Extrembergsteiger sieht Thema kritisch

Interview über Himalaya-Tourismus: „Mehr Menschen, als der Berg verträgt“

Extrembergsteiger Hans Kammerlander äußert sich im Interview mit der HNA kritisch über den Tourismus im Himalaya. Er sagt: Der Großteil der Bergsteiger hat dort nichts zu suchen.

Herr Kammerlander, Sie nennen Nepal Ihre zweite Heimat. Was halten Sie von dem Vorwurf, dass dort nach dem Beben vorrangig Bergtouristen gerettet werden?

Hans Kammerlander: Das ist unglaublich. Bergsteiger haben ja Verpflegung, Schlafsäcke und Zelte. Um die mache ich mir erstmal keine großen Sorgen. Mehr Gedanken mache ich mir um das arme Volk im Tal.

Heißt das: Wer Geld hat, der wird zuerst gerettet? 

Kammerlander: Die Trekking-Agenturen haben großen Einfluss. Wenn etwas passiert, dann tun sie alles dafür, dass die Hubschrauber zuerst dort hin fliegen, wo ihre Kunden sitzen. Und die Piloten können sich ja auch nicht teilen.

Vor welchen Herausforderungen stehen Bergretter in Nepal? 

Kammerlander: Ein Erdbeben in einer Alpinlandschaft hat extreme Folgen, weil einfach alles von oben ins Tal herunterfliegt. Dörfer sind abgeschnitten, Straßen verschüttet. Jetzt ist Hauptsaison, da sind viele auf Trekkingtouren und Expeditionen unterwegs. Wenn nun der Khumbu-Icefall durch ein Beben zerstört wurde, ist er nicht mehr begehbar, die Leute kommen nicht mehr vom Mount Everest.

Wie können diese Leute gerettet werden? 

Kammerlander: Ein Hubschrauber fliegt die Leute zur nächsten Stelle, von der ein Abstieg mit dem Seil möglich ist. Bis 7000 Metern ist es möglich. Wer sich darüber befindet, muss selbstständig runterkommen.

Bekommt das eigentlich jeder hin? 

Kammerlander: Nein. 90 Prozent der Menschen am Everest sind Touristen. Ein Großteil von ihnen hat dort nichts zu suchen. Wenn dann die großen Tragödien passieren, dann sage ich: Das war voraussehbar. Es ist einfach kein selbstständiges Handeln möglich, die können sich nicht helfen. Im Schönwetterfenster häufen sich die Touristen im Basislager. Man kann ihrer nicht mehr Herr werden.

Sie sehen den Tourismus-Hype kritisch? 

Kammerlander: Es darf nicht sein, dass Leute einen Everest buchen, für die ein Aufstieg auf die Zugspitze das richtige Ziel wäre. Viele Anbieter hinterfragen zu wenig die Fähigkeit der Teilnehmer. Hauptsache, die Gruppe ist voll.

Was müsste sich ändern? 

Kammerlander: Die Touristen müssen besser geprüft werden: Was sie schon gemacht haben, ob sie bereit sind für diese körperliche Herausforderung. Bei gutem Wetter sind viel zu viele Menschen da, mehr als der Berg verträgt. Wenn da eine Kolonne vom Fuß des Berges in Richtung Gipfel hochmarschiert und eine Eislawine ausgelöst wird, dann ist vorhersehbar, dass sie einige von ihnen erwischt. Von der Menschenmasse her könnte noch viel mehr passieren.

Hans Kammerlander (58) ist Extrembergsteiger und Skifahrer. Er lebt in seinem Heimatort Ahornach (Südtirol). Er ist bekannt für seine Expeditionen und Erstbegehungen auf der ganzen Welt. 2002 wurde er „Offizieller Botschafter der Berge“. Er unterstützt die Nepalhilfe Beilngries, die 17 Schulen und zwei Waisenhäuser gebaut hat. Kammerlander hat eine Tochter.

Helikopter an ihren Grenzen

Retten und Bergen von in Not geratenen Bergsteigern und Verunglückten mit Hubschraubern ist in extremen Höhen kaum möglich. Die meisten herkömmlichen Helikopter könnten maximal in 4000 bis 5000 Meter Höhe aufsteigen, sagte Oliver Ambacher vom Fraunhofer-Instituts für Angewandte Festkörperphysik (IAF) in Freiburg. Die abnehmende Dichte der Luft bringe Motoren und Rotoren darüber an ihre Leistungsgrenze. (dpa)

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