„Für Kinder ist das der Super-Gau“

Interview: Warum Kinder oft in erweiterten Suizid einbezogen werden

Im fränkischen Treuchtlingen hat in der vergangenen Woche ein Mann seine drei Kinder aus dem Fenster geworfen, bevor er hinterhersprang. Wir sprachen mit dem Psychiater Dr. Rolf Günther über erweiterten Suizid und erweiterte Suizidversuche innerhalb der Familie.

Warum werden bei Beziehungsdramen die Kinder zu Mit-Opfern? 

Dr. Rolf Günther:  Die Kinder werden oft als erweitertes Selbst gesehen, als Teil des eigenen Ichs oder des Partners. Betroffene nehmen sich mit anderen Menschen – Partner, Kinder, Eltern – als Einheit war, die mit in den Tod genommen wird. Bei Männern sind solche erweiterten Aggressionen wahrscheinlicher gegen den Partner gerichtet, mit dem sie sich als Einheit sehen. Frauen beziehen hingegen eher die eigenen Kinder mit in den Suizid ein.

Warum ist das so?

Günther: Frauen haben natürlicherweise eine engere Bindung zu den Kindern, zum Beispiel durch Schwangerschaft und Entbindung. Das kann im Einzelfall aber auch anders sein.

Woher kommt die Motivation, eigene Kinder zu töten?

Hintergrund: Bekannte Fälle von erweitertem Suizid

• Im Februar 2010 erschlägt ein 42-Jähriger in Kassel-Wilhelmshöhe mit einer Eisenstange seine beiden drei und fünf Jahre alten Söhne. Nach der Tat geht er zum Bahnhof Wilhelmshöhe und wirft sich vor einen Zug. Hintergrund ist ein Trennungsdrama in der Familie. Die Mutter der beiden Kinder war nur wenige Tage zuvor ausgezogen.

• Nach der Trennung von seiner Frau ertränkt im September 2010 ein 52-Jähriger in Trendelburg (Hofgeismar) seine vierjährige Tochter und sprengt sich dann in seinem Auto in die Luft. Der einjährige Sohn überlebt die Tat.

• In Wieda (Harz) setzt im September 2013 ein 32-Jähriger sein Haus in Brand und springt aus dem Fenster. Im Feuer stirbt seine dreijährige Tochter, der sechsjährige Sohn wenig später. Der Mann, der einen Wirbelsäulenbruch erleidet, hinterlässt einen Abschiedsbrief. An die Tat kann er sich nicht erinnern. Der Prozess läuft noch bis Mitte April vor dem Landgericht Göttingen.

• Vergangene Woche wirft in Treuchtlingen (Franken) ein 30-jähriger Mann nach einem Ehestreit seine drei Kinder aus dem Fenster einer Wohnung im zweiten Obergeschoss. Dann springt er selbst. Die Kinder im Alter von zehn Monaten, zwei und drei Jahren werden schwer verletzt. Der Mann überlebt und sitzt in Untersuchungshaft.(lsd)

Günther:  Bei Beziehungstaten ändert sich mit dem Ende der Partnerschaft manchmal auch die Beziehung zu den eigenen Kindern massiv, zum Beispiel dann, wenn diese im Konflikt der Eltern Partei ergreifen. Man will die Kinder dann nicht dem Partner überlassen oder diese vor ihm bewahren. Solche Taten können aber auch durch eine schwere psychische Krankheit bedingt sein, bei der Betroffene aus wahnhaft falschen Überzeugungen Suizid begehen. Frauen, die schwer depressiv sind, wollen ihren Kindern zum Beispiel die aus ihrer Sicht schreckliche Zukunft ersparen. Männer sehen die Miteinbeziehung der Kinder auch als Strafe für die abtrünnige Partnerin. Sie bringen gleichsam den Partner in den Kindern um.

Männer fallen eher durch harte Taten auf, während Frauen bevorzugt versteckt handeln. Lässt sich das erklären? 

Günther:  Männer haben ein wesentlich höheres Aggressionspotenzial. Dieser Unterschied gilt nicht nur bei erweitertem Suizid. Männer wählen bei der Selbsttötung generell härtere Methoden, wie Erhängen, Erschießen oder Springen vor einen Zug. Frauen hingegen tendieren zu Gift oder Tabletten, was zur Folge hat, dass es trotz höherer Versuchszahlen weniger tatsächliche Selbsttötungen gibt.

Suchen suizidale Menschen gezielt die Öffentlichkeit? 

Günther:  Nein. Das lässt sich nicht verallgemeinern. Manche glauben, dass sie der Umwelt zeigen müssen, dass sie einen Grund für ihr Handeln haben. Viele Fälle sind aber auch einfach für die Öffentlichkeit spektakulär, ohne dass der Betreffende das beabsichtigt hat.

Warum erscheinen uns solche Familientragödien so unbegreifbar? 

Günther: Die Hintergründe sind begreifbar, wenn man sich mit den einzelnen Schicksalen näher beschäftigt. Wenn man beispielsweise die im Wahn veränderte Art zu denken versteht, dann kann man nachvollziehen, wie es zu diesen Unglücken kommt. Dazu muss man aber alle Mosaikteilchen kennen. Das macht es für einen Psychiater dann zwar nachvollziehbar, aber natürlich nicht weniger schrecklich.

Kann man solche Taten voraussehen? Gibt es Signale? 

Günther:  Es gibt Risikokonstellationen, bei denen man alarmiert wird. Wenn zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter schwer depressiv ist und eine enge Beziehung zu ihrem Kind hat, ist das Risiko erhöht. Oder wenn jemand Wahngeschichten erzählt, in die andere Familienmitglieder mit einbezogen werden. Allerdings ist Wahn seltener der Grund, vorwiegend führen biografische Entwicklungen zu Selbsttötungen.

Was lösen solche Taten bei Kindern aus?

Günther: Für Kinder ist das natürlich der Super-Gau. Die werden schwer traumatisiert und können das Geschehene nicht so verarbeiten wie Erwachsene. Häufig zeigen sie nicht direkt eine seelische Reaktion. Schwierigkeiten zeigen sich dann eher verzögert in anderen Bereichen. Sie kommen in der Schule schlechter mit, verhalten sich aggressiv, fallen durch Diebstahl auf oder nehmen Drogen. Und später im Leben: Opfer werden zu Tätern. Das kann man häufig beobachten, natürlich nicht zwangsläufig, aber doch immer wieder.

Lassen sich missglückte erweiterte Suizidversuche psychologisch aufarbeiten? 

Günther: Grundsätzlich ja. Man sollte es sicherlich stets versuchen. Die biografische Narbe lässt sich zwar nicht entfernen. Dass wir Fachleute die Taten verstehen, heißt noch nicht, dass sie für den Betroffenen verständlich sind. Das kann man therapeutisch ändern. Es gilt, die Tat in den lebensgeschichtlichen Zusammenhang des Betreffenden zu stellen und zu akzeptieren. Die Betreuung ist da sehr individuell.

Die Fragen stellte Lasse Deppe

Zur Person:

Dr. med Rolf Günther (60) ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Vitos Kurhessen-Klinik. Er hat in Bonn Medizin studiert. Seine Weiterbildung zum Facharzt absolvierte er am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie. Er ist stellvertretender Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und arbeitet in der psychiatrischen Ambulanz, die sich in der Karthäuserstraße 3 in Kassel befindet. Günther ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt seit 30 Jahren in Kassel. (lad)

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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