Sat.1-Film „Der Rücktritt“

Interview: Kai Wiesinger spielt Ex-Bundespräsident Christian Wulff 

Szenen eines Rücktritts: Kai Wiesinger spielt die Rolle des als farblos geltenden Bundespräsidenten Christian Wulff, der im Februar 2012 von seinem Amt zurücktrat. Foto: sat.1

Das Sat.1-Dokudrama "Der Rücktritt" (Dienstag, 20.15 Uhr) mit Kai Wiesinger in der Hauptrolle blickt zurück auf die Zeitspanne, in der Ex-Bundespräsident Christian Wulff sich immer wieder mit neuen Vorwürfen der Medien konfrontiert sah. 

Im Interview spricht Wiesinger über die Grenzen von Dokumentation und Fiktion sowie die Verantwortung, die die Rolle des Bundespräsidenten mit sich bringt.

Der Fall des Karl-Theodor zu Guttenberg wurde komödian-tisch aufbereitet, warum wurde aus der Causa Wulff ein Drama?

Kai Wiesinger: In „Der Rücktritt“ geht es um uns, unsere Gesellschaft, wie wir miteinander umgehen. Ich glaube nicht, dass Satire da das richtige Genre gewesen wäre. Es ist wichtig, dass wir Künstler Fragen unserer Gesellschaft aufgreifen, uns äußern, Fragen stellen sollten. Ich glaube, es ist hier sinnvoller, man tut das in einem Dokudrama, als das Thema lustig aufzuarbeiten.

Wird man Christian Wulff denn gerecht, wenn man ihn auf seine letzten 68 Tage im Amt beschränkt?

Wiesinger: Der Film hat nicht den Anspruch, eine lebenslange Biografie nachzuzeichnen. Es ist ein Zeitfenster, das beleuchtet werden soll. Alles was nicht dokumentarisch ist, ist Fiktion, entstanden durch sehr genaue Recherchen. Es bleibt eine Interpretation von uns Schauspielern und erhebt nicht den Anspruch, die unumstößliche Realität des Christian Wulff und sein Empfinden wiederzugeben.

Ist das auch der Grund, warum Sie sich dagegen entschieden haben, im Vorfeld Kontakt zu Christian Wulff aufzunehmen?

Wiesinger: Man könnte so was tun, wenn man einen Dokumentarfilm dreht, wenn man sagt: „Ich möchte jetzt Ihre Meinung hören und wiedergeben.“ Es ist auch von Christian Wulff richtig, nicht im Vorfeld über den Film zu sprechen oder sich zu involvieren. Wir wollen ja nicht behaupten, Christian Wulff hat zu dem Zeitpunkt garantiert das so und so gesagt.

Spielt man denn trotz künstlerischer Freiheit eine reale Figur anders als einen fiktiven Charakter?

Wiesinger: Man hat auf jeden Fall eine andere Verantwortung. Es gibt einen Menschen, dem man in der Interpretation gerecht werden möchte. Ich will schon, dass ich dem Menschen Christian Wulff nicht unrecht tue, was aber nicht heißt, dass ich sein Sprachrohr bin. Das versuche ich aber auch jeder Figur gegenüber, die rein fiktional ist, sie so wahrhaftig und ehrlich darzustellen, wie es nur möglich ist.

Wie bereitet man sich auf die Rolle vor, wenn es einem eher auf Stimmung als auf Fakten ankommt?

Wiesinger: Wir sind in allem, was gesagt wird, sehr nah dran an dem, was belegt werden kann. Es gibt Szenen, die sind komplett belegt. Zum Beispiel im Flugzeug auf der Italienreise. Da ist jede Frage von den Journalisten so gefragt worden und jede Antwort ist so von Christian Wulff gegeben worden. Aber es gibt eben Situationen, da war das Ehepaar Wulff allein im Wohnzimmer. Man kennt nur das Ergebnis, und deswegen wird hier nur angenommen, dass sich die Gespräche so abgespielt haben könnten.

Ist es aus Ihrer Sicht denn fair, dass man bei einem Menschen in Wulffs Position viel genauer hinguckt als bei anderen?

Wiesinger: Das ist eine der zentralen Fragen. Was ist die Aufgabe des Bundespräsidenten? Brauchen wir überhaupt einen? Und was erwarten wir? Da ist es natürlich erlaubt, nach moralischem Fehlverhalten zu suchen. Gerade wenn jemand das Amt innehat, der vorher sehr auf moralisch korrektes Verhalten anderer geachtet hat. Und das hat Christian Wulff als Ministerpräsident getan. Ich frage aber: Ist es sinnvoll, dass wir Menschen in diesen Kategorien denken? Dass wir denken, gibt es jemanden, der unfehlbar ist? Wo ist diese Grenze? Moral ist immer etwas Menschgemachtes. Was in Deutschland moralisch höchst verwerflich ist, ist vielleicht in einem Nachbarland vollkommen in Ordnung.

Warum wäre das Amt des Bundespräsidenten nichts für Kai Wiesinger?

Wiesinger: Ich möchte ein Künstler sein, der Fragen stellt und versucht, mit den Zuschauern gemeinsam Antworten zu finden. Ich möchte nicht der sein, der sagt: Ich hab irgendeine tolle Antwort. Ich weiß, dass ich nichts weiß.

Von Lasse Deppe

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