Aufnahme aus England zeigt Tod eines Motorradfahrers

Interview mit Verkehrspsychologen zu Schockvideos: "Das ist Perversion"

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Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss

Kassel. Der Engländer David Holmes kam 2013 bei einem Motorradunfall ums Leben. Jetzt sorgen seine Hinterbliebenen für Aufsehen: Seine Familie hat das Video seiner Helmkamera ins Netz gestellt. Die Aufnahmen sind Teil einer Polizeikampagne gegen zu schnelles Fahren.

Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss erklärt, warum die Abschreckungswirkung der Bilder gering sein dürfte.

Herr Voss, die brutalen Bilder von Holmes’ Tod sollen nach dem Willen seiner Angehörigen die Gefahren von überhöhter Geschwindigkeit im Verkehr zeigen. Wie bewerten Sie den Vorstoß? 

Dr. Karl-Friedrich Voss: Beim Betrachten der Bilder entsteht natürlich Mitgefühl für die Angehörigen, die versuchen, mit dem Tod des Familienmitgliedes fertigzuwerden. Allerdings halte ich die Hoffnung, mit derartigen Schockbildern andere Raser abzuschrecken, für groben Unfug. Solche Kampagnen sind schon oft gescheitert.

Die britische Polizei glaubt an die Abschreckungswirkung. Immerhin hat sie das Video via Youtube veröffentlicht. 

Voss: Hier wird offenbar versucht, über das Gefühl der Betroffenheit heraus junge Menschen zu beeindrucken. Das ist nicht falsch. Allerdings: Das bloße Betrachten eines Videos und das korrekte Verhalten im Verkehr sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Was ist sinnvoller? 

Zur Person: 

Dr. Karl-Friedrich Voss (65) wurde in Isernhagen bei Hannover geboren. Nach dem Abitur studierte er in Braunschweig Psychologie. Danach war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kassel beschäftigt. Seit 15 Jahren betreibt er seine eigenen verkehrspsychologischen Praxen in Hannover und Hann. Münden. Voss ist verheiratet. (esp)

Voss: Die Ausbildung für Motorrad- und Autofahrer auf Landstraßen muss intensiviert werden. Beispielsweise müssen Fahrschüler lernen, was ,angepasste Geschwindigkeit’ bedeutet. Die hat weniger mit einem Tempolimit als der Einschätzung äußerer Gegebenheiten zu tun. Kann es etwa sein, dass sich ein Autofahrer falsch verhält?

Geht etwas schief, bekommen Fahrer oft einen Tunnelblick. Verbinden sich Angst und Gaspedal, kann das fatale Auswirkungen haben.

Fünf Millionen Nutzer haben das Video bereits angeklickt. Auch aus Sensationslust? 

Voss: Wahrscheinlich. Es ist ausgeschlossen, dass alle Nutzer plötzlich in sich gehen und ihr Fahrverhalten ändern. Gerade junge Menschen wollen nicht nicht mit Schockbildern vollgestopft werden, sondern sich ausleben.

Durch das Video könnten Raser sogar zur Nachahmung animiert werden? 

Voss: Was könnte beglückender sein, als besser zu sein als andere? Viele Motorradfahrer werden Holmes‘ Strecke nachfahren, nur um zu beweisen: Ich habe es geschafft. Davon abgesehen: Die Tatsache, dass Holmes eine Helmkamera trug, um sich zu filmen, während er sich wissentlich in Gefahr begeben hat - das halte ich für reine Perversion.

Immer wieder sind schwere Motorradunfälle in den Medien. Warum ist gerade diese Gruppe so risikobehaftet? 

Voss: Der Motorradfilm „Easy Rider“ (1968) hat ein Lebensgefühl einer ganzen Generation geprägt. Daraus ist eine durch Emotionalität geprägte Industrie entstanden. Die Raserei ist größtenteils ein Problem der Industriegesellschaft.

Was man unter der Arbeitswoche zu wenig an Action hat, holt man am Wochenende nach. Einige Menschen verlieren im wahrsten Sinne die Bodenhaftung.

Wie kann man sich selbst bremsen? 

Voss: Indem man die Gefahr, die immer mitfährt, als Partner versteht. Das ist allemal besser als sich Schockvideos anzusehen.

 Von Emily Spanel

Video: Helmkamera filmte Unfall

Das Video der Helmkamera von David Holmes wurde jetzt veröffentlicht, um für Temposündern eine Abschreckung zu sein. Bei der Videoplattform Youtube wurde es schon mehr als 13 Millionen Mal aufgerufen.

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