zu hr3. 1400 Menschen sehen das ähnlich - so viele Fans hat die Facebook-Seite „hr3 - wir wollen dich wieder“. Fischer bleibt nicht lange beim hr, er wechselt zurück zu FFH.

„Ich habe an den Sender einen anderen Anspruch als an die privaten Sender“, sagt Insa S. Allein schon wegen der Gebühren. Sie hat den Eindruck gewonnen: Es gibt weniger Infos, mehr Jingles, mehr Klamauk, weniger Musikformate. Aufgrund ihrer Kritik, welche die beiden Frauen auf Facebook äußerten, wurden sie mit anderen Hörern zu einem Treffen mit Verantwortlichen des Senders nach Frankfurt eingeladen. „Es wurde aber nicht besonders auf unsere Kritik eingegangen“, sagt Anja B. Ihnen sei gesagt worden, sie seien eine Minderheit. Am Ende entstand für sie der Eindruck, der Sender wolle sie bloß als Kritiker loswerden.

Einige Zeit nach diesem Gespräch wurde Insa S. auf der hr3-Facebookseite gesperrt. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, sagt sie. Der Sender begründet die Sperrung mit Verstößen gegen die Netiquette: Seit dem 1. Januar 2016 bis zu ihrer Sperrung im April habe Insa S. insgesamt 97 kritische, teilweise persönlich herabsetzende Kommentare zum Programm und den Machern hinterlassen. Daher die Sperrung, teilte der Hessische Rundfunk mit.

Damit ist sie eine von 25 Nutzern, die auf der hr3-Seite nicht mehr kommentieren können. Insa S. bestreitet diese Zahl und hatte eine Auflistung als Beweis gefordert. Intendant Manfred Krupp schrieb ihr persönlich - auf eine Auflistung wartet Insa S. nach eigenen Angaben noch.

Zur Kritik, hr3 nähere sich dem Privatsender FFH zu stark an, teilte dieser mit: Es wäre nicht klug, ein ähnliches Produkt anzubieten. „Wir haben darüber hinaus als öffentlich-rechtlicher Sender auch einen Auftrag. Das bedeutet: aktuelle Berichterstattung, gut recherchierte Informationen und auch Themen abseits des Wohlfühlradios.“

Das sagt der Hessische Rundfunk...

Auszüge aus den Antworten des hr zu einzelnen Kritikpunkten der beiden Hörerinnen:

... zu Veränderungen

Die Reihenfolge der einzelnen Elemente, die sogenannte Sendeuhr, wurde beispielsweise verändert, um das Programm klarer zu strukturieren. Auch ein neuer Claim wurde mit „Die Musik in mir“ etabliert. Schließlich hat die Berichterstattung aus Hessen mehr Gewicht im Programm bekommen. Mit Einführung der neuen Morningshow hat sich einiges verändert, was sehr vielen sehr gut, aber auch einigen - im Verhältnis zur Gesamthörerzahl sehr wenigen - gar nicht gefallen hat. Grundlage und Auslöser der Veränderungen waren darum auch Ergebnisse von repräsentativen Befragungen der Zielgruppe.

... zu weniger News

Die Aussage „Früher war alles besser“ ist nicht neu und ganz natürlich, wenn sich gewohnte Produkte verändern. Seit Herbst letzten Jahres werden zwischen 9.30 und 14.30 Uhr die Kurznachrichten zur halben Stunde weggelassen. Das sind rund 50-sekündige Schlagzeilen aus den vorangegangenen, aktuellen Nachrichten. Aus der Medienforschung ergab sich, dass die Hörer in den frühen Morgen- und späteren Nachmittagsstunden (den Primetimes) verstärkt Nachrichten hören wollen, zu den anderen Zeiten weniger wiederholte Nachrichten.

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Kommentar zu Daniel Fischer und hr3: Pleite mit Privatstar

ArmesDeutschland
(0)(0)

Werden die Damennun auch bei der GEZ gesperrt? Wäre für mich die logische Folgerung daraus! Immerhin MÜSSEN sie ja diesen Sender mitfinanzieren. Aber die ÖR bedürfen keiner Kritik. Schliesslich hat man ja Narrenfreiheit. Wen kümmern da noch die zur GEZ gezwungenen Hörer?

Jean de Cassel
(0)(0)

Radioprogarmme verändern sich so wie die Hörerinnen und Hörer und deren Hörgewohnheiten. Klar, dass ein Sender nicht alle erreichen kann - und will es auch nicht, nehme ich an. Schließlich haben wir in Deutschland eine große Programmvielfalt, allein an terrestrisch zu empfangenden Radioprogrammen, dazu, Kabel- viele Tausend Internetangebote, aus denen jeder sein passendes Programm bauen kann. Achja, und es gibt noch Youtube, Netflix und werweißwasnoch.

Ich finde es völlig o.k., wenn der hr einige penetrante Nörgler und Kommunikaktionskiller auf der hr3-Facebooksite blockiert. - Ob die evtl. mal ausprobiert haben, das Radio zu verschiedenen Tageszeiten einzuschalten? - hr3 klingt ab 21 Uhr nämlich anders als um die Rushhour um 07:30 Uhr oder um 16:30 uhr. - Oder hr4? oder hr1? Oder hr-info? Oder hr2? Oder youfm?
Wer seinen womöglich engen persönlichem Musikgeschmack oder erwartete Infos nur in einem Programm hören will, fällt aus unserer Zeit einfach heraus und hat den souveränen Umgang mit Medien nicht gelernt und will es vermutlich auch nicht.
Ich bin froh, dass wir eine solche Vielfalt an Radioprogrammen, Fernsehen, Kulturangeboten wie Konzerte von Sinfonieorchestern und Bigbands, Aktionen wie Radtouren, Feste wie den Hessentag u. v. a. mehr haben - alles für Alle und öffentlich. Dazu die Kooperationen wie Arte, 3sat, oder KiKa. Oder die Eurpoeam Broadcasting Union mit dem ESC.

Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Radios liegt sicher nicht darin, mehr und mehr den Privaten zu ähneln. Klar, ein völlig verjingeltes Programm, hier und da ein Witzchen, dann eine Eigenpromo, der letzte Promiklatsch und dann wieder der Hit, der jede Stunde wiederholt wird - das alles brauche ich auch nicht. Aber, macneh gefällt genau das und brauchen es zum Wachwerden im Büro, im Auto oder woauchimmer. Warum soll man nicht Populäres übernehmen und daneben besondere, einzigartige Abgebote für die Hörerinnen und Hörer bereithalten?

Wer nicht bereit ist, überkommene Bastionen von "privat" und "öffentlich" zu verlassen, den überholt das mediale Leben auf der Youtube-Autobahn.

Und vielleicht liegt der ureigene Reiz des Radios in dieser minimalen Kommunikationssituation: Sender - Empfänger, und in dem, was dazwischen passiert: es ist ein Mysterium, das Radio :-)

Kommentare

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